• vom 22.01.2016, 10:08 Uhr

Jüdisch leben

Update: 03.03.2016, 19:33 Uhr

Jüdisch leben

Obergrenzwertig?




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Von Alexia Weiss


    Alexia Weiss ist Journalistin und Autorin. - © Paul Divjak

    Alexia Weiss ist Journalistin und Autorin. © Paul Divjak

    Seit Monaten beschäftigt auch die Wiener jüdische Gemeinde die Frage: was bedeutet die massive Zuwanderung durch vorrangig muslimische Flüchtlinge? Soll man sich in Willkommenskultur üben oder doch eher in Zurückhaltung? Droht Gefahr durch steigenden Antisemitismus? Und gibt es in der aktuellen Situation Parallelen zur Geschichte, zur Verfolgung der Juden in der NS-Zeit – etwa wenn es darum geht, ob Flüchtlinge nun aufgenommen oder vor geschlossenen Türen, vor geschlossenen Grenzen stehen? Oder ist es auf der anderen Seite sogar ein Frevel, hier einen Vergleich zu ziehen?

    Die österreichische Bundesregierung hat diese Woche eine so genannte Obergrenze beschlossen: mehr als 37.500 Flüchtlinge pro Jahr dürfen es demnach künftig nicht mehr sein. Die Austria Presse Agentur hat dazu auch den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, Oskar Deutsch, befragt: wie schon in mehreren Statements in den vergangenen Wochen auch, verwies er dabei auf die Möglichkeit eines ansteigenden Antisemitismus durch die Zuwanderung aus muslimisch geprägten Ländern.

    "Keiner wird als Antisemit geboren", stellte der IKG-Präsident dabei erneut klar. Aber: Die Menschen aus diesen Ländern seien schon als Kinder mit dem Antisemitismus und anti-israelischen Positionen konfrontiert, dazu komme der Einfluss von Medien und Schule. "Es wird sehr schwierig sein, diese Leute hier zu integrieren." Er begrüße daher die Entscheidung der Regierung, eine Obergrenze einzuführen. "Ich heiße das willkommen."

    Viele in der Gemeinde stimmen dem Präsidenten hier zu. Die Sorge, zum Beispiel nicht mehr mit Kippa auf der Straße gehen zu können, ohne angepöbelt zu werden, ohne sich vor tätlichen Übergriffen fürchten zu müssen ist da. Die Angst vor islamistischem Terror, auch sie existiert. All das muss ernst genommen werden. Die Frage ist aber: einigeln und sich abschotten – oder auf die Neuankömmlinge zugehen und so vielleicht vorhandene Ressentiments abbauen?

    Bini Guttmann, ein junges Gemeindemitglied, veröffentlichte kurz nach Erscheinen des Statements von Oskar Deutsch gegenüber der APA am gestrigen Donnerstag einen Offenen Brief an den IKG-Präsidenten, den er mit den Worten "Not in my Name – Refugees Welcome" einleitete. "Eine Obergrenze, die wohl laut der Genfer Flüchtlingskonvention menschenrechtswidrig ist, führt zu ganz praktischen Problemen: Was macht man mit Flüchtling Nummer 1 nach der Erfüllung der willkürlichen Quote? Erschießt man ihn? Schickt man ihn zurück nach Syrien? Sperrt man ihn ins Niemandsland zwischen zwei Grenzen? Lässt man ihn im Flüchtlingslager in der Türkei verhungern?"

    Guttmann spricht aber auch von einer "rassistischen Argumentation": "Einerseits wirft die IKG, nur auf Grund von Herkunft, Millionen von Menschen pathologischen Antisemitismus vor – gerade als Jude sollte man es eigentlich besser wissen. Andererseits hilft man Menschen nicht auf Grund von Sympathie, sondern weil sie Hilfe brauchen." Auch er betont, ja, es gebe Flüchtlinge, die antisemitisch eingestellt seien. "Aber dann ist es unsere Aufgabe als Zivilgesellschaft für einen Integrationsprozess zu sorgen, der gemeinsames Zusammenleben ermöglicht." Und: "Wie man als Jude Menschen, die vor Verfolgung und Krieg fliehen, einen sicheren Hafen verwehren kann, werde ich nie verstehen."

    Guttmann beruft sich hier auch auf eine gewichtige jüdische Stimme aus Deutschland: dort hat Michel Friedman schon vor einigen Wochen betont, "es gibt ihn, den Judenhass in Teilen der islamisch-arabischen Welt. Aber dies hat nichts mit der Asyldebatte, erst recht nichts mit der Frage von Obergrenzen zu tun. Bei der Flüchtlingsfrage geht es um Menschenrechte. Asyl ist ein Menschenrecht. Welche Bedenken man auch gegen Flüchtlinge hat, man sollte sie nicht benutzen, um diese Menschenrechte auszuhöhlen."

    Insgesamt ist die Diskussion in Deutschland ähnlich der in Österreich: da gibt es politisch Verantwortliche, wie auch den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, der sich wie Deutsch für Obergrenzen ausspricht. Da gibt es eben Stimmen wie jene Friedmans. Da gibt es auch ganz rechte Positionierungen – so hat sich etwa eine "JewGida"-Gruppe gebildet, die sich als Teil von Pegida versteht.

    Im Mission Statement ist da dann zu lesen: "JewGida setzt sich seit Ende 2014 gegen die zunehmende Islamisierung Europas und der Welt ein. Des weiteren kämpfen wir gegen Antisemitismus mit besonderem Fokus auf islamischen Antisemitismus und vor allem gegen den Islamismus, der nach unserer Auffassung der Nationalsozialismus unserer Zeit ist. Die zunehmende Islamisierung Europas bedroht die Existenz jüdischen Lebens auf diesem Kontinent, nachdem das jüdische Leben in der islamischen Welt nahezu ausgelöscht wurde. JewGida unterhält gute Beziehungen zu der Pegida Bewegung, distanziert sich jedoch vom Antisemitismus, Israelfeindlichkeit und Antiamerikanismus einiger Teilnehmer und lokaler Gruppenführer."

    Und dann gibt es auch die Helfer: hier berichtete diese Woche die "Jüdische Allgemeine" zum Beispiel unter dem Titel "Die Mitzwa bleibt" über verschiedene Initiativen in ganz Deutschland. In Stuttgart etwa betreibt die dortige jüdische Gemeinde ein Flüchtlingsheim, das Anfang der 1990er Jahre gegründet wurde, um jüdischen Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion ein erstes Dach über dem Kopf zu bieten. Heute sind dort insgesamt 70 Menschen untergebracht, davon 20 Juden (unter ihnen auch eine Familie aus Syrien) und 50 Nichtjuden, unter letzteren auch muslimische Flüchtlinge. Konflikte gebe es hier nicht, berichtet Werner Meier, der Leiter der Sozialabteilung der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg. Die Bewohner gingen im Gegenteil auf die jüdischen Sozialarbeiter "sehr offen zu. Wir haben keine Berührungsängste festgestellt, und dass jemand gesagt hätte, dass er nicht in ein von Juden betriebenes Heim ziehen möchte, ist auch noch nicht vorgekommen".

    Ähnliche Erfahrungen hat in Wien auch "Shalom alaikum – Jewish Aid for Refugees" gemacht, eine Gruppe von Mitgliedern der hiesigen jüdischen Gemeinde, die Flüchtlingen hilft. Dabei geht es einerseits um Mitzwot, also gute Taten. Aber andererseits ist es der Gruppe wichtig, sich ganz bewusst als jüdische Helfer und Helferinnen zu positionieren und auszuweisen: eben auch um ein muslimisch-jüdisches Miteinander zu ermöglichen, um Flüchtlingen durch eine positive Begegnung mit Jüdinnen und Juden zu zeigen, dass das Bild, das sie möglicherweise bisher von Juden vermittelt bekamen, so nicht stimme.

    Shalom alaikum sammelt Spenden, um Nötiges anzuschaffen und zu bezahlen, hilft aber vor allem durch Zeit, Networking und eben gelebte Nächstenliebe. Aktuell werden Essenspaten und –patinnen gesucht: der Verein betreut nun ehrenamtlich zwei Flüchtlingshäuser in Wien, in dem einerseits viele Familien mit kleinen Kindern, andererseits unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben. Für sieben Kinder wurden nun Kindergartenplätze gefunden – das Essensgeld ist allerdings zu bezahlen. 72 Euro macht dieses pro Kind und Monat aus und hier gibt es nun einen Aufruf, dass Paten und Patinnen einspringen (https://www.facebook.com/ShalomAlaikumVienna/photos/a.818153471630478.1073741828.818098361635989/857640174348474/?type=3&theater).

    Es gibt also die Sorge wegen antisemitischer Übergriffe, es gibt politische Positionierungen und gelebte Nächstenliebe. Was aber sagen die Rechtsgelehrten, die Hüter der Halacha, des jüdischen Religionsgesetzes? Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg legt hier wie immer seine Worte auf die Goldwaage, versucht sowohl der Tora als auch der Situation gerecht zu werden. In einem sehr berührenden Video  thematisiert er seine eigene Ratlosigkeit, wie hier mit der aktuellen Flüchtlingskrise umzugehen ist, und verweist dann auf das 5. Buch Mose: darin wird das Verbot der Auslieferung von Sklaven festgehalten. Wer also Schutz sucht, dem soll Schutz gewährt werden. Er wisse auch keine Lösung, sagt Eisenberg, aber man müsse schon davon ausgehen, dass Menschen, die sich bei ihrer Flucht auch in Gefahr bringen (wie etwas durch die Überfahrt übers Meer), das eben nicht ohne Grund tun würden. Da müsse schon etwas Schlimmes vorgefallen sein. Und so müsse man eben solidarisch sein und helfen.





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    Jüdisch leben, Alexia Weiss

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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-01-22 10:11:30
    Letzte Änderung am 2016-03-03 19:33:19


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