• vom 12.02.2019, 12:09 Uhr

Jüdisch leben

Update: 12.02.2019, 12:21 Uhr

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Plädoyer für ein Holocaust Museum in Wien




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Von Alexia Weiss

  • Es ist vor allem an der Zeit, die Geschichte der Täter und Täterinnen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Das Wissen um Einzelschicksale (hier eine - durchaus diskussionswürdige - Darstellung von Anne Frank bei Madame Tussauds Amsterdam) macht den Holocaust begreifbarer. Was fehlt ist ein breiterer Zugang zur Täterperspektive. 

Das Wissen um Einzelschicksale (hier eine - durchaus diskussionswürdige - Darstellung von Anne Frank bei Madame Tussauds Amsterdam) macht den Holocaust begreifbarer. Was fehlt ist ein breiterer Zugang zur Täterperspektive. © Alexia Weiss Das Wissen um Einzelschicksale (hier eine - durchaus diskussionswürdige - Darstellung von Anne Frank bei Madame Tussauds Amsterdam) macht den Holocaust begreifbarer. Was fehlt ist ein breiterer Zugang zur Täterperspektive. © Alexia Weiss

Anne Frank, überall. Wer Amsterdam besucht, kommt an ihr kaum vorbei. Selbst wenn man nicht das Anne Frank Haus besucht, scheint sie allgegenwärtig. Vergangene Woche begegnete sie mir im Rahmen einer künstlerischen Installation am Dam, dem Hauptplatz des mittelalterlichen Kerns der Stadt, an dem sich auch der Königspalast befindet. Sie begegnete mir auf einer überdimensionalen Vase, im typischen holländischen Porzellanmalerei-Blau gehalten, in einem Palatschinken-Restaurant. Selbst Madame Tussauds Amsterdam hat die heute so berühmte deutsche Zuwanderin in Wachs gegossen. Wie passend oder unpassend es ist, eine so tragische Figur Teil einer Vergnügungswelt werden zu lassen, als die sich die internationalen Ableger des berühmten britischen Wachsfigurenkabinetts heute präsentieren, sei dahingestellt.

Doch nicht nur die Geschichte des Mädchens, dessen Tagebuch heute weltweit bekannt ist, erinnert in Amsterdam an den Holocaust. Das sehr modern gestaltete Jüdische historische Museum, interessanterweise in einer früheren Synagoge untergebracht (was ich etwas merkwürdig empfand, denn hier wird ein Gotteshaus zum Gesamtmuseumsstück, dort, wo früher die Betenden saßen, gibt es nun Video- und Audiostationen), behandelt in einem kurzen Abschnitt auch die dunkelste Zeit der jüdischen Gemeinde, die gerade in Amsterdam über Jahrhunderte gut lebte. Als in Portugal die Inquisition Juden, die sich zwar taufen hatten lassen, aber privat weiter als Juden lebten, dazu trieb, das Land zu verlassen, um nicht Gefahr zu laufen, aufzufliegen und getötet zu werden, fanden viele von ihnen in Amsterdam eine neue Heimat. Die portugiesische Synagoge Esnoga aus dem 17. Jahrhundert ist davon beeindruckendes Zeugnis – und sie ist auch bis heute in Betrieb.

Zugänge des Holocaust Museums in Amsterdam

Das Thema Holocaust begegnet einem auch in einer Gedenkstätte – und in einem eigenen Holocaust Museum. Dieses ist zwar von den Räumlichkeiten her nicht so attraktiv wie das Jüdische Historische Museum. Es bietet aber verschiedenste, sehr ansprechende Zugänge zum Thema. Da ist die Videowand, auf welche die Namen der von den Nationalsozialisten ermordeten holländischen Jüdinnen und Juden nacheinander projiziert werden. Von den 1940 rund 140.000 in den Niederlanden lebenden Juden wurden mehr als drei Viertel getötet.

Da ist der Raum mit kleinen Glaskuben, die einen Gegenstand eines ermordeten Kindes zeigen und seine Geschichte erzählen. Da sieht man dann etwa die Kindergeige von Alida Emilie van Strien, die 1937 in Den Haag zur Welt kam und über Westerbork nach Auschwitz deportiert wurde, wo sie 1943 ermordet wurde.

Da gibt es eine meterlange Zeitleiste, die eindrucksvoll vor Augen führt, wie spät der Rassenwahn die holländischen Jüdinnen und Juden traf und wie vernichtend er gleichzeitig war. Wie auch die Familie Frank haben sich zu viele in vermeintlicher Sicherheit gefühlt.

Da ist die Installation des holländisch-amerikanischen Künstlers Willem Volkersz, der in Erinnerung an die ermordeten Schüler und Schülerinnen der ersten Montessori-Schule Amsterdams 172 kleine hölzerne Koffer in einem Raum arrangierte. Jeder Koffer trägt den Namen, das Alter sowie Ort und Datum des Todes eines ermordeten Kindes. Ergänzt wird die große Anzahl von Holzköfferchen durch eine Neonröhren-Skulptur, die einen Buben darstellt, der seinen kleinen Koffer trägt.

Und da ist dann schließlich eine Fotoausstellung mit berührenden Aufnahmen von Menschen, die nur mehr mit Judenstern auf die Straße gehen durften, von Menschen, die in Westerbork ankommen, dem ersten Sammelpunkt in den Tod, von einem Geschäft, auf das "Jood" geschmiert worden war. 107.000 Jüdinnen und Juden wurden von den Nazis aus den Niederlanden deportiert, 102.000 schließlich ermordet.

Viele Erinnerungsorte in Wien, aber eben kein eigenes Museum

Auch in Wien wird der Holocaust an vielen Orten angesprochen: Am Judenplatz, wo sich das Holocaustdenkmal von Rachel Whiteread befindet, im Stadttempel in der Seitenstettengasse, wo es eine Erinnerungsstätte mit namentlicher Erfassung der rund 65.000 ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden gibt, im Jüdischen Museum, im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands, am Morzinplatz, wo heute dort, wo in der NS-Zeit die Gestapo-Leitstelle untergebracht war, ein Denkmal steht, auf dem Areal des früheren Aspangbahnhofes, wo heute ebenfalls ein Mahnmal an den Abtransport zehntausender Juden und Jüdinnen erinnert. Es gibt die Steine der Erinnerung, welche die Namen derer, die einst in dieser Stadt lebten, bewahren, es gibt an vielen Häusern Gedenktafeln, es gibt zahlreiche Gedenkinitiativen wie in der Servitengasse oder es gibt Skulpturen wie jene am Westbahnhof, die an die Kindertransporte erinnert und das nun in der Urania untergebrachte Museum "Für das Kind", das die Rettung von Kindern durch Kindertransporte dokumentiert, deren Eltern allerdings nicht immer überlebten und deren Leben durch den Holocaust massiv verändert wurde.

Was es in Wien allerdings nicht gibt, ist ein eigenes Holocaust Museum. Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen übernimmt hier einen wichtigen Part. Sie fokussiert aber natürlich auf den Ort, auf das, was auf dem Areal geschah. Immer wieder wurde darüber diskutiert, ob es in Wien einen solchen Ort braucht. Ein Gegenargument ist, dass die Darstellung dieser Zeit Querschnittsmaterie sein sollte. Dass also jede Einrichtung das, was in der NS-Zeit passierte, miteinbeziehen sollte. Das passiert ja auch, wie etwa im Technischen Museum. Dann ist da das kürzlich neu eröffnete Haus der Geschichte. Ja, hier wird dem Thema natürlich Raum gegeben, dennoch: auch das Haus der Geschichte ist kein Holocaust Museum.

Yad Vashem, die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, ist ein ganz besonderer Ort, der nicht kopiert werden kann und soll. Auch das Holocaust Memorial Museum in Washington ist einzigartig. Doch was mir das kleine Holocaust Museum in Amsterdam, das so gar nicht perfekt und dennoch so lehrreich ist, zeigte: Ich vermisse ein solches Museum in Wien. Es sollte dann ein Museum sein, das das Leben der Opfer vor 1938, die Verfolgung, die Vertreibung, die Ermordung von Wiener Jüdinnen und Juden dokumentiert, aber auch das Weiterleben im Exil jener, die sich retten konnten. Es sollte ein Museum sein, das die Systematik aufzeigt, wie Menschen zunächst aus ihren Wohnungen vertrieben und in Sammelwohnungen untergebracht wurden, wie sie dann teils in Sammellager in Wien kamen und von dort in Lager transportiert wurden, wie man ihnen ihr Vermögen sukzessive abgenommen hat, was nach und nach verboten war, wie Kinder diese Zeit erlebten. All das war immer wieder in Ausstellungen zu sehen wie etwa in der Krypta am Heldenplatz, es wäre aber gut, das auch in einer ständigen Schau zu haben.

Die Täter-Perspektive miteinbeziehen

Es sollte aber vor allem auch ein Museum sein, das sich den Tätern und Täterinnen widmet. Es war der österreichische SS-Oberscharführer Karl Josef Silberbauer, der Anne Frank und ihre Familie am 4. August 1944 in ihrem Versteck in einem Hinterhaus an der Prinzengracht verhaftete. Viele Österreicher hatten Schlüsselpositionen in Vernichtungslagern.

In der Vermittlungsarbeit weiß man, dass die Zahl von sechs Millionen Ermordeten nicht fassbar ist. Das Schildern von Einzelschicksalen schafft mehr Verständnis. Das zeigt der Erfolg des Tagebuchs der Anne Frank. Das zeigt aber auch das jüngst im Böhlau Verlag erschienene Buch "Unfassbare Wunder" von Alexandra Föderl-Schmid, die Interviews mit inzwischen schon sehr betagten Überlebenden führte (einige sind bereits vor der Veröffentlichung verstorben wie der antifaschistische Kämpfer Rudi Gelbard).

Ich denke, dass das Aufbereiten von Täterbiografien für einen breiteren Personenkreis - die Wissenschaft tut dies ja inzwischen bereits und auch die neu gestaltete österreichische Landesausstellung im staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau bezieht die Täterperspektive mit ein - zeigen könnte, wie jeder zum Täter werden kann. Ich denke, dass das Dokumentieren von Kontinuitäten darstellen könnte, dass so etwas wie der Nationalsozialismus und der Holocaust nicht im luftleeren Raum entsteht. Nicht alle Wiener Schülerinnen und Schüler besuchen die KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Gäbe es ein Holocaust Museum in der Stadt, wäre sichergestellt, dass sich noch mehr Jugendliche tiefer mit der Materie auseinandersetzen, etwa auch im Rahmen der Berufsschule.

Fazit: Ein Holocaust Museum in Wien wäre sinnvoll. Auch wenn viele Menschen denken, das Thema sei schon ausreichend abgehandelt. Das, was zunehmend an Judenhass hochkommt, vor allem in den sozialen Netzwerken und Zeitungsforen, sagt etwas anderes. Das Thema ist noch nicht ausreichend abgehandelt und vor allem die Frage, wie Täter zu Tätern wurden, harrt einer intensiven Auseinandersetzung. Und die ist dringend nötig, nicht zuletzt deshalb, um nicht nur Antisemitismus, sondern vor allem Fremdenfeindlichkeit das Wasser abzugraben. Der, den man nicht kennt, muss nicht automatisch Angst auslösen. Wer weiß, auf Grund welcher falscher Versprechen Menschen damals dem Nationalsozialismus folgten, ist vielleicht eher davor gefeit, auf hohle Sprüche und Sündenbockpolitik hereinzufallen.





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Dokument erstellt am 2019-02-12 12:12:15
Letzte Änderung am 2019-02-12 12:21:48



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