• vom 08.05.2014, 13:36 Uhr

Jüdisch leben

Update: 08.05.2014, 13:43 Uhr

Jüdisch leben

Chanukka-Kneipe




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (40)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexia Weiss


    Jede Menge Herren mit Bändern über der Brust, bunten Kappen und Schmiss
im Gesicht: kein alltäglicher Anblick im Gemeindezentrum der
Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien in der Seitenstettengasse.

    Jede Menge Herren mit Bändern über der Brust, bunten Kappen und Schmiss
    im Gesicht: kein alltäglicher Anblick im Gemeindezentrum der
    Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien in der Seitenstettengasse.
    © Alexia Weiss Jede Menge Herren mit Bändern über der Brust, bunten Kappen und Schmiss
    im Gesicht: kein alltäglicher Anblick im Gemeindezentrum der
    Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien in der Seitenstettengasse.
    © Alexia Weiss

    Jede Menge Herren mit Bändern über der Brust, bunten Kappen und Schmiss im Gesicht: kein alltäglicher Anblick im Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien in der Seitenstettengasse. "Toleranz und Antisemitismus in schlagenden Verbindungen": unter diesem Titel hatte die IKG für Mittwoch Abend zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, die einem Zweck diente: die Unterschiede zwischen schlagenden Verbindungen mit den Corps auf der einen und den Burschenschaftern auf der anderen Seite herauszuarbeiten.

    Mein Bauchgefühl? Merkwürdig. Wann sitzt man schon in einer Reihe mit schlagenden Verbindungsangehörigen. Trifft man auf der Straße, in Uniräumlichkeiten auf einen Mann mit Schmiss ist klar: dieser Mensch steht politisch rechts und ist Juden nicht gut gesinnt. Anderen Gemeindemitgliedern erging es ähnlich. Man war gekommen, mit einer gehörigen Portion Skepsis im Gepäck, um sich zu informieren, eines besseren zu belehren – und vielleicht auch überraschen zu lassen.

    "Fest der Freude"

    Heute ist der 8. Mai, der Tag, an dem Österreich 1945 vom NS-Terror endgültig befreit wurde. Heute Abend wird, wie auch vergangenes Jahr, am Heldenplatz ein großes "Fest der Freude" gefeiert – die Wiener Symphoniker laden zum Konzert unter freiem Himmel. Das war nicht immer so. Wie oft wurde am 8. Mai von Vertretern der IKG am Heldenplatz demonstriert – gegen das Heldengedenken rechter und rechtsextremer Burschenschafter, welche die Niederlage von Hitler-Deutschland bedauerten und ihre toten Kameraden betrauerten.

    Das Feindbild der Korporierten – wobei von den meisten doch zwischen schlagenden und katholischen Verbindungen unterschieden wird – ist ein klares. Die Assoziation mit der FPÖ, in deren Reihen sich immer wieder Schlagende befinden, ist allgegenwärtig. Noch in Erinnerung sind die Auseinandersetzungen rund um den früheren WKR- (Wiener Korporationsring) und heutigen "Akademikerball" (Veranstalter ist die FPÖ) in der Hofburg.

    Und nun also Vertreter schlagender Verbindungen in der Kultusgemeinde. Eines vorweg: das komische Bauchgefühl wollte sich den ganzen Abend über nicht wirklich verziehen. Aber die dreistündige Diskussion bot doch interessante, für viele im Saal neue Informationen und Fakten. Wie sieht die Tradition der Corps aus – wie die der Burschenschaften?

    "Das war Unrecht"

    "Juden und schlagende Verbindungen – das ist etwas, wo viel Herzblut mitspielt", betonte Karl-Georg Heinrich. Der Wiener Schönheitschirurg vertrat auf dem Podium das Corps Symposion. 30 Prozent der jüdischen Studierenden seien im 19. Jahrhundert Mitglieder einer schlagenden Verbindung gewesen. Mit den Waidhofener Beschlüssen von 1896 galten sie nicht mehr als satisfaktionsfähig. "Das war Unrecht." Mit diesen Beschlüssen wurde der menschenverachtenden Politik der Nationsozialisten der Weg gebahnt. Antisemitismus sei Zeitgeist gewesen, ob im Alpenverein, der Kirche, den Wiener Philharmonikern – oder eben auch in den Studentenverbindungen. Hier könne sich niemand exkulpieren.

    In den Corps habe man aber diese Waidhofener Beschlüsse nicht immer beziehungsweise nicht sofort umgesetzt. Im Corps Saxonia etwa habe es stets "ohne Ansehen von Rasse Satisfaktion gegeben". Dieses Corps gehört wie auch das Corps Symposion dem Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV) an.

    Liberaler Corps

    Fünf Wiener Corps gehören diesem Verband an, sie haben insgesamt an die 500 Mitglieder – meist Alte Herren, denn es gebe ein gewisses Nachwuchsproblem, wie Heinrich einräumte. Selbst so mancher Verbindungsbruder habe Schwierigkeiten, seinen Sohn davon zu überzeugen, einzutreten. Auch wenn diese Corps liberal seien – in der Öffentlichkeit werde Schmiss eben mit Burschenschafter gleich gestellt. Das komme dann auch im Freundeskreis der Jüngeren nicht so gut.

    Die Corps gehen auf die Studentengilden und -orden des Mittelalters zurück. Im späten 18. Jahrhundert wurden viele dieser in Corps umgewandelt, man gab sich Konstitutionen (also Verfassungen), diese seien von Aufklärung und Toleranz geprägt gewesen, wie Heinrich betonte. Man hänge keiner politischen oder religiösen Richtung an und vertrete auch keine gemeinsame Weltanschauung. Damit gebe es auch keinen politischen Auftrag.

    Auf Seite der Burschenschaften sah dagegen schon die Urburschenschaft 1815 vor, dass nur Deutsche und Christen Mitglied werden könnten, betont IKG-Generalsekretär Raimund Fastenbauer (der donnerstags auch auf dem Podium vertreten war) in einem Beitrag zum Thema im IKG-Medium "Die Gemeinde – Insider". 1817 sei auf der Wartburg, mehr als ein Jahrhundert, bevor dies die Nationalsozialisten taten, "undeutsche" Literatur verbrannt worden.

    "Geist der Aufklärung"

    Judenfeindlichkeit also von Beginn an bei den Burschenschaften – Toleranz gegenüber allen Konfessionen dagegen bei den Corps, so die Botschaft an diesem Abend. "Wir kommen aus dem Geist der Aufklärung", betonte denn auch Alexander Hartung, Vorsitzender des Verbandes Alter Corpsstudenten. Man sei auf Gemeinschaft ausgerichtet. Und ja, natürlich müsse man sich zur Vergangenheit bekennen, aufarbeiten, was es aufzuarbeiten gibt, sich bei den Opfern entschuldigen – und tue man und habe es auch schon getan. In den Reihen der Corps sei aber gar nicht viel aufzuarbeiten. Im Gegenteil: in diesen Reihen fänden sich auch viele Widerstandkämpfer gegen den Nationalsozialismus. Beim Anschlag auf Adolf Hitler 1944 seien viele Corpsbrüder beteiligt gewesen.

    Was das Heute betreffe (und Hartung bezieht sich hier auf die Situation in Deutschland): jedes Semester werde veröffentlicht, wer neu zum Corps gestoßen sei. "Und wenn ich heute durch die Meldungen sehe, weiß ich bei 20 Prozent der Namen nicht einmal, wie ich sie aussprechen soll. In unseren Reihen gibt es so viele Mitglieder nichtdeutschen Ursprungs, wie es auch ziemlich genau der Verteilung insgesamt an den Universitäten entspricht."

    Kambis Atefie vertrat am Podium das schlagende Corps Ottonen. Stolz erzählte er, bei den Ottonen habe es "null Prozent Nationalsozialisten" gegeben und nur zwei bis drei Corpsbrüder seien Angehörige der Wehrmacht gewesen. Man habe sich ganz im Gegenteil per Konventsbeschluss dem Kampf gegen die Nationalsozialisten verschrieben, und das, obwohl klar war, dass dieser Kampf nicht zu gewinnen war – man den Tod also vor Augen hatte. Ottonen-Mitbegründer Karl Burian wurde denn auch im März 1944 von den Nationalsozialisten hingerichtet. Es habe in den Reihen der Ottonen auch Pläne gegeben, das Gestapo-Quartier am Morzinplatz in die Luft zu sprengen. Atefie definierte den Unterschied zwischen Corps und Burschenschaften so: "Die Corps waren Staatspatrioten, keine Blutspatrioten oder Volkspatrioten." Es seien unterschiedlichste Ethnien und Konfessionen in ihnen versammelt gewesen.

    Der Historiker Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) betonte, wie wichtig es sei zu differenzieren. Antisemitismus als Zeitgeist – das stimme für den Großteil der Corps, denn dieser habe auch hier in den 1890er Jahren fast überall Einzug gehalten, nicht aber für die Burschenschaften. Diese seien völkisch ausgerichtet und in der Ausgrenzung von Juden Avantgarde gewesen. In der Öffentlichkeit finde diese Differenzierung aber nicht statt.

    Der Tenor der Publikumsreaktionen lautete durch die Bank: man begrüße die Information, das Aufeinander-Zugehen. IKG-Ehrenpräsident Ariel Muzicant wünschte sich aber statt Toleranz einen Dialog auf Augenhöhe. Und er wünsche sich von den Corps ein klares Eintreten gegen Hass, Antisemitismus, Rassismus. Wohin Hass führe, sehe man derzeit in der Ukraine. Und so lautete die Frage Muzicants: "Wann ist der Zeitpunkt gekommen, wo man sich von den Burschenschaften abgrenzt?"

    Heinrich betonte daraufhin, vier der fünf Wiener Corps seien nach dem Rechtsruck im WKR in den 1980er Jahren aus dem Korporationsring ausgetreten. Man habe daher auch mit dem "Akademikerball" nichts zu tun. Nur das Corps Saxonia sei noch im WKR vertreten. Ein Mitglied dieses Corps, das im Publikum saß, sagte dazu, es gebe immer zwei Möglichkeiten: eine Einrichtung zu verlassen oder zu versuchen, von innen etwas zu verändern. Die Saxonia habe sich für den zweiten Weg entschieden. Da war im Saal dann doch ein Hauch stillen Unmuts zu spüren.

    Heinrich wies zudem auf die früheren jüdischen schlagenden Verbindungen hin. Und er lud Wiener Juden von heute ein, Mitglied in seinem Corps zu werden. "Es würde uns freuen, wenn Sie unsere Reihen verstärken." Atefie ließ aufhorchen, als er von der jedes Jahr abgehaltenen Fest-Kneipe anlässlich Chanukka erzählte. Eine Chanukka-Kneipe? Hm. Vielleicht lassen sich manche vermeintlichen Widersprüche in der Wirklichkeit ja tatsächlich überwinden.

    Was diesen von gegenseitigem Respekt getragenen Abend trübte: ein Vertreter der Grazer Arminia, einer schlagenden Mittelschülerverbindung (den Burschenschaften zuzuordnen) kaperte uneingeladen das Rednerpult und trug offensichtlich vorbereitete Ausführungen vor, in denen er sich auch als deutschnational bezeichnete. Es ging ein Raunen durch den Raum. Diesen Auftritt fand nicht nur ich deplatziert, wie sich in anschließenden Gesprächen zeigte. Manch einer äußerte aber auch: "Das müssen wir aushalten können." Und wann habe man schon die Möglichkeit zu hören, wie ein Burschenschafter ticke und nicht nur in der Zeitung darüber zu lesen?

    Was man nun mitnimmt von diesem Abend? Das Wissen, dass es Unterschiede zwischen den schlagenden Verbindungen gibt. Kultusvorstandsmitglied Martin Engelberg empfahl den Corps ein besseres Branding, ein bewusstes Auftreten bei bestimmten Anlässen und sich in der Öffentlichkeit eben als das zu erkennen zu geben, was man sei. Aber auch gegen Dinge einzutreten, die nicht den eigenen Werten entsprächen. Replik Atefies: man wolle Dinge lieber positiv formulieren, als gegen etwas aufzutreten, etwa, indem man Leute würdige, die dies verdient hätten – wie etwa den ersten Soldaten, der im Ersten Weltkrieg sein Leben gelassen habe und der ein Jude gewesen sei, worauf "Otto von Habsburg" hingewiesen habe, als er die Ottonen einmal besucht habe.

    Ein Auftreten in einer breiteren Öffentlichkeit wird also auch in Zukunft nicht zu erwarten sein. Und somit bleibt das Grundproblem bestehen: wie erkenne ich, dass der eine Herr mit Schmiss positive Werte vertritt und der andere Herr mit Schmiss dem rechtsextremen Lager zuzuordnen ist?





    Schlagwörter

    Jüdisch leben, Blog

    3 Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2014-05-08 13:37:58
    Letzte Änderung am 2014-05-08 13:43:09


    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Was kümmern uns Gesetze und Verträge?
    2. Weinverbot für Österreich!
    3. Eine Reform, nur keine große
    4. Wer vertritt die neue Arbeiterklasse?
    5. Ich will mein Schnitzel nicht mit Stäbchen essen müssen
    Meistkommentiert
    1. Weinverbot für Österreich!
    2. Kein Bruch mit der Merkel-Ära
    3. Mörderisch ökologisch
    4. Man wird Angela Merkel noch vermissen
    5. Wie uns das "Smartwater" von Coca Cola verführen soll

    Werbung




    Werbung