• vom 17.01.2019, 11:53 Uhr

Jüdisch leben

Update: 17.01.2019, 12:18 Uhr

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Flucht




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Von Alexia Weiss

  • Kurz bevor ein Richter seine Entscheidung bekannt gibt, kommen einem die merkwürdigsten Gedanken. Ist es eine Asylverhandlung, geht es um die Existenz von Menschen.

Vor einiger Zeit klebten in Wiener U-Bahnzügen Post-Its mit allerlei Botschaften. Allesamt regten zur Reflexion an. Wohin ich heute gehen würde, wäre es notwendig, Österreich zu verlassen? Ich weiß es nicht.

Vor einiger Zeit klebten in Wiener U-Bahnzügen Post-Its mit allerlei Botschaften. Allesamt regten zur Reflexion an. Wohin ich heute gehen würde, wäre es notwendig, Österreich zu verlassen? Ich weiß es nicht.© Alexia Weiss Vor einiger Zeit klebten in Wiener U-Bahnzügen Post-Its mit allerlei Botschaften. Allesamt regten zur Reflexion an. Wohin ich heute gehen würde, wäre es notwendig, Österreich zu verlassen? Ich weiß es nicht.© Alexia Weiss

Da standen wir also im Gerichtssaal, nachdem der Richter seinen Richterhut aufgesetzt und mit einer Handbewegung gedeutet hatte, es sollten sich alle erheben. Ich war nervös, ich hatte ein Unruhegefühl vor allem in der Bauchgegend, ich fuhr mit der Spitze des rechten Zeigefingers über die Haut neben dem Daumennagel, hin und her, hin und her, bis ich innehielt im Wissen, dass ich mich sonst bald blutig kratzen würde. Der Richter hob an, seine Entscheidung zu verkünden und ich erinnerte mich, wie es war, an der Uni Prüfungsergebnisse zu erfahren, eine Antwort auf eine Jobbewerbung zu erhalten, den Brief zu öffnen, der Auskunft darüber gab, ob das Kind den Platz an der Wunschschule erhalten hatte oder nicht. Nur dass all diese Momente zwar wichtig, aber nicht lebensentscheidend waren. Eine Prüfung kann man wiederholen, bei einer Jobabsage feilt man an der nächsten Bewerbung und wird es nicht die gewünschte Schule, wird sich eine andere Möglichkeit auftun. Nun aber sollte der Richter verkünden, ob die Familie aus Afghanistan, die im Sommer 2015 nach Österreich kam und die ich im Rahmen der Chanukkafeier von Shalom Alaikum – Jewish Aid for Refugees im Dezember 2015 kennenlernte, Asyl erhielt oder nicht.

Seit drei Jahren treffen wir einander regelmäßig. Anfangs stand das Deutsch Lernen im Vordergrund, dann haben wir begonnen, gemeinsam etwas zu unternehmen. Wir waren aber auch zusammen bei Ärzten, Behörden, bei Asyl in Not, wo Familien wie diese rechtliche Unterstützung für ihr Asylverfahren erhalten. Wir haben zusammen gegessen, gescherzt und gelacht. Wir haben aber auch über das gesprochen, was der Familie zugestoßen ist, vor allem im Zug der Vorbereitung auf das Interview beim Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl und später auf die Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht. Ich kenne die Verfolgungsgeschichte inzwischen also ziemlich gut und immer noch gibt es mir einen Stich, wenn es zu den so bedrohlichen Momenten kommt. Und dann gibt es noch die Dinge, die während der Flucht passiert sind. Lange Fußmärsche mit kleinen Kindern, bis die Füße offen sind, getrennt werden und sich wieder finden, die gefährliche Überquerung des Meeres, die andere nicht überlebt haben.

Flucht damals, Flucht heute

Warum es mir ein Anliegen ist, zu helfen? Weil einem die Not anderer doch nicht einfach egal sein kann. Aber auch, weil es damals, in der NS-Zeit, Menschen gegeben hat, die meinen Großeltern halfen. Ihre Flucht 1938 von Wien nach Frankreich ist höchstwahrscheinlich noch recht geordnet abgelaufen. Aber dann später, als sie auch Frankreich verlassen mussten, da hatten schon viele Länder ihre Grenzen dicht gemacht, nahmen niemanden mehr auf. In Bordeaux gab es damals den portugiesischen Konsul Aristides de Sousa Mendes. Er stellte Menschen in Not Visa aus, auch zu einer Zeit, als es ihm das Salazar Regime bereits untersagt hatte.

Auf der Seite der Sousa Mendes Foundation findet sich unter Eichler, dem Familiennamen meiner Großeltern, folgender Eintrag (hier in deutscher Übersetzung): "Visaempfänger: Eichler, Ernest, Alter: 30, Visum #1600, Eichler, Marianne, Alter: 26, Visum #1601. Am 16. Oktober 1939 wurde das Ehepaar Eichler, österreichische Staatsbürger, in das Sousa Mendes Visa-Registrierungsbuch eingetragen und dann wieder ausgestrichen. Am 15. November 1939 fragte Aristide de Sousa Mendes beim portugiesischen Außenministerium um die Erlaubnis an, der Familie Eichler Visa zu gewähren. Die Familie wurde im Juni 1940 im Lager Cours du Médoc in Bordeaux interniert. Schließlich fragten alle Lagerinsassen bei Aristide de Sousa Mendes um Visa an und erhielten sie."

Die Seite zeigt auch Fotos der damaligen Liste. Beim Namen meines Großvaters ist in der Spalte "Nationalität" vermerkt: "Ex-Österreicher" und in der Spalte "Visa, Ausweis": "Haiti". Zudem findet sich unter den Namen meiner Großeltern auch der Name meiner Urgroßmutter Therese Eichler. Sie sollte schließlich versteckt in Südfrankreich überleben.

Flucht ist schwierig. Sie erfordert gute Nerven, Geduld und ja, auch Geld. Sie erfordert Helfer, und ja, auch da floss oft damals Geld und fließt auch heute Geld. Schlepper verdienen auf dem Rücken Verfolgter, einerseits, andererseits brauchen sie auch oft monetäre Mittel, um das für die Flucht Nötige zu finanzieren, wie Verkehrsmittel oder Dokumente. Viele nach dem Gesetz als Schlepper Geltende sind kriminell, aber nicht alle. Nicht jeder Helfer, der Menschen über Grenzen hilft, ist meinem Verständnis nach ein Schlepper im Sinn eines Kriminellen. Flucht ist ja gekennzeichnet davon, dass Grenzen – illegal – überwunden werden müssen. Nur so kann heute anderswo um Asyl angesucht werden, die Möglichkeit, an einer Botschaft Asyl zu beantragen, gibt es ja nicht mehr.

Schreckliche Momente

Immer wieder gibt es Diskussionen darüber, ob die Situation von heute mit der Situation von damals verglichen werden darf. Meine Haltung ist klar und ich stoße in Gespräche damit oft auf Unverständnis. Ich halte dennoch daran fest. Der Holocaust ist unvergleichbar. Die Rahmenbedingungen von Flucht waren aber damals schrecklich und sie sind heute schrecklich. Wer mit Geflüchteten heute spricht, wenn sie denn überhaupt detailliert erzählen können, was ihnen auf dem Weg zu ihrem heutigen Zufluchtsort zugestoßen ist, der hört schlimme Geschichten. Geschichten von Schleppern, die Geld genommen und nicht gehalten haben, was sie versprachen, Geschichten über Vergewaltigungen und Hunger, über Nächte im Freien und Monate ohne die nötigen Medikamente, über Menschen, die man ertrinken gesehen hat und Hunde, die in der Nacht – bereits auf EU-Gebiet – auf im Freien schlafende Flüchtlinge gehetzt werden.

Und dann gibt es auf der anderen Seite Regierungsmitglieder, die sich rühmen, allerlei Routen geschlossen zu haben, die Asylwerber allesamt als Wirtschaftsflüchtlinge diskreditieren, die kaum eine Woche vergehen lassen, um anzukündigen, welche weiteren Restriktionen es für Asylsuchende und auch bereits Asylberechtigte geben soll. Natürlich gibt es Probleme, die zu lösen sind und Menschen, die Probleme machen. Doch anstatt konstruktive Lösungen zu suchen, wird verallgemeinert, zugespitzt, werden Ängste geschürt. Und so entsteht ein Klima der Sorge bei den einen und ein Gefühl der Ohnmacht bei den anderen und diese Polarisierung, die sich wie eine Schraube immer mehr festsetzt, vergiftet das gesellschaftliche Klima von Tag zu Tag mehr. Sie setzt Menschen auf allen Seiten unter Druck, die einen, die meinen, sich nicht mehr sicher zu fühlen, die anderen, die kamen, um sicher zu sein, und deren Handlungsspielraum von Tag zu Tag kleiner wird und deren Zukunftsperspektive schwindet. Dazu kommen Erinnerungen an das Erlebte und Jahre langes Warten auf eine Entscheidung der Behörden und dieser Zustand drückt auf die Psyche. Auch bei meinen Freunden gab es diese Momente der Verzweiflung. Und da hilft dann alles gute Zureden nicht, denn ja, manchmal muss man sich ein- und den anderen zugestehen, die Situation ist beschissen, da hilft alles Beschwichtigen nichts.

Der Richter hat an diesem Dienstag Mittag dem afghanischen Ehepaar mit seinen drei kleinen Kindern Asyl zuerkannt. Und in diesem Moment, in dem wir alle da standen und die Anspannung zuvor ins Unermessliche hochgeklettert war, da war es zuerst gar nicht so sehr ein Gefühl von Freude. Ich spürte, wie bei mir als allererstes Tränen zu fließen begannen und im zweiten Moment fühlte es sich an, als ob ein riesiger Rucksack von meinen Schultern geglitten wäre. "Willkommen in Österreich", sagte der Richter. Dieser wunderbare Moment hatte viele Mütter und Väter: Meine Freundinnen von Shalom Alaikum zählen ebenso dazu wie Michael Genner von Asyl in Not, der die Rechtsvertretung übernommen hat, aber auch die Kinderfreunde, die sich seit Jahren rührend der Kids annehmen, die Lehrerinnen in der Schule und die Kindergartenpädagoginnen, die sich über ihre berufliche Tätigkeit hinaus, für die Kinder engagiert haben. Diese Familie fand, trotz aller Schwierigkeiten, in Österreich Menschen, die für sie da waren und auch weiter da sein werden. Flucht hat viele Gesichter. Ein gutes Ankommen in der neuen Heimat ist eines der schönen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-17 12:02:15
Letzte Änderung am 2019-01-17 12:18:37



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