• vom 15.02.2013, 17:30 Uhr

Jüdisch leben

Update: 15.02.2013, 18:34 Uhr

Jüdisch leben

Bruchlinien




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Von Alexia Weiss

Mit der Emanzipation der Frau ist das so eine Sache: was vorangegangene Generationen erkämpft haben, erscheint den heute Jungen selbstverständlich. Oder sie wählen andere Formen, um Stärke zu zeigen. Oder aber sie nehmen in Sachen Geschlechterbild und –rolle auch wieder konservativere Standpunkte ein. Und dann gibt es da noch den Clash der Kulturen: was bei den einen schon längst selbstverständlich ist, etwa später zu heiraten und eine Familie zu gründen – und das auch nicht verpflichtend, sondern, wenn es sich ergibt und passt, darum müssen andere erst noch kämpfen. Dass dies auch in der jüdischen Community der Fall ist, war in den vergangenen Tagen bei einer Konferenz in Wien zu beobachten, zu der das europäische jüdische Frauennetzwerk Bet Debora geladen hatte.

Bei einem Podium, das junge Jüdinnen aus Wien versammelte, präsentierten sich durch die Bank Powerfrauen. Eindrucksvoll so mancher Lebensweg: eine junge Frau etwa stammt aus einer georgischen Familie, die zunächst nach Israel auswanderte, dann, als sie neun Jahre alt war, nochmals, diesmal nach Österreich. Eingesperrt habe sie sich hier anfangs gefühlt, "in Israel bin ich immer draußen gewesen". Aber auch zunehmend wertlos. In der jüdischen Schule in Wien sei plötzlich Thema gewesen, ob man aschkenasisch ist oder bucharisch oder eben georgisch. Gleichzeitig wurde es von der Familie später nicht gerne gesehen, dass sie studieren wollte, noch dazu Sozialarbeit, dass sie in eine eigene Wohnung ziehen wollte – ohne verheiratet zu sein. Heute arbeitet sie als Sozialarbeiterin mit Jugendlichen, mehrheitlich mit Migrationshintergrund. Und hat ihrerseits mit Jugendlichen zu tun, die ähnliche Kämpfe mit dem Elternhaus ausfechten.


Eine andere Podiumsteilnehmerin kommt aus Aserbaidschan. Die Mutter mehrerer Kinder, darunter auch Töchter im Teenager-Alter, will diesen nicht weitergeben, dass das Wichtigste ist, früh zu heiraten und Kinder zu bekommen. Ihre Botschaft: entscheidet euch für die richtige Ausbildung! Sie selbst ist inzwischen Psychotherapeutin und arbeitet in der Flüchtlingsbetreuung. Bei beiden Frauen spürt man, was sie sich selbst innerhalb einer noch patriarchalisch organisierten Mikrogesellschaft erkämpft haben. Hier zeigt sich auch, warum die gesamte Wiener jüdische Gemeinde eher konservativ ist. Auch wenn Bucharen, Grusinen, Kaukasier nun schon teils in dritter Generation in Wien leben – die Geschlechterrollen sind noch sehr klar verteilt.

Auf der anderen Seite die Anwältin aus einer aschkenasischen Familie. Man spürt bei jedem Satz, dass für sie das Wichtigste ist, im Beruf voranzukommen, erfolgreich zu sein. Auch wenn natürlich das Judentum immer eine Rolle spielt. Eine andere junge Frau studiert derzeit in Israel. Auch sie will Karriere machen – lebt aber koscher, hält Schabbat und die Feiertage ein.

Dann die Frage einer älteren Konferenzteilnehmerin aus dem Publikum: aber wie geht das alles zusammen mit der Rolle der Frau im Gottesdienst nach orthodoxem Ritus? Das Nicht-Aufrufen zur Tora? Hier kommen eher ausweichende Antworten. Oder klar die Position, das eine ist das Berufsleben, das andere die Position im Judentum. Mann und Frau hätten verschiedene Aufgaben und das sei auch in Ordnung so. Fast hat man den Eindruck, dass es auch mühsam ist, sich das Wissen anzueignen, um im Gottesdienst aktiv teilzunehmen. Dass es auch ganz bequem ist, das den Männern zu überlassen.

Vielleicht ist hier auch der Grund zu suchen, warum die Reformgemeinde in Wien so klein ist. Gleichberechtigung auf dieser Ebene bedeutet natürlich auch: Arbeit. Man könnte aber auch sagen: die jungen Frauen setzen ihre Kräfte effizient ein. Kampf im Beruf, Vereinbarkeit von Beruf und Familie – da muss man nicht auch noch in der Synagoge die Powerfrau geben.
Was diese Woche aber auch klar wurde: die Fronten zwischen liberalem und orthodoxen Judentum sind in Wien klar gezogen. Viele Themen der Konferenz, unter anderem auch ein Vortrag, der sich mit der Scheidung im Judentum auseinandersetzte, ein vor allem in der Orthodoxie wichtiges Thema, da es darum geht, dass man erneut religiös heiraten darf, hätten sich mehr und auch durchaus ein religiöses Publikum verdient. Doch es blieb aus. Und auch eine Vertreterin der Orthodoxie, die auf einem Podium sitzen hätte sollen, sagte schließlich ab. Sie wolle in diesem Kontext nicht öffentlich auftreten. Kurzerhand wurde ihr Sessel doch auf der Bühne belassen – auch um diese Absage und die Scheu, mit liberalem Judentum in Verbindung gebracht zu werden, zum Thema zu machen.



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Dokument erstellt am 2013-02-15 17:30:35
Letzte Änderung am 2013-02-15 18:34:36


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