• vom 10.01.2019, 16:07 Uhr

Jüdisch leben

Update: 11.01.2019, 13:06 Uhr

Jüdisch leben

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Von Alexia Weiss

  • Streaming-Anbieter eröffnen auch neue Möglichkeiten im Unterhaltungssegment Serie: Hier können auch Nischenthemen und Minderheiten in den Mittelpunkt gestellt werden - wie in "The Marvelous Mrs. Maisel". Und Mrs. Maisel ist just fabulous!

Rachel Brosnahan als Miriam "Midge" Maisel in Amy Sherman-Palladinos durch und durch jüdischer Serie "The Marvelous Mrs. Maisel".  - © Sarah Shatz/Amazon Prime

Rachel Brosnahan als Miriam "Midge" Maisel in Amy Sherman-Palladinos durch und durch jüdischer Serie "The Marvelous Mrs. Maisel".  © Sarah Shatz/Amazon Prime

Schon die Einstiegsszene ist zum Niederknien: Eine ausgelassene Hochzeitsgesellschaft, es wird gespeist, die Braut ergreift das Wort. Nach ein paar Scherzen darüber, dass sie am Ende doch keinen Goi, sondern einen Juden, Joel Maisel, geheiratet hat, lässt sie die Gäste wissen, dass in den Frühlingsrollen doch Shrimps waren. Und plötzlich springen Menschen auf, schreien hysterisch herum, beginnen Debatten, ob es auch eine Sünde ist, Meeresfrüchte zu sich zu nehmen, wenn man gar nicht weiß, dass dem so ist. Der Scherz der Braut mündet in ein Desaster. Der Rabbiner ist empört.

Während sich Spielfilme immer wieder in eher unbekanntes Terrain wagen und auch Charaktere in den Mittelpunkt stellen, die einer Minderheit angehören oder eben ganz und gar nicht Mainstream sind, war das bei TV-Serien bisher anders. Damit diese an möglichst viele Fernsehsender verkauft werden können, muss ein möglichst breites Publikum erreicht werden. Streaming-Dienste funktionieren anders. Sie laden den Zuseher ein, Serien am Stück anzuschauen und das, wann er oder sie möchte. Einerseits wird hier bereits Bekanntes geboten. Anbieter wie Netflix oder Amazon Prime setzen aber auch zunehmend auf Eigenproduktionen.

Streaming-Dienste eröffnen neue Möglichkeiten

Und diese Eigenproduktionen zeigen, dass sich hier ein neues Experimentierfeld auftut. Nun sind Serien möglich, die in sehr spezifischen Milieus spielen. Serien, die keine Rücksicht auf den Wissensstand des Zusehers nehmen. Da kann man Goi sagen, ohne irgendwo einflechten zu müssen, dass es sich um einen Nichtjuden handelt. Was auffällt: Es sind durchaus klingende Namen, die sich hier nun quasi austoben können.

Chuck Lorre ist zum Beispiel aus dem Vorabendprogramm kaum wegzudenken: Von "Roseanne" über "Two and a half men" bis zur "Big Bang Theory" - Chuck Lorre war mit von der Partie. Jüdisches war in den Serien – bis auf die Figur des sehr assimilierten jüdischen Ingenieurs Howard Wolowitz im Nerd-Quartett "TBBT" – kaum zu finden. Auf Netflix lässt er aktuell in "The Kominsky Method" durch und durch jüdische Charaktere zu Wort kommen. Das Thema ist Altern in Hollywood und die Serie mit Michael Douglas und Alan Arkin wunderbare Unterhaltung.



Angetan hat es mir zuletzt aber eine andere Serie: Amazon Prime zeigt aktuell die bereits zweite Staffel von "The Marvelous Mrs. Maisel" (aus dieser Serie stammt auch die eingangs geschilderte Szene). Hinter diesem Projekt steht mit Amy Sherman-Palladino ebenfalls ein Profi. Die "Gilmore Girls"-Autorin und –Regisseurin zelebriert auch hier die Kunst des weiblichen Verbalfeuerwerks. Statt im Heute ist die Serie allerdings Ende der 1950er Jahre angesiedelt. #Metoo ist noch Jahrzehnte weit weg, Rauchen schick und omnipräsent, Frauen – so sie in gut situierten Umständen leben – kümmern sich vor allem darum, hübsch auszusehen. Da legt sich frau etwa geschminkt ins Bett und huscht, sobald der Ehemann eingeschlafen ist, ins Bad, um das Haar auf Lockenwickler zu drehen, das Makeup zu entfernen und die Nachtcrème aufzutragen, um dann in der Früh kurz, bevor er wieder aufwacht, aufzustehen, sich zurechtzumachen und dann wieder ins Bett zu drapieren und die Augen zu schließen, sodass frau scheinbar mit perfektem Makeup wieder aufwacht.

Feminismus mit Hut und Lippenstift

Nur ist dann mit einem Mal nichts mehr perfekt, als Miriam "Midge" Maisel (zuckersüß gespielt von Rachel Brosnahan), die Titel-gebende Figur, von einem Tag auf den anderen ohne Ehemann, aber mit zwei Kindern dasteht und wieder bei ihren Eltern einziehen muss. Zufällig stolpert sie an einem Abend mit zu viel Alkohol in eine Karriere als Stand-up Comedian, und sich da zu behaupten in einer Zeit, als die Bühne in diesem Metier großteils von Männern bespielt wurde, ist nicht leicht. Doch Mrs. Maisels kämpft und das mit scharfem Mundwerk, süßem Lächeln und perfekter Figur. Sie wirkt wie einem bonbonfarbenen Katalog mit Hutmode aus den 1950ern entsprungen und es umspielt sie eine Leichtigkeit, die in ihrer Überzeichnung an Comicverfilmungen erinnert.

Was den Reiz von "The Marvelous Mrs. Maisel" aber vor allem ausmacht, ist die zutiefst jüdische Gesellschaft, die hier porträtiert wird. Das zieht sich vom Jahreskreislauf bis zum jüdischen Sommerressort in den Catskills, vom Essen bis zur Hintergrundmusik. Und bezaubernd ist, wie in die Dialoge immer wieder jiddische Ausdrücke eingeflochten werden – was einem vor allem dann auffällt, wenn man sich die Serie in der englischsprachigen Originalversion ansieht. Da bezeichnet sich etwa Midge Maisels Vater (dargestellt von Tony Shalhoub, bisher vor allem durch die Rolle des "Mr. Monk" bekannt) als "Macher" und meschugge sind in diesem Setting sowieso alle irgendwie. Diese Serie ist jüdische Popkultur vom Feinsten. So marvelous!





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-10 16:12:28
Letzte Änderung am 2019-01-11 13:06:28


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