• vom 14.01.2016, 10:48 Uhr

Jüdisch leben

Update: 14.01.2016, 11:03 Uhr

Jüdisch leben

Meet Sophie Freud




  • Artikel
  • Lesenswert (14)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexia Weiss


    Seit Jahren heißt es: ein Zeitzeuge nach dem anderen, eine Zeitzeugin nach der anderen stirbt und so wird bald niemand mehr da sein, der uns, den nach 1945 und noch viel später Geborenen, erzählen kann, wie das damals war, als Juden und Jüdinnen nahezu von einem Tag auf den anderen personae non gratae wurden, vertrieben, verfolgt, rechtlos, unerwünscht. Kommenden Sonntag (17. Jänner) besucht eine Zeitzeugin Wien, die nicht nur über ihre Erlebnisse in der NS-Zeit, den Umbruch in Wien, die Flucht, das Exil berichten kann: Sophie Freud, inzwischen 91 Jahre alt.

    Sophie Freud.

    Sophie Freud.© ESRA, privat Sophie Freud.© ESRA, privat

    Sie trägt einen berühmten Namen und ist dadurch auch eines der noch wenigen lebenden Bindeglieder zwischen dem Wien von 1900, dem Wien der Blüte jüdischen Kulturlebens, und dem 21. Jahrhundert. Zwar ist Sophie Freud selbst erst in der Zwischenkriegszeit – im August 1924 – übrigens als Miriam Sophie Freud zur Welt gekommen. Als Enkelin des Begründers der Psychoanalyse, Sigmund Freud, lernte sie in ihrer Kindheit allerdings noch den langsam verschwindenden Flair des Fin de Siècle spüren und kennen.
    Sophie Freud, die den Großteil ihres Lebens den Namen ihres Mannes Loewenstein und das F. für Freud nur nachgestellt führte (jedenfalls bis zu ihrer Scheidung in den 1980er Jahren), ist die Tochter von Sigmund Freuds ältestem Sohn, dem Rechtsanwalt Jean-Martin Freud. Mit ihrer Mutter Ernestine "Esti" Freud – diese sollte ihr später sagen, sie habe ein ebenso hartes Herz wie ihr berühmter Großvater - konnte sie sich 1942 über Frankreich in die USA retten, wo sie das College besuchte, eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin absolvierte und bis heute lebt. Bis zu ihrer Emeritierung 1992 lehrte sie als Professorin Sozialpädagogik und Psychologie an der School of Work am Simmons College in Boston.

    Wenn Sophie Freud heute interviewt wird, interessiert meist das, was sie aus der Freud-Familie erzählen kann. Vieles hat sie dazu bereits auch in Buchform veröffentlicht: 1988 erschien "Meine drei Mütter und andere Leidenschaften", 2006 "Im Schatten der Familie Freud". Interessantes Detail: Dass sie der Psychoanalyse mehr als kritisch gegenübersteht – woraus sie allerdings schon seit Jahrzehnten kein Geheimnis macht. Die Konzentration nur auf die Innenwelt einer Person erscheint ihr zu wenig. In ihrer eigenen wissenschaftlichen Arbeit bezog sie immer auch die Rolle der Umwelt auf die Entwicklung eines Menschen ein. Geforscht hat sie viel zum Thema weibliche Sexualität – hier liegen zum Beispiel Arbeiten im Bereich Feminismus sowie zu lesbischen Frauen vor.

    Seit 1978 ist Sophie Freud wieder österreichische Staatsbürgerin, seit den 1960er Jahren besucht sie die Stadt ihrer Kindheit alle paar Jahre. Kommenden Sonntag spricht sie mit dem Historiker und Publizisten Peter Huemer vormittags im Stadtsaal auf der Mariahilfer Straße (www.stadtsaal.com). Der Erlös der Veranstaltung kommt dem psychosozialen Zentrum ESRA zu Gute, das in Wien Opfer des NS-Terrors sowie deren Nachkommen betreut.





    Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-01-14 11:01:38
    Letzte Änderung am 2016-01-14 11:03:53


    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. "Ich kann nichts dafür, ich bin nur der Chef"
    2. Digitales Verdummungsverbot
    3. Wie Schnee im Frühling
    4. Ein Kardinal rüttelt am Zölibat
    5. Herzlichst, Ihr Hater!
    Meistkommentiert
    1. Österreich abwracken?
    2. Hauptsache Widerstand
    3. Kein guter Pakt
    4. Rettet Österreichs Welterbe
    5. Herzlichst, Ihr Hater!

    Werbung




    Werbung