• vom 04.02.2016, 13:23 Uhr

Jüdisch leben

Update: 03.03.2016, 19:33 Uhr

Jüdisch leben

Meine Sorgen




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Von Alexia Weiss


    Alexia Weiss ist Journalistin und Autorin. - © Paul Divjak

    Alexia Weiss ist Journalistin und Autorin. © Paul Divjak

    60 Prozent der Franzosen meinen, dass die Juden zumindest eine gewisse Verantwortung für den jüngsten Anstieg des Antisemitismus in Frankreich tragen. Das ergab nun eine Umfrage der Ipsos-Martkforschung (Quelle: jüdisches Wochenmagazin tachles). Die Studie wurde über 18 Monate durchgeführt und auch die Details sind erschreckend: So meinen 56 Prozent der Franzosen, Juden hätten "viel Macht" und seien überdurchschnittlich reich. Und über 40 Prozent waren der Ansicht, Juden seien "etwas zu präsent in den Medien". Wir sind also wieder bei den typischen antisemitischen Stereotypen angelangt. Ich fasse zusammen: Juden haben viel Geld und ziehen an den Fäden der Macht. Sie sind daher selbst Schuld, wenn man sie nicht mag. Und dann irgendwann auch gegen sie mobil macht.

    Viel ist dieser Tage von Sorgen die Rede: Europa könne die große Zahl an Flüchtlingen nicht bewältigen, der Sozialstaat werde zusammenbrechen, islamistischer Terror importiert ebenso wie islamischer Antisemitismus. Was mir Sorge macht? Die Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland – sie haben sich 2015 gegenüber dem Jahr zuvor verfünffacht. Mehr als 1.000 solcher Straftaten wurden im Vorjahr registriert. Und 2016 geht es munter weiter. Kaum ein Tag, an dem nicht Übergriffe gegen Flüchtlinge bekannt werden. Salopp könnte man sagen, der rechte Mob hat sich wieder formiert. Als Feind wurden nun die Flüchtlinge festgemacht. Nur wie lange dauert es, bis grundsätzlich jeder, der auch nur ein bisschen (vermeintlich) fremd, ein bisschen anders ist, mit solchen Übergriffen zu rechnen hat?

    Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, sagt diese Woche in der "Jüdischen Allgemeinen": "Menschen mit rechtsextremen Ansichten sind generell im Aufwind. Das ist eine Atmosphäre, die uns ängstigt, die uns aber auch aktiv werden lässt – auch mit Demonstrationen und Sitzblockaden." Die Zahl der Angriffe, per Mail, per Post, sei gleich geblieben, was sich aber geändert habe, sei die Qualität: "Der Ton wird schärfer, bedrohlicher, da sind ernstgemeinte Morddrohungen dabei. Rechtsextremismus und Islamismus verbinden sich. Und die Orthografie und der Stil der Briefe ist besser! Das sind inzwischen gebildetere Leute!" Was die so genannte Flüchtlingskrise aus Schramms Sicht hier verändert hat: "Sie hat die Aggressivität zunehmen lassen. Es wäre naiv zu glauben, dass sich der Hass ausschließlich gegen Muslime richten würde. Das geht auch gegen Juden."

    Da sind wir beim Kern: Natürlich wird es irgendwann auch wieder gegen Juden gehen. Wie sich das anfühlt, das hat die ARD-Journalistin Tamara Anthony jüngst erlebt. Sie hatte gemeinsam mit Freunden ein Lokal in Hamburg besucht. Was dann passierte, schildert sie in der "Jüdischen Allgemeinen" so: "Ein paar Männer im Anzug hatten sich zu uns gestellt. Wie das Thema aufkam, weiß niemand mehr. Aber plötzlich waren diese Parolen da: ‚Juden raus‘ und ‚Alle Juden sollen vergast werden!‘. Ich stand direkt neben dem Mann und sagte ihm, dass ich Jüdin sei und er mich also ermorden will. ‚In dem Fall, ja!‘ meinte er. Er konnte mir den grausamsten Tod wünschen und dabei in die Augen schauen. Er war nicht kahl geschoren, nicht pöbelnd, nicht zögernd, sondern selbstsicher, ruhig und mit einer Arroganz von ‚Ich-vertrete-die-Mehrheitsmeinung‘." Was aber dann noch schlimmer gewesen sei, schreibt Anthony, sei die Situation danach gewesen. Es habe viel Kraft und Anstrengung gekostet, die Männer zum Verlassen des Lokals zu bringen – bzw. die anderen im Raum davon zu überzeugen, dass das nötig sei.

    In Österreich halten sich die Übergriffe Gott sei Dank im Vergleich zu Deutschland in Grenzen. Und dennoch ist mitnichten alles in Ordnung. Auch hier richtet sich der Volkszorn gegen die Flüchtlinge. Immer wieder höre ich: Die starke FPÖ möge man persönlich nicht schätzen und als bedenklich einstufen. Durch sie entlade sich die Wut mancher Bürger und Bürgerinnen aber nicht direkt, weil man sich durch die Freiheitlichen gut vertreten fühle. Man müsse nur sehen, dass die FPÖ an die Macht komme, dann werde sie dem schon ein Ende machen – der Aufnahme von Flüchtlingen im Moment etwa.

    Die FPÖ hat kürzlich ihren Präsidentschaftskandidaten präsentiert: Norbert Hofer, amtierender Dritter Nationalratspräsident. Er wird gerne als "das freundliche Gesicht der FPÖ" tituliert. Dieses freundliche Gesicht hat in der Vergangenheit mehrmals das Verbotsgesetz in Frage gestellt und sich für eine Volksabstimmung ausgesprochen, die über dessen Abschaffung entscheiden solle. Er spricht sich zwar auch für ein Verbot der NSDAP aus. Aber er meint, dass das Verbotsgesetz zu sehr in die Meinungsfreiheit eingreife.

    Wenn ich mir so manches Zeitungsforum und die sozialen Medien anschaue: An rechten Meinungen wird dieser Tage allzu viel veröffentlicht. Noch mehr soll es werden? Gar keine rechtliche Handhabe gegen rassistische und antisemitische Meinungsmache und Hetze soll es mehr geben? Es wird wohl weder zu einem Bundespräsidenten Norbert Hofer noch zu solch einer Volksabstimmung kommen. Aber einfach zur Seite wischen kann man solche Äußerungen nicht. Man muss sie ernst nehmen, weil sie Ausdruck einer Gesinnung sind, die rascher als man denkt, wieder stark an Zuspruch gewinnen könnte. Es müssen nur die richtigen Knöpfe gedrückt werden. Momentan heißen diese Flüchtlinge und Obergrenze. Aber was geschieht dann weiter, wenn erst alle Dämme brechen?





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    Dokument erstellt am 2016-02-04 13:24:02
    Letzte Änderung am 2016-03-03 19:33:59


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