• vom 02.01.2016, 21:00 Uhr

Jüdisch leben


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#AniTelAviv




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Von Alexia Weiss


    2016 war noch nicht einmal einen ganzen Tag alt, da gab es bereits die ersten Toten eines Anschlags zu beklagen: in Tel Aviv eröffnete am Freitag ein junger Mann auf der beliebten Dizengoff Straße in einem Lokal das Feuer. Shimon Rawimi (30) und Alon Bakal (26) starben, mehrere Personen wurden verletzt.

    Die Schriftstellerin Sibylle Berg, die zwar in der Schweiz lebt, sich dieser Tage aber in Israel aufhält, erlebte das Attentat in Hörweite mit. In "Die Welt" berichtet sie von den Momenten, in denen ihr klar wurde, dass da, nicht weit von ihr entfernt, geschossen wird. Wie sie erstarrte, auf den Balkon trat, beobachtete.
    Ihr Fazit ist bitter und gleichzeitig so selbstkritisch: "Für viele Menschen wird das Leben seit eben nie mehr werden was es war. Für all die Familien der Toten in Paris wird es nie mehr werden, was es war. Für alle Opfer des ständig schneller drehenden Irrsinns wird die Welt nie mehr sein, was sie war, und Terror und Wahnsinn haben eine neue Stufe erreicht. Wir werden uns daran gewöhnen. Man gewöhnt sich an alles. Wir werden einander weiter hassen, werden um die Toten weinen, werden vielleicht selber zu wem, um den geweint wird. Ich lege die Kette vor die Tür. Ich schäme mich dafür. Ich bin eine, die fast dabei war, die fast betroffen war. Wie angeberisch. Was für eine blöde Angebergeschichte. Betroffene reden nicht. Sie sind tot. Oder weinen. Oder sie sind erstarrt."

    Auch einige Wiener Freunde urlauben derzeit in Israel. Wie eine Bekannte so treffend kurz nach Bekanntwerden des Attentats auf Facebook schrieb: man freut sich über jeden, der sich meldet, sagt: ich war zwar nicht weit entfernt. Aber es geht mir gut. Ich war in meinem Hotel. Ich habe eben auch erst aus den Nachrichten davon erfahren.

    Nun mögen viele sagen: aber diese Attentatsserie in Israel, die hält ja nun schon eine ganze Zeitlang an. Die Messerattentate. Manchmal hat einer eben auch eine Schusswaffe. Nichts Besonderes also. Man stelle sich aber vor: da betritt einer ein Lokal in der Wiener Innenstadt und eröffnet das Feuer. Oder in London. In Rom. In Berlin. Die Aufregung! Die Schlagzeilen! Die Facebook-Pinnwand, die sich sofort mit Betroffenheits-Statusmeldungen füllt. Mit flaggenunterlegten Profilbildern und Fotos von Kerzen.

    Genau das ist im Lauf der vergangenen 24 Stunden nicht passiert. Wieder einmal nicht passiert. Wenn es um Terror geht, scheint es jenen zu geben, an dem die Betroffenen offenbar nach Meinung vieler eh ein bisserl selbst schuld sind. Und den Terror, der wirklich betroffen macht. Wodurch aber unterscheiden sich die Opfer von Paris und jene von Tel Aviv? Selbst schuld, wenn man in Israel lebt, da muss man halt damit rechnen? Dieser Zynismus, der sich durch das breite Schweigen manifestiert: er macht mich schon nicht einmal mehr wütend. Er deprimiert mich.

    Was ich diesen double standards entgegen halten kann? Nicht viel. Nur ein #AniTelAviv – ich bin Tel Aviv. Juden und Jüdinnen weltweit solidarisieren sich seit gestern mit den Opfern von Tel Aviv. Es wäre schön, wenn sich hier auch mehr Nichtjuden und Nichtjüdinnen anschließen würden. Wenn Terroristen Menschen ermorden, dann geht uns das alle an. Denn auch der Terrorist von gestern hat wohl nicht gefragt, ob sich in dem Lokal gerade nur Juden, oder vielleicht auch Christen, Muslime, Konfessionslose aufhielten.





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    Dokument erstellt am 2016-01-02 19:58:56


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