• vom 20.11.2018, 10:17 Uhr

Jüdisch leben

Update: 20.11.2018, 10:36 Uhr

Jüdisch leben

Der Minister irrt




  • Artikel
  • Kommentare (6)
  • Lesenswert (36)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexia Weiss

  • Antisemitismus im Netz bekämpft man nicht durch Ignorieren. Dass Hass gegen Juden in sozialen Medien durchaus auch in Terror in der Realität münden kann, zeigte das Attentat von Pittsburgh.

Alexia Weiss - © Paul Divjak

Alexia Weiss © Paul Divjak

Drei Mal habe ich eben die Passage nachangehört. Aber der Inhalt des Gesagten verändert sich natürlich nicht. Kürzlich war der US-Investor George Soros zu Gesprächen mit Bundeskanzler Sebastian Kurz und Wissenschaftsminister Heinz Faßmann (beide ÖVP) in Österreich, da die von ihm finanzierte Central European University von Budapest nach Wien verlegt werden soll. In den Debattenbeiträgen unter Zeitungsberichten vor allem über das Treffen von Soros mit dem Kanzler sowie auf Twitter entlud sich darauf Hass und jede Menge Antisemitismus.

Dazu gestern Abend in der ZIB2 des ORF befragt, meinte Minister Faßmann: "Was sich im Internet so alles abspielt, also da ist manchmal mehr Abstand durchaus ratsam." Und dann auf Nachfrage des Interviewers, was in diesem Zusammenhang mehr Abstand bedeute, wenn es eine antisemitische Grundspülung hochspüle: "Richtig. Genau. Das muss man nicht alles zur Kenntnis nehmen. Das sollte man ignorieren, weil es zu ignorieren ist. Das hat ja nichts mit der Person George Soros im Prinzip zu tun."

Ich möchte es gerade heraus formulieren: Hier irrt der Minister. "HIAS (Hebrew Immigrant Aid Society, Anm.) will Invasoren hereinbringen, die Menschen töten. Ich kann nicht abwarten und zusehen, wie meine Leute geschlachtet werden", schrieb Robert Bowers, der schließlich in einer Synagoge in Pittsburgh ein Blutbad anrichtete, auf seinem GAB-Account (einem sozialen Medium). Juden bezeichnete er dort zudem als "Kinder Satans".

Hass im Netz ist nicht harmlos

Antisemitismus im Netz ist nicht zu verharmlosen. Darüber waren sich auch Experten und Expertinnen einig, die vergangene Woche auf Einladung der Österreichischen HochschülerInnen (ÖH) bei der Konferenz "Confronting Antisemitism" sprachen. So betonten Samstag Abend die deutsche Soziologin und Autorin Jutta Ditfurth und Tuija Wigard von der Berliner Monitoring-Einrichtung "Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus", dass es hier gesamtgesellschaftliche Gegenstrategien brauche. Denn wer seinem Antisemitismus im Netz freien Lauf lässt, der kann eines Tages so überzeugt davon sein, dass er das Richtige tut, dass er im realen Leben zur Waffe greift und damit zur Tat schreitet. In Echokammern bestätigen einander Gleichgesinnte immer und immer wieder. Das ermuntert, das führt zu einem Gefühl der Stärke.

Womit wir wieder beim Thema Soros sind. Der Name triggert einerseits Antisemitismus und andererseits wird er inzwischen ebenso als Code benutzt wie der Name Rothschild. Zur Code-Werdung trug in Österreich in nicht unerheblichem Maß die FPÖ bei. So sprach beispielsweise FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus vergangenes Frühjahr in einem Interview von "stichhaltigen Gerüchten", dass Soros "mit viel Kapitalmacht versucht habe, alle möglichen Umwälzungstendenzen in Osteuropa zu finanzieren". Und Gudenus meinte, Soros habe NGOs finanziert, die "für die Massenmigration" nach Europa mitverantwortlich seien. Vizekanzler Heinz-Christian Strache sprang Gudenus, als dieser für seine Aussage in die Kritik geriet, bei und meinte, es handle sich um sachliche Kritik "abseits jeder Konfession". Der heutige Verkehrsminister Norbert Hofer wiederum hatte 2017 erklärt, "Soros steuert mit Sicherheit einiges auf der Welt, auch die Flüchtlingsströme. Das weiß man."

Wie sehr der Name Soros triggert, das musste nun auch der Kanzler erfahren. Sein Tweet über das Treffen mit dem US-Investor führte zu Reaktionen wie: "Soros, der die Massenmigration finanziert? Der Soros?" oder "Soros ist ein Jude Sebastian" oder "halte den Teufel weg von uns". Als der Kurier über diesen Shitstorm im Netz berichtete, gingen auch unter dem Artikel die Wogen hoch. Die Kommentarfunktion wurde schließlich mit diesem Hinweis gesperrt: "Nachdem zu dem Thema keine konstruktive Diskussion stattfand, sahen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion abzuschalten."

Doppelbödigkeit

Diese Woche veranstaltet die Regierung eine prominent besetzte Antisemitismus-Konferenz in Wien. Das ist ebenso verdienstvoll wie das Bemühen um gute Beziehungen mit dem Staat Israel oder die Einladung von Holocaust-Überlebenden nach Österreich. Das, was sich rund um den Besuch von Soros abspielte, muss den Verantwortlichen aber vor Augen führen, dass es am Ende nichts helfen wird, um den heißen Brei herumzuschleichen, aber eben nicht über das zu reden, worüber zu reden ist: Das doppelbödige Agieren der FPÖ.

Eine Vogel Strauß-Politik wird weder im Umgang mit Antisemitismus im Netz noch mit dem Koalitionspartner FPÖ funktionieren. Hass im Netz verschwindet durch Nichtbeachtung nicht. Ignorieren kann nicht die Lösung sein. Und der Antisemitismus in den Reihen der FPÖ löst sich nicht in Luft auf, indem man über ihn schweigt. Die FPÖ ist Meisterin der Agitation im Netz. Bei Soros ist die Saat gut aufgegangen. Wer wird nun die Früchte ein für alle Mal zerstören? Kurz kann sich offenbar nicht dazu aufraffen. Doch je länger er hier zusieht, desto mehr macht er sich durch diese Akzeptanz auch mitschuldig für das, was in den Reihen der FPÖ vor sich geht. Es braucht endlich Klarheit. Auf allen Ebenen.





6 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-20 10:21:54
Letzte Änderung am 2018-11-20 10:36:17


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Weinverbot für Österreich!
  2. Ein kompletter Stopp der Migration aus Afrika ist nicht sinnvoll
  3. Appell für Großzügigkeit
  4. Wie uns das "Smartwater" von Coca Cola verführen soll
  5. Masse und Macht
Meistkommentiert
  1. Kein Bruch mit der Merkel-Ära
  2. Mörderisch ökologisch
  3. Großmächte der leeren Worte
  4. Man wird Angela Merkel noch vermissen
  5. Gefährlicher Schatten

Werbung




Werbung