• vom 27.12.2015, 14:22 Uhr

Jüdisch leben

Update: 02.01.2016, 20:00 Uhr

Jüdisch leben

Kabarett, Kabarett




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Von Alexia Weiss


    Gegen Jahresende hat der Mensch offenbar ein Bedürfnis nach Humor und befreiendem Lachen: die Nachfrage nach Kabarett, Sketches, Operette feiert zu Silvester Hochkonjunktur. Wenn jüdischer Humor ins Spiel kommt, bin ich oft skeptisch: jüdische Witze, schlecht oder zu pointiert erzählt, bekommen schnell einmal einen unangenehmen Beigeschmack. Am schlimmsten klingt es, wenn das Jiddeln von einst im Heute imitiert wird – das kann nur daneben gehen.

    Thill schlüpft dabei in die Rolle des Kabarett-Archäologen Dr. Emil Schöberl, der in Privatsammlungen, Stadtbibliotheken, Videotheken und Verlagen zur Frage "Worüber lachen wir?" recherchiert.

    Thill schlüpft dabei in die Rolle des Kabarett-Archäologen Dr. Emil Schöberl, der in Privatsammlungen, Stadtbibliotheken, Videotheken und Verlagen zur Frage "Worüber lachen wir?" recherchiert.© Foto: Thill Thill schlüpft dabei in die Rolle des Kabarett-Archäologen Dr. Emil Schöberl, der in Privatsammlungen, Stadtbibliotheken, Videotheken und Verlagen zur Frage "Worüber lachen wir?" recherchiert.© Foto: Thill

    Was aber wunderbar ist: jüdisches Kabarett, jüdische Kleinkunst aus ihrer Blütezeit Anfang des 20. Jahrhunderts wieder auszugraben. Genau das hat der Schauspieler Marcus Thill nun für sein Programm "Leise rieselt der Schmäh" gemacht, das am Montag und Dienstag (28./29. Dezember) im ateliertheater zu sehen ist. Thill schlüpft dabei in die Rolle des Kabarett-Archäologen Dr. Emil Schöberl, der in Privatsammlungen, Stadtbibliotheken, Videotheken und Verlagen zur Frage "Worüber lachen wir?" recherchiert.

    Fritz Grünbaum, Karl Farkas, Hermann Leopoldi, Fritz Löhner-Beda, Armin Berg und Franz Engel kommen in dem Programm zu Wort. Aber Thill zitiert auch die großen Kabarettisten aus der Zeit nach 1945: Gerhard Bronner etwa, Georg Kreisler, Peter Wehle, Ernst Waldbrunn, Carl Merz oder Helmut Qualtinger (in diesem Kreis finden sich nicht nur Juden – Politik war aber bei den meisten Großlieferant für das jeweilige Pointenfeuerwerk).

    Fritz Grünbaum starb 1941 in Dachau, Löhner-Beda wurde 1942 und Engel 1944 in Auschwitz ermordet. Farkas, Berg und Leopoldi konnten flüchten. Thill lädt also zu einem Abend, der unterhält, aber auch einen zarten Faden von den damals Verfolgten zu den heute Flüchtenden zieht: der Erlös der beiden Vorstellungen kommt Refugees zu Gute. Am Flügel begleitet wird der Schauspieler von Stefan Heckel.

    "Gott lacht mit seinen Geschöpfen, nicht über seine Geschöpfe", heißt es schon im Talmud. Und in der Tat ist es befreiender, sich selbst über seine Schwächen und Makel lustig zu machen, als sich über die Unzulänglichkeiten anderer zu mokieren. Letzteres wird nicht selten von einer Prise schlechtem Gewissen begleitet. Über sich selbst zu lachen heißt dagegen auch: sich anzunehmen, wie man ist, und das Streben nach Perfektion etwas hintanzustellen.

    Grünbaum, Farkas oder Löhner-Beda: sie waren hier die großen Lehrmeister. Sie sahen aber auch schon die dunklen Wolken aufziehen. Im Nachhinein könnte man sagen: vielleicht haben sie zu lange versucht, dem aufkommenden Gewitter mit Humor zu begegnen. Denn manchmal, das muss man schon auch sagen: manchmal hilft Witz eben nicht weiter. Dann muss man sich der Realität stellen.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2015-12-27 14:23:10
    Letzte Änderung am 2016-01-02 20:00:15


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