• vom 26.03.2015, 16:21 Uhr

Jüdisch leben

Update: 26.03.2015, 16:33 Uhr

Jüdisch leben

Schwarze Hüte, helle Hüte




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Von Alexia Weiss


    Derzeit machen in jüdischen orthodoxen Kreisen historische Filmaufnahmen die Runde, die inzwischen auch auf Youtube veröffentlicht wurden. Sie zeigen ein Treffen von Vertretern der Orthodoxie aus aller Welt aus dem Jahr 1923. Stattgefunden hat diese Zusammenkunft in Wien – in der Zirkusgasse. Im Hintergrund immer wieder sichtbar: das damalige "Gasthaus Circus Renz". Allein aus Wiener Perspektive: Nostalgie pur.


    Was diese Aufnahmen für Juden unter anderem so besonders macht: Zu sehen sein soll hier der damals bereits weit über 80 Jahre alte Rabbiner Jisreol Meier Hakohen, besser bekannt als "Chofez Chaim". Es finden sich – je nach Transkription – im Netz auch andere Schreibweisen (verschiedenste Kombinationen von Chofetz oder Chafetz und Chaim beziehungsweise Chajim).

    "Chofez Chaim" ist eigentlich der Name eines seiner über 20 Bücher. In diesem hat sich der aschkenasische Ethiker und Gelehrte (1838 oder 1839 in Zhetl, damals Polen, heute Weißrussland, geboren, 1933 in Radun, heute Weißrussland gestorben) mit dem Thema Tratsch (genannt "Lashon Hara") auseinandergesetzt. Tratsch kann Familien und Freundschaften zerstören – "Chofez Chaim" plädierte also für Zurückhaltung und stellte in seinem Werk klare Vorschriften zu Tratsch, übler Nachrede und Verleumdung auf. Dass gerade in der so genannten jüdischen Gasse der Tratsch blüht, will ich hier anmerken, aber nicht breiter auswalzen – Anspruch und Wirklichkeit sind wohl überall zwei Paar Schuhe …

    Die nun veröffentlichten Filmausschnitte (die Zusammenkunft begann am 15. August 1923 und dauerte zehn Tage) werden aktuell auf verschiedensten Ebenen diskutiert: Etwa, warum sie bereits vor mehreren Jahren kurz im Internet zu sehen waren und dann wieder aus dem Netz verschwunden sind.

    Immer wieder wird dabei die Frage nach der Authentizität aufgeworfen, da offenbar ein sehr bekanntes überliefertes Bild des "Chofez Chaim" anders aussieht. Inzwischen scheint diese Zuschreibung – dass er also auf diesen Filmaufnahmen zu sehen ist - allerdings außer Streit gestellt zu sein.

    Das ist auch insoferne schlüssig, als "Chofez Chaim" Mitbegründer der "Agudat Israel" war, einer Bewegung, die sich gegen den politischen Zionismus wandte und versuchte, die jüdische Orthodoxie international zusammenzuhalten. Bei der Zusammenkunft 1923 in Wien handelte es sich um die erste internationale Konferenz dieser Bewegung (auch überliefert als erste Knessia Gedola – erster Weltkongress – der "Agudat Israel").

    Andere aktuelle Diskussionen zu den historischen Filmaufnahmen befassen sich mit der Kleidung der orthodoxen Juden von damals: helle Anzüge, verschiedenste Hüte, teils auch aus Stroh. All das wird positiv angemerkt und festgehalten: Wahrscheinlich sei die Kleidung der heutigen Vertreter der Orthodoxie einheitlicher, dünkler, in gewissem Sinn wesentlich traditioneller als eben noch vor 100 Jahren. So liest man beispielsweise in einem Eintrag der inzwischen auf verschiedensten Seiten im Internet gezeigten historischen Filmaufnahmen: "One thing you see is that there’s no need to wear a black hat, at least for the average Jew. A light-colored one is fine. It was August, after all. (…) We’ve become much more conformist and absolutist since then. Fashion is trivial, of course, but it reflects broader trends."




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2015-03-26 16:24:29
    Letzte Änderung am 2015-03-26 16:33:02


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