• vom 29.11.2018, 17:53 Uhr

Jüdisch leben

Update: 29.11.2018, 18:02 Uhr

Jüdisch leben

Multikulti ist Realität




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Von Alexia Weiss

  • Der erste Adventsonntag fällt heuer mit dem Beginn von Chanukka zusammen. Schön, dass man im melting pot Wien im einen Geschäft Schokoladenikolos kaufen kann und im anderen Schokolade-Chanukka-Gelt. Was macht eine multikulturelle Gesellschaft aus? Es gibt viele verschiedene Lebensentwürfe und kulturelle Zugehörigkeiten. Jeder kann leben, wie er möchte, dennoch gibt es zwischen den einzelnen Gruppen Berührungspunkte: Einer davon kann die Schule sein, in welcher sich nicht nur die Kinder anfreunden, sondern auch die Eltern miteinander ins Gespräch kommen.

Chanukka-Regal im koscheren Supermarkt Shefa in der Heinestraße.

Chanukka-Regal im koscheren Supermarkt Shefa in der Heinestraße.© Alexia Weiss Chanukka-Regal im koscheren Supermarkt Shefa in der Heinestraße.© Alexia Weiss

Beim Bäcker war die Dekoration heute Früh rot und schwarz gehalten: Nikolos und Krampi (ja, ich wollte eigentlich Krampusse schreiben, aber der Duden sagt klar: Krampi) beherrschten die Theke. Im koscheren Supermarkt gab es dagegen alles für Chanukka: Kommenden Sonntag zünden wir heuer das erste Licht. Ein Regal voller Chanukkiot, Kerzen, Öl und Dochte bietet eine wunderbare Auswahl. Um das ewige Kerzendilemma zu umschiffen (interessanterweise gibt es nie die absolut perfekt passenden Kerzen für Chanukka-Leuchter, was mich jedes Jahr erneut die Frage stellen lässt, warum es dieses Problem mit Christbaumkerzen nicht zu geben scheint), habe ich mich heuer für Olivenöl entschieden. Das gibt es bereits in kleine Becherchen mit Docht abgefüllt, die man in den Chanukka-Leuchter einsetzen kann.

Und dann ist da noch die Überlegung, dass Öl ja eigentlich viel näher an dem dran ist, was damals im Tempel passierte. Die jüdischen Traditionen sollten verschwinden und durch griechische ersetzt werden. HaSchem sollte Geschichte sein, angebetet wurde nun Zeus. Dank der Makkabäer und ihrem erfolgreichen Aufstand konnte der Tempel wiedereingeweiht werden. Doch es war nicht mehr genug Öl da, um die Menora am Leuchten zu halten. Es musste neues Öl gefertigt werden, was acht Tage in Anspruch nahm. Das Wunder, an das wir uns jedes Jahr zu Chanukka erinnern, bestand darin, dass das Öl nicht nur wie erwartet für einen, sondern die ganzen acht Tage reichte.

Gegessen werden daher auch in Öl herausgebratene Speisen: Sufganjot (Krapfen) in verschiedensten Varianten und Latkes (Kartoffelpuffer) sind dabei die gängigsten Speisen. Dass meine Tochter just am morgigen Freitag im Biologieunterricht ein Referat über Sonnenblumen- und Rapsölproduktion halten wird, ist da auch so etwas wie ein Wink des Schicksals. Ich bin ja grundsätzlich nicht abergläubisch, aber manchmal ist es schon erstaunlich, wie Begebenheiten aus verschiedenen Lebensbereichen am Ende des Tages zu einem Ganzen zusammenwachsen.

Was ist Integration?

Ich meinerseits werde am morgigen Tag meine afghanischen Freunde, die seit mittlerweile dreieinhalb Jahren in Österreich leben, sich aber immer noch im Asylverfahren befinden, zu ihrem Termin beim Bundesverwaltungsgericht begleiten. Dabei könnte auch das Thema Integration zur Sprache kommen. Natürlich werden sie auch weiterhin wie bisher ihre Feste feiern, natürlich werden sie auch weiter ihre Lieblingsspeisen von zu Hause kochen oder sich zu Hause in ihrer Muttersprache Dari unterhalten.

Aber sie mögen Wien, wissen, wie sie von Punkt A zu Punkt B kommen, sie sprechen genug Deutsch, um sich im Alltag gut zu verständigen oder Zeitungsberichte halbwegs zu verstehen. Die Kinder gehen in Schule und Kindergarten, sie freuen sich schon auf ihre Nikolo-Säckchen, darauf, dass der Schnee auch in der Stadt liegen bleibt und auf das Ponyreiten am Weihnachtsmarkt, den wir am Wochenende gemeinsam besuchen werden. À propos: Gibt es eigentlich einen Witz, der mit den Worten beginnt, geht eine jüdische Familie mit einer muslimischen Familie auf den Christkindlmarkt ...? Falls nicht, da würden sich doch verschiedenste Erzählfenster öffnen. Wenn man die Dinge mit Humor nimmt. Oder als Selbstverständlichkeit ansieht.

Multikulturalität ist in Wien Alltag. Sie ist da. Sie ist nichts, wo man dagegen oder dafür sein kann (das geht natürlich schon, nur ändern würde es wenig), Multikulturalität ist schlicht gegeben. Man kann es akzeptieren, dafür sorgen, dass es dennoch zu keinen abgeschlossenen Parallelgesellschaften kommt, indem es genügend Anknüpfungspunkte zwischen den einzelnen Gruppen gibt. Dazu eignet sich zum Beispiel die Schule, in der sich nicht nur Kindern anfreunden, sondern auch die Eltern miteinander ins Gespräch kommen. Nahezu keine Gesellschaft ist in sich völlig homogen (eine Ausnahme sind Naturvölker, wie jenes auf den indischen Andamaneninseln, das kürzlich Schlagzeilen machte, weil es einen US-Bürger, der seinerseits den Drang verspürte, die Menschen auf der Insel zum Christentum zu bekehren und den sie als Eindringlich empfanden, töteten), Migration gehört zur Menschheitsgeschichte. Wichtig ist, dass weder die Alteingesessenen noch die neu Hinzugekommenen anderen ihre Lebensweise eins zu eins überstülpen. Langsam wird man sich dennoch annähern.

Wieviele Wiener und Wienerinnen gehen heute selbstverständlich zum Kebab-Stand? Und wie viele Zuwanderer und Migrantinnen essen gerne Wiener Schnitzel? Das Leben ist eben lebendig, und Menschen können sich adaptieren: Die, die hier sind, und die, die neu angekommen sind. Gemeinsam bilden sie die Gesellschaft, und daher sind auch ihre Interessen grundsätzlich gemeinsame: Wenn die Regierung nun die Mindestsicherung für kinderreiche Familien kürzt, dann trifft das die einen und die anderen. Dann gibt es aber eigentlich nicht die einen und die anderen, dann gibt es schlicht von Kürzungen betroffene Familien. Und damit künftig von Armut betroffene Familien.

Gerade observant lebende Juden und Jüdinnen haben oft viele Kinder und gerade zu Feiertagen wird es, wenn man mit Geldsorgen kämpft, besonders knapp. Zedaka, Wohltätigkeit, ist einer der Grundpfeiler im Judentum. Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien hat heuer Kinder in den Mittelpunkt ihres Chanukka-Spendenaufrufs gestellt. Gebeten wird um Spenden, um möglichst vielen Kindern den Besuch der jüdischen Schule zu ermöglichen (die als Privatschule geführt wird und daher für die Eltern nicht kostenfrei ist). Hier wird auch die so typisch jüdische Haltung sichtbar: Kinder sind die Zukunft, Bildung ist wichtig. Eine Investition in beides, Kinder und Bildung, ist daher eine gute Investition.

An der jüdischen Schule ist Multikulturalität übrigens ebenso Alltag wie in der gesamten Gesellschaft: Ja, nur jüdische Mädchen und Buben sind dort anzutreffen, aber auch sie kommen aus den verschiedensten Familiensettings. Die einen haben Vorfahren in Osteuropa, die anderen in Zentralasien, wieder andere zogen erst kürzlich mit ihren Eltern von Israel nach Österreich. Und so ist die jüdische Schule am IKG-Campus in gewisser Weise ein kleiner melting pot. Wenn wir bei diesem Bild bleiben, sehe ich Wien als großen melting pot. New York wird für diese Eigenschaft gerühmt. In Wien rümpfen manche die Nase. Auch das beeinträchtigt ein gutes Zusammenleben.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-29 17:55:58
Letzte Änderung am 2018-11-29 18:02:58


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