• vom 08.01.2016, 10:54 Uhr

Jüdisch leben

Update: 08.01.2016, 10:57 Uhr

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Ask the Rabbi!




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Von Alexia Weiss


    Alexia Weiss ist Journalistin und Autorin. - © Paul Divjak

    Alexia Weiss ist Journalistin und Autorin. © Paul Divjak

    Oft werden Rabbiner mit christlichen Priestern verglichen, doch der Vergleich hinkt: Rabbiner sind vor allem Rechtsgelehrte. Sie legen die Halacha, das jüdische Religionsrecht, aus. Ein beliebtes Format sowohl in Print- als auch in elektronischen Medien ist die Rubrik "Ask the Rabbi". Inzwischen gibt es auch eine (geschlossene) deutschsprachige Facebookgruppe mit dem Titel "Frag den Rabbiner". Hier kann gefragt werden, was das Herz begehrt – die Antworten steuert dann ein Team von Rabbinern bei, unter eifriger Beteiligung der anderen Gruppenmitglieder.
    Einer, der hier ebenfalls sehr aktiv ist, ist Rabbiner Arie Folger. Ihn wird man ab kommendem Juni in Wien antreffen, denn der Belgier wurde kürzlich vom Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien zum Nachfolger von Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg gewählt. Rabbiner Folger, der in den vergangenen Jahren verschiedene jüdische Gemeinden in Deutschland und der Schweiz betreut hat und perfekt Deutsch spricht, pflegt nicht nur seinen eigenen Facebook-Auftritt regelmäßig, sondern steht eben auch online für Fragen aller Art zur Verfügung.

    Und Fragen gibt es viele. Alleine seit Jahresbeginn hat Folger hier zu einer Handvoll Themen rabbinischen Rat gegeben. Da postete etwa eine Frau das Foto eines Nagelstudios, das von Asiaten betrieben wird und in dem sich ein Altar für Buddha befindet. "Darf ein Jude sich in dem Nagelstudio aufhalten?", so die konkrete Frage. "Es ist bestimmt nicht erlaubt, sich in jenem Buddha-Schrank aufzuhalten", so die Antwort Folgers. Aber ansonsten gebe es kein Problem, sich dort seine Nägel machen zu lassen. Es handelt sich ja nicht wirklich um einen buddhistischen Tempel, steuert ein anderes Gruppenmitglied bei.
    Was auffällt: der Rabbiner stößt niemanden vor den Kopf, zeigt immer Fingerspitzengefühl. Der nichtjüdische Vater einer Dame ist gestorben, die Familie hat sich für eine Seebestattung, und das an einem Samstag, entschieden. "Ist es erlaubt, den Schabbat für die Beerdigung zu brechen und an die Nordsee zu reisen, oder muss ich ihr fernbleiben?"
    Rabbiner Folger macht klar: Schabbat zu brechen, sei untersagt. Er rät also, ein Hotel vor Ort aufzusuchen, "denn Ihrem Vater schulden Sie Ehre, ohne ihn gäbe es Sie nicht, und Eltern tun noch viel, viel mehr. Ich empfehle übrigens, dass Sie das persönlich mit Ihrem Rabbiner besprechen." Was aber sei dann mit der Schifffahrt aufs offene Meer bei solch einer Art der Bestattung, fragen andere Gruppenmitglieder. Auch hier weiß der Rabbiner eine Lösung. Die Dame muss auf dem Boot Schabbat halten und damit auf diesem übernachten. Nachsatz: "Sie müssen nicht verlangen, dass am Freitag rausgefahren wird, nur, dass Sie bereits das Boot besteigen und dort bleiben dürfen. Schlafsack mitnehmen, Heizung laufen lassen."

    Es gibt aber auch weniger gewichtige Anfragen. Nochmals geht es um das Thema Schönheit. Wie sieht es mit dem dauerhaften Färben von Wimpern aus (sodass man auch am Schabbat getuscht wirkende Wimpern hat)? Was sagt die Halacha dazu? Das sei erlaubt – im Gegensatz zu permanent Makeup, wenn dies mit einer Farbe geschieht, die sich nicht mehr auflöst, so die Antwort. Interessant hier übrigens Tipps aus der Gruppe: eine Alternative wäre wasserfestes Mascara schon vor Schabbateingang aufzutragen und dann auf Satinpölstern zu schlafen. Oder unter nicht wasserfester Wimperntusche Primer zu verwenden, damit könne man ebenfalls schlafen, und sei dann auch am Schabbat geschminkt. Humorvolle Anmerkung von Rabbiner Folger in dieser Unterhaltung: "Was Mann schon im Frag den Rabbiner lernt …".

    Rabbiner Folger hat sich, wie er kurz nach seiner Wahl zum künftigen neuen Oberrabbiner Wiens verriet, vor allem dem Thema jüdische Erziehung verschrieben. Kinder liegen ihm dabei genauso am Herzen wie Erwachsene – Ziel ist es, möglichst viele Gemeindemitglieder zu erreichen. Wie in der Gruppe "Frag den Rabbiner" sichtbar wird, wählt er hier nicht nur den klassischen Schiur, also Vorträge/Lerneinheiten mit einer kleinen Gruppe, sondern auch niederschwelligere Angebote. Auch Oberrabbiner Eisenberg sendet seine Gedanken zum aktuellen Wochenabschnitt allerdings seit vielen Jahren an Interessierte per Mail aus. So erreichen seine Überlegungen nicht nur jene, die regelmäßig zum Gebet in die Synagoge kommen.

    Wenn man den (öffentlichen) Facebook-Auftritt von Rabbiner Folger ansieht, nimmt dieser allerdings laufend auch zu innerjüdischen Debatten Stellung, die durchaus auch brisant sein dürfen. So publizierte er hier jüngst seine Meinung zu einer möglichen Spaltung der modernen Orthodoxie. Immer wieder stellt er Beiträge zur Debatte, die sich mit der Rolle orthodoxer Frauen im Judentum befassen. Und natürlich steuert auch er seine Überlegungen zur jeweiligen Parascha, also dem Wochenabschnitt bei.

    Manche Wiener Gemeindemitglieder beklagen, dass der künftige Oberrabbiner für sie bisher ein nahezu unbeschriebenes Blatt ist. Ab Juni wird sich das sicher rasch ändern. Und bis dahin sei jenen, die schon zuvor mit ihm in Kontakt treten wollen, ein Blick auf seine Facebook-Seite empfohlen. In diesem Sinn: welcome in Vienna, Rabbiner Arie Folger!





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    Jüdisch leben, Alexia Weiss

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-01-08 10:55:56
    Letzte Änderung am 2016-01-08 10:57:09


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