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Update: 10.09.2018, 13:18 Uhr

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"Unsere" Weltmeisterin




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Von Matthias G. Bernold

  • Die Wiener Fahrradbotin Clara Felis alias Orca holte sich beim Cycle Messenger World Championship in Riga den Weltmeisterin-Titel. Und das gleich in zwei Disziplinen.

Jetzt auch noch Weltmeisterin: Clara Felis aka "Orca" .

Jetzt auch noch Weltmeisterin: Clara Felis aka "Orca" .© Hermes Jetzt auch noch Weltmeisterin: Clara Felis aka "Orca" .© Hermes

Verfasst man das Porträt eines Menschen, versucht man oft, die eine, prägende Eigenschaft, das eine große Interesse oder die eine große Leidenschaft zu finden, die einen Menschen ausmachen. Im Fall von Clara Felis ist das eine anspruchsvolle Aufgabe.

So vielfältig und auf den ersten Blick unterschiedlich sind nämlich die Interessen, die die 32-Jährige prägen: Clara Felis spielt Fußball bei FC Mariahilf, fährt als Radbotin bei Hermes, arbeitet als Buchhändlerin im Lhotzkys Literaturbuffet. Sie dichtet, organisiert Poetry Slams und Botenrennen. Wenn man einen roten Faden in ihrem Leben finden will, dann vielleicht diesen: ihr Wille, konsequent ihr eigenes Ding durchzuziehen. Ohne Rücksicht auf Erwartungshaltungen.

Information

Die 26. Weltmeisterschaft der Fahrradboten fand heuer in Riga (Lettland) von 22. bis 26. August statt. Clara Felis holte sich dabei den Titel im Hauptbewerb sowie im Cargo-Race.

Jetzt sitzt sie uns gegenüber im Obergeschoß der kleinen Fahrrad-Werkstatt, wo wir unser provisorisches Ton-Studio eingerichtet haben. Mit Fahrrad-Kappe über den kurzen Haaren und T-Shirt, die Botentasche hinter sich auf einem Sessel. Schüchtern wirkt sie irgendwie – vielleicht aber auch nur gelassen. Spricht bedächtig, nimmt sich die Zeit nachzudenken, formuliert dann präzise und ohne Umschweife: Worte, die sich direkt von A nach B bewegen.

Clara ist gerade aus Riga zurückgekommen, wo sie die Weltmeisterschaft der Radbotinnen gewonnen hat. In zwei Bewerben – dem Hauptbewerb und der Cargobike-Race – setzte sie sich gegen alle anderen Konkurrentinnen durch. Der Weltmeistertitel kommt zu einer Reihe von Europameistertiteln, die sie seit dem Jahr 2015 eingesammelt hat. Gefragt wie es denn gewesen sei, kommt die Antwort lapidar: "Es ist gut gelaufen, ich hatte Spaß, und es hat zum Titel gereicht."

Wer nicht weiß, wie die Radbotenrennen ablaufen: Anders als bei den – Alley Cat genannten – inoffiziellen Botenrennen, die weitgehend ohne Regeln und mitten im Straßenverkehr ablaufen, sind die offiziellen Wettbewerbe mehr oder weniger streng reguliert. Auf abgesperrten Parcours – in Riga war die Rennstecke am Campus der Technichen Universität eingerichtet – radeln die Teilnehmenden verschiedene Wegpunkte ab und müssen dabei Gegenstände (Briefe, Autoreifen, Eierkartons) umhertransportieren. Ein sogenanntes Manifest beschreibt die Aufgaben, die dem Geschehen im Berufsleben der Radkuriere nachempfunden sind. Durch Erfüllen dieser Aufgaben erhalten die Wettkämpfer Punkte bzw. "Geld" gutgeschrieben. Wer innerhalb eines bestimmten Zeitraums die meisten Punkte gesammelt hat, nimmt den Pokal mit nach Hause.

Als Radbotin arbeitet Clara beim Wiener Botendienst "Hermes", der als selbstverwaltetes und basisdemokratisches Kollektiv organisiert ist. "Mir gefällt, dass es dort keinen Chef gibt und dass man niemandem untergeordnet ist", erklärt sie: "Und dass man Arbeitsklima und Arbeitsverhältnisse mitgestalten kann."

Sich nichts dreinreden lassen müssen, ist eines von mehreren großen Themen für Clara, die als kleine Schwester dreier großer Brüder aufwuchs. Sich durchsetzen lernen, war Programm. Der Erwartungshaltung der Eltern entsprach ihr Verhalten nicht: Clara spielte schon als sie elf Jahre alt war im Fußballverein. Als einzige in der Familie. Die Brüder – erzählt sie – interessierten sich überhaupt nicht für diesen Sport.

Wir fragen sie an einem Punkt im Interview, welchen Spruch sie sich auf den Körper tätowieren würde, wenn sie müsste: "Committmensch" antwortet sie darauf nach einigem Nachdenken. "To committ" bedeutet im Englischen so viel wie "sich einer Sache verschreiben" oder "für eine Sache einstehen". Auch Engagement steckt in diesem Wort. Für Clara geht es mit dem Gedanken einher, dass gesellschaftliche Veränderung oder Verbesserung mit der Änderung des eigenen Umfelds beginnt. Vielleicht auch damit, sich selbst zu erkennen und herauszufinden, wer man wirklich sein will.  "Veränderung beginnt, wenn sie im Alltag gelebt wird", sagt sie, "und nicht, weil sie in große Parolen gemeißelt wird." Wenn mensch sein Umfeld verändere oder zur Veränderung anstachle, könne sich daraus eine Welle entwicklen, ist sie überzeugt.

"In meinen Texten will ich Menschen die Kraft und die Zuversicht geben, ihr eigenes Potenzial zu leben", sagt Clara, die vergleichende Literaturwissenschaften studiert und nachher noch eine Lehre als Buchhändlerin absolviert hat: "Ich will aufrütteln, den Leuten Mut geben, sich selbst auszuleben." Und noch etwas sei wichtig: "Die Freude am Leben teilen und sich nicht unterkriegen lassen, weil das politische System nicht dem entspricht, was man gerne hätte."

Dem kann man eigentlich nichts hinzufügen.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-10 11:37:27
Letzte Änderung am 2018-09-10 13:18:38


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