• vom 07.11.2018, 07:24 Uhr

Jüdisch leben

Update: 07.11.2018, 07:35 Uhr

Jüdisch leben

Ambivalentes Novembergedenken




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Von Alexia Weiss

  • 80 Jahre nach den Novemberpogromen gedenken das offizielle Österreich, die Kultusgemeinde und viele kleine Initiativen der Opfer der Schoa. Es ist ein zwiespältiges Gedenken, in dem vor allem die ÖVP omnipräsent zu sein scheint, man sich aber gleichzeitig mit der FPÖ als Regierungspartei auseinanderzusetzen hat.

Dort, wo sich heute bei Regenwetter, eine Lacke bildet, stand bis zur Pogromnacht im November 1938 der große Leopoldstädter Tempel, dessen stehen gebliebenes Seitengebäude, in dem sich heute eine jüdische Schule und eine Synagoge befinden, hier im Wasser spiegelt.

Dort, wo sich heute bei Regenwetter, eine Lacke bildet, stand bis zur Pogromnacht im November 1938 der große Leopoldstädter Tempel, dessen stehen gebliebenes Seitengebäude, in dem sich heute eine jüdische Schule und eine Synagoge befinden, hier im Wasser spiegelt.© Alexia Weiss Dort, wo sich heute bei Regenwetter, eine Lacke bildet, stand bis zur Pogromnacht im November 1938 der große Leopoldstädter Tempel, dessen stehen gebliebenes Seitengebäude, in dem sich heute eine jüdische Schule und eine Synagoge befinden, hier im Wasser spiegelt.© Alexia Weiss

Wie war das Leben im Ghetto? Oskar Rosenfeld habe darauf geantwortet: "Das Essen war wie zu Jom Kippur, das Wohnen wie zu Sukkot, gekleidet waren wir wie zu Purim", zitierte Moshe Cohn von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem am Dienstag bei einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocauststudien (VWI) und der Misrachi zum Thema "Belastbarkeit und Widerstand. Leben und lernen unter unmenschlichen Bedingungen" den Chronisten des Ghettos Lodz. Anders als bei anderen Erinnerungsfeierlichkeiten – das Gros findet heuer bereits am 8. November statt, da der 9. November, an dem vor 80 Jahren in Wien Synagogen brannten, heuer auf einen Freitag Abend und damit Schabbat fällt – wollten die Organisatoren hier die Opfer der Schoa nicht nur als Opfer zeigen, sondern das hervorheben, was sie trotz widrigster Umstände dennoch an jüdischem Leben weiterzuführen versuchten.

Zurück zu Oskar Rosenfeld: Was wie ein Witz daherkommt, ist bei näherer Betrachtung todernst. Wer isst wie zu Jom Kippur, hat nichts zu essen – am Versöhnungstag wird gefastet. Wer wohnt wie zu Sukkot, dem Laubhüttenfest, lebt in einer wackeligen Behausung mit undichtem Dach, ohne Heizung, ohne fließendes Wasser. Und zu Purim verkleidet man sich, trägt also keine Kleidung, die man sonst anziehen würde. So geht jüdischer Humor, könnte man sagen. Galgenhumor gar – Rosenfeld überlebte die Schoa nicht, er wurde schließlich nach Auschwitz deportiert, wo er ermordet wurde. Cohn interpretiert diese bitteren Worte aber auch als Bemühen um Kontinuität.

Moshe Tarshansky von der Etzon Foundation in Israel hat sich der rabbinischen Responsa-Literatur angenommen und ist dabei auf vielerlei Fragestellungen gestoßen, mit denen Rabbiner während der NS-Zeit in Ghettos und Lagern konfrontiert gewesen sind. Aus heutiger Sicht sind manche davon schlicht erschütternd – etwa wenn sich Menschen, die im Ghetto so wenig zu essen bekamen (im Warschauer Ghetto waren beispielsweise 184 Kalorien pro Tag und Person vorgesehen), dass täglich Leichen von Verhungerten auf den Wegen zwischen den Häusern lagen, Gedanken darüber machten, ob es, wenn sie zu nicht koscherem Fleisch kommen, ok ist, dieses zu essen. Was aus heutiger Sicht erstaunt, nämlich, dass überhaupt nachgedacht wurde, ob man dies nun zu sich nimmt oder nicht, da auch die Halacha, das jüdische Religionsrecht vorsieht, dass, wenn man sonst verhungert, nicht Koscheres gegessen werden darf, zeigt aber auch, dass Menschen immer noch einen Hoffnungsschimmer sahen und sich ihr künftiges Leben durch eine solche Übertretung nicht schlechter machen wollten.

Andere Fragen betrafen etwa die Sorgen von Eltern, was aus ihren Kindern wird, wenn sie in einer christlichen Familie oder gar in einem Kloster versteckt beziehungsweise aufgenommen würden. Tarshansky fand hierzu eine rabbinische Empfehlung, ein Kind einer christlichen Familie anzuvertrauen, nicht aber einem Konvent, da sonst Gefahr bestehe, dass das Kind zum christlichen Glauben erzogen werde und seine jüdische Identität verliere. Auch dies mutet mit dem heutigen Wissen um die Schoa zweitrangig an, denn in der Rückschau ist klar, dass jeder Strohhalm genutzt werden musste, um sich oder seinen Kindern das Überleben zu ermöglichen.

Nur mehr wenige Überlebende

Wie das Überleben gelang, davon können heute nur mehr wenige berichten. Erst diesen Oktober starb der Theresienstadt-Überlebende Rudi Gelbard, der sich den Kampf gegen und das Warnen vor Faschismus und Antisemitismus zur Lebensaufgabe gemacht hat. Das Jewish Welcome Service, das seit mittlerweile Jahrzehnten regelmäßig mit Unterstützung der Stadt Wien Überlebende sowie inzwischen auch deren Nachkommen nach Österreich einlädt, ermöglicht nun auch anlässlich der 80-Jahr-Novemberpogrom-Gedenkfeierlichkeiten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen einen Besuch in Wien. Gemeinsam mit ESRA, dem psychosozialen Zentrum der Israelitischen Kultusgemeinde, das heute dort zu finden ist, wo einst der große Leopoldstädter Tempel stand, wird am Donnerstag (8. November) zu einem Gedenken geladen, in dessen Mittelpunkt eben Erinnerungen von Zeitzeugen und –zeuginnen stehen: Es lesen oder berichten Erich Beyer, Yitzhak Kashti, Michaela Puntigam und Hannah Rieger. Zu Wort kommt zudem der Schriftsteller Robert Schindel, selbst ein child survivor. Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat zu dieser Feierlichkeit sein Kommen angesagt, an deren Ende Danielle Spera, die Direktorin des Jüdischen Museums Wien, eine Lichtskulptur von Lukas Maria Kaufmann, die in der Tempelgasse und an 24 weiteren Standorten zerstörter Synagogen in Wien, an die Pogromnacht erinnern wird, erleuchtet.

Am Donnerstag wird aber auch an vielen anderen Orten in Wien der entsetzlichen Ereignisse vor 80 Jahre gedacht. Im Rahmen der wöchentlichen Proteste gegen die aktuelle ÖVP-FPÖ-Regierung unter dem Titel "Am 8. November ist wieder Donnerstag!" wird zum Beispiel vor dem Polizeianhaltezentrum an der Rossauer Lände an jene Jüdinnen und Juden erinnert, die im Zug der Novemberpogrome in das Polizeigefängnis, das sich damals dort befand, verbracht wurden. Reden wird es an diesem Donnerstag von der Schriftstellerin Julya Rabinowich und von Benjamin Hess, dem Vorsitzenden der Jüdischen Österreichischen HochschülerInnen, geben. Gleich im Anschluss startet am Heldenplatz der jährlich von der jüdischen Jugend der IKG ausgerichtete "Light of Hope", wo bei der Abschlusskundgebung am Heldenplatz Staatssekretärin Karoline Edtstadler und Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka sowie IKG-Präsident Oskar Deutsch sprechen. Oberrabbiner Arie Folger wird das Gebet halten.

Die traditionelle Mahnwache unter dem Titel "Niemals vergessen! Nie wieder Faschismus!" am Gelände des ehemaligen Aspang-Bahnhofes, von wo tausende Wiener Juden und Jüdinnen in den Tod transportiert wurden, findet trotz Schabbat auch heuer am 9. November statt. Dazu ruft ein breites Bündnis von Grünen, KZ-Verbänden, KPÖ, Gedenkdienst, Sozialistischer Jugend, Mauthausen-Komitee und vielen anderen auf. Schon am Morgen des 9. November wird der Bundespräsident einen Kranz vor dem Schoa-Mahnmal von Rachel Whiteread am Judenplatz niederlegen.

In diesem traurigen Jubiläumsjahr luden zudem auch Bundeskanzler Sebastian Kurz und Bildungsminister Heinz Faßmann österreichische Überlebende aus Israel nach Wien ein. Am heutigen Mittwoch ist dabei eine Stadtführung durch das jüdische Wien geplant, ein Besuch des Maimonides Zentrum, der Seniorenresidenz der IKG, sowie ein Treffen mit Oskar Deutsch in den IKG-Räumlichkeiten in der Seitenstettengasse, am Donnerstag gibt es die Möglichkeit zu Schulbesuchen und abends – vor der Teilnahme am "Light of Hope" - einen Austausch mit dem jüdischen ÖVP-Nationalratsabgeordneten Martin Engelberg. Am Freitag wird die Gruppe im Parlament empfangen, am Montag (12. November) nimmt sie am Staatsakt "100 Jahre Republik" in der Staatsoper teil.

Staatsbürgerschaft für Nachkommen von Überlebenden

Diese Geste von Kurz und seinem Kabinett ist ebenso löblich wie die bereits im Regierungsprogramm festgeschriebene Möglichkeit, Kindern und Enkelkindern von Überlebenden die österreichische Staatsbürgerschaft zu verleihen. Wie der Kanzler in einem diese Woche vom "The Jewish Chronicle" online veröffentlichten Interview betonte, schließt dies auch die Möglichkeit einer Doppelstaatsbürgerschaft ein. Zudem müssen die Antragsteller auch nicht nach Österreich übersiedeln. Noch ist das dafür nötige Gesetz allerdings nicht verabschiedet.

Insgesamt ist die ÖVP bei den aktuellen Feierlichkeiten omnipräsent – im Gegensatz zum Koalitionspartner FPÖ. Hier spielt sicherlich auch mit, dass FPÖ-Vertreter teils schlicht nicht erwünscht sind, dann nämlich, wenn auch die IKG mitorganisiert oder einlädt, denn der Kultusratbeschluss, wonach es keinen offiziellen Kontakt mit FPÖ-Vertretern gibt, ist weiterhin aufrecht. Und selbst wenn jemand aus den FPÖ-Reihen teilnehmen würde, empfänden das wohl Überlebende und viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde angesichts sowohl der Geschichte der Partei als auch der immer wieder aufpoppenden "Einzelfälle" als Affront. Bei dem Gedenken im Parlament ist aber wohl davon auszugehen, dass auch FPÖ-Vertreter - wie bei ähnlichen Veranstaltungen in diesem Frühjahr - anwesend sein werden.

Dass sich Kurz nun so ostentativ hinter die jüdische Gemeinde stellt, gleichzeitig aber mit der Partei koaliert, mit der er koaliert, und mit dieser einen ebenso ostentativen Antimigrationskurs fährt, ist in sich nicht stimmig. Und insoferne ist die Stimmung diesbezüglich in der jüdischen Gemeinde durchaus gespalten: Die einen freuen sich über Kurz projüdisches Engagement, das ja auch im Sinn der Community ist. Andere nehmen für die freiheitlichen Ausritte, aber auch die ausländerfeindliche Stimmung, die nicht zuletzt im Sinn des "Nie mehr wieder" nicht akzeptabel scheint, die ganze Regierung, und damit auch die ÖVP in die Pflicht, wie etwa der Schriftsteller Doron Rabinovici.

Bei der Donnerstags-Demo in der vergangenen Woche betonte er unter anderem: "Diese Regierung verbrüdert sich mit jenen, die weltweit gegen die liberale Demokratie und unabhängige Medien mobil machen. Sie spielt die Bevölkerung aus gegen das Völkische. Sie will das Parlament durch das Plebiszit entwerten. Sie verleumdet jegliche Kritik als Nestbeschmutzung. Ihr freiheitlicher Teil lässt antisemitische Verschwörungslegenden gegen George Soros verbreiten. Kanzler Kurz diffamiert die Lebensretter von "Ärzte gegen Grenzen" als Schlepper. Die Koalition steigt nun auch noch aus dem Migrationspakt aus. Sie vereitelt die internationalen Lösungen, um weiterhin den Hass gegen Flüchtende schüren zu können." Ähnliches ist diesen Donnerstag auch in den Reden von Julya Rabinowich und Benjamin Hess zu erwarten, die sich auch schon in der Vergangenheit in diese Richtung äußerten.

Schwieriges Gedenken

Und so ist es 80 Jahre nach den Novemberpogromen von 1938 teils ein schwierigeres Gedenken als in manchem Jahr zuvor. Das "Nie mehr wieder" hat seine Überzeugungskraft verloren, man schaut nach Frankreich, Deutschland und denkt an den jüngsten Anschlag auf eine Synagoge in Pittsburgh und es beschleicht einen ein ungutes Gefühl. Man wähnt sich in Österreich einerseits sicher und ist doch gleichzeitig entsetzt, was da von freiheitlicher Seite immer wieder aufkommt, was aber auch in den sozialen Netzwerken an Antisemitismus geäußert wird und – siehe Pittsburgh (der Täter war zuvor einschlägig in social media unterwegs) – auch hier zu Lande plötzlich durch entsprechende Taten erschüttern kann. Bleibt die Hoffnung, dass dies – auch Dank des Sicherheitskonzepts für jüdische Einrichtungen in Wien – nie passieren wird. Aber vielleicht ist auch das zu gutgläubig.

Wann ist der Zeitpunkt gekommen, sich wirklich Sorgen zu machen, sich tatsächlich mit der Frage zu beschäftigen, wohin man auswandern soll? Das denke ich, ist etwas, was Jüdinnen und Juden aus der Geschichte gelernt haben sollten. Erkenne die Zeichen. Und in diesem Sinn ist es auch kein Alarmismus, wenn auf jedes gesprayte Hakenkreuz (diese Woche fand sich eines auf einer Erinnerungstafel für Miep Gies im Miep-Gies-Park, sie stammte aus Wien und war eine der Personen, die Anne Frank in Amsterdam versteckten) hingewiesen und jede problematische Äußerung eines FPÖ-Funktionärs angeprangert wird. Für mich gehört dazu aber eben – siehe auch die Worte von Doron Rabinovici – genauso, insgesamt für die Rechte von Menschen einzutreten und Hetze gegen bestimmte Gruppen nicht zuzulassen beziehungsweise diese aufzuzeigen und dagegen anzukämpfen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-07 07:28:28
Letzte Änderung am 2018-11-07 07:35:43


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