• vom 30.05.2016, 21:22 Uhr

Jüdisch leben

Update: 30.05.2016, 21:34 Uhr

Jüdisch leben

Schattenseiten




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Von Alexia Weiss


    Eine chassidische Familie in New York. Der Mann trägt einen "shtreimel", die Frau eine Perücke namens "sheitel".

    Eine chassidische Familie in New York. Der Mann trägt einen "shtreimel", die Frau eine Perücke namens "sheitel".© Wikimedia Creative Commons, Adam Jones Eine chassidische Familie in New York. Der Mann trägt einen "shtreimel", die Frau eine Perücke namens "sheitel".© Wikimedia Creative Commons, Adam Jones

    So wie es Menschen gibt, die dem Christentum den Rücken kehren, gibt es auch immer wieder jüdische Frauen und Männer, die sehr religiös aufgewachsen sind, sich aber als Erwachsene gegen ein ultraorthodoxes Leben entscheiden. Das fällt oft sehr schwer, denn meist sind schon Kinder auf der Welt. In frommen jüdischen Kreisen wird zum Beispiel in den USA teils sehr jung geheiratet (beziehungsweise müssen sich die jungen Männer und Frauen im Alter von etwa 18 bis 20 Jahren in arrangierte Ehen fügen). Inzwischen gibt es vor allem im englischsprachigen Raum viele Bücher zu dem Thema – von Naomi Aldermans "Ungehorsam" bis zu "Ich bin verboten" von Anouk Markovits. Vergangenen Sommer erschien der bezaubernde Roman "Die Hochzeit der Chani Kaufman" von Eve Harris auf Deutsch, der in London angesiedelt ist und das Thema zwar kritisch, gleichzeitig aber auch sehr liebevoll behandelt.

    Anders verhält es sich mit der biografischen Erzählung der New Yorkerin Deborah Feldman. Schlicht "Unorthodox" heißt die nun publizierte deutsche Ausgabe, das 2012 erschienene Original trägt dazu im Titel noch den Beisatz "The Scandalous Rejection of My Hasidic Roots". Und skandalös ist vieles, was Feldman hier – strikt chronologisch – schildert. Aus der Sicht der Satmarer Gemeinde, in der sie groß wurde, sind dies Dinge wie Jeans für Frauen, weltliche englischsprachige Literatur oder Frauen, die sich das eigene Haare unter der Perücke nicht völlig abrasieren, wobei idealerweise nicht nur ein Scheitel getragen wird, sondern ein Shpitzel. Dabei sieht man nur am Vorderkopf (Kunst)Haar, der Hinterkopf ist dagegen mit Stoff bedeckt.

    Aus anderem Blickwinkel Skandalöses findet sich in diesem Buch allerdings ebenso mannigfaltig. Da wäre das von der Autorin immer wieder angeschnittene Thema Kindermissbrauch. Offenbar sind so abgeschlossene Gesellschaftssysteme – Feldman spricht immer wieder von einer Sekte – besonders anfällig, wenn es um dieses Thema geht. Autoritäre Strukturen und ein Heranwachsen, bei dem die Kinder klar vermittelt bekommen, dass sie nichts zu hinterfragen und nichts zu entscheiden haben, begünstigen wohl eine Atmosphäre, in der manch Erwachsener den Missbrauch auch über einen längeren Zeitraum gut vertuschen zu können scheint.

    Da wäre aber auch der Umgang mit psychisch Kranken. Feldman wuchs bei ihren Großeltern auf. Als ein Verwandter psychisch erkrankt, wird er zunächst in einem Zimmer eingesperrt. Der Beweggrund: in einer psychiatrischen Einrichtung werde nicht auf ein koscheres Leben geachtet. Feldmans eigener Vater ist ebenfalls psychisch erkrankt. Sie beschreibt ihn als einen in der Gegend Umherirrenden – offenbar hat man sich auch für ihn nicht um eine passende Betreuung gekümmert.

    Und Feldmans Mutter rührte an ein anderes Tabu: sie brach nach der Hochzeit und Geburt ihrer Tochter aus der Satmarer Gesellschaft aus und bekannte sich zu ihrer Homosexualität – ein weiteres No go in dieser Gesellschaft. Damit blieb ihr der Kontakt zu ihrem eigenen Kind verwehrt. Selbst bei der Hochzeit ihrer Tochter durfte sie nur aus der Ferne zusehen.

    Dramatisch sind insgesamt die Schilderungen zum Thema Sexualität. Mädchen werden hier zu asexuellen Wesen erzogen, alles muss stets züchtig und anständig sein. Kurz vor der Hochzeit gibt es dann eine kurze Unterweisung zum Thema Sex, die bei Feldman so ausfiel, dass sie panisch wurde, weil sie meinte, an sich keine Vagina entdecken zu können. Entsprechend desaströs spielte sich dann die Hochzeitsnacht ab – in der die Verwandtschaft allerdings den Vollzug der Ehe erwartete. Und als dies nicht gelang, begann eine Kaskade an Schuldzuweisungen. Da wird auf der einen Seite Züchtigkeit groß geschrieben und andererseits keinerlei Privatsphäre gestattet. Auch das hinterlässt tiefe seelische Wunden. Und andere müssen sich mit körperlichen Wunden auseinandersetzen: die Hochzeitsnacht einer Freundin der Autorin endete überhaupt in einem äußerst blutigen Desaster.

    Feldmans Outing fällt sehr offenherzig, im Grunde sehr brutal aus. Es ist eine bittere Abrechnung mit ihrer Herkunft, mit ihrem Großwerden, mit einer jüdischen Gesellschaft, die sich als anti-zionistisch versteht, die den vom Glauben abgefallenen, assimilierten Juden die Schuld am Holocaust gibt, die meint, wenn man nur alle strengen Regeln befolgt, dann könne man das nächste Pogrom verhindern.

    Satmarer Juden, sie tragen auch oft Shtreymel – einen Pelzhut. Als ich in den vergangenen Tagen Feldmans Memoiren aus Williamsburg in Brooklyn, New York, las, fiel mir eine Szene ein, die ich in meinen frühen Zwanzigern erlebt habe. Bei einem Synagogenbesuch in Brooklyn in einer Gegend, in der sehr viele Shtreymelträger das Straßenbild dominierten, wurde meine Feststellung, dass ich eine jüdische Mutter habe, alles andere als erfreut aufgenommen. Man hat mich – wie immer in Hosen gekleidet - rasch aus dem Gotteshaus hinauskomplimentiert. Später war mir klar warum: assimilierte Juden sind in den Augen vieler Chassiden eben schlimmer als es Goyim, also Nichtjuden, je sein könnten.

    Damals habe ich allerdings die Welt nicht mehr verstanden. Ich hatte mich gefreut, eine Verbindung aufzeigen zu können. Doch da ist wenig Verbindendes zwischen chassidischen Juden und jemandem wie mir. Jedenfalls in New York. In der Wiener Einheitsgemeinde ist man da eher um Zusammenhalt bemüht – man respektiert einander und es gibt einen gepflegten Umgang. Auch wenn in religiösen Kreisen beim Thema Heiraten natürlich darauf geachtet wird, dass die religiöse Herkunft beziehungsweise Einstellung des künftigen Ehepartners passt.

    Doch wo es viel Schatten gibt, gibt es auch Licht – oder umgekehrt. Auch wenn es Feldman vorrangig darum gegangen sein mag, die Beengtheit, die Unfreiheit ihres Aufwachsens zu schildern, so spürt man in ihrer Erzählung doch auch die große Stärke einer solchen Gemeinschaft: den Zusammenhalt der Großfamilie. Wer sich an die Regeln hält, der kann sich der uneingeschränkten Unterstützung gewiss sein. Wer da mit einem Baby aus dem Krankenhaus in seine Wohnung kommt, der findet bereits die gesamte Babyausstattung vor. Wer Hilfe braucht, dem wird geholfen.

    Feldman hat inzwischen unter dem Titel "Exodus" einen zweiten Teil ihrer Biografie vorgelegt (auf Englisch, aber noch nicht auf Deutsch erhältlich). Darin schildert sie ihren Kampf ums Sorgerecht für ihren Sohn, aber auch wie sie in Europa Orte aufsuchte, an denen Vorfahren von ihr einst gelebt hatten. Die Gruppierung der chassidischen Satmarer Juden wurde 1905 von Rabbiner Joel Teitelbaum in der Stadt Satu Mare begründet. Diese Namen gebende Stadt lag damals in Ungarn, heute findet man sie im Nordwesten Rumäniens. Im Buch nimmt Feldman immer wieder Bezug auf ihre ungarischen Wurzeln.

    Der Satmarer Rebbe wurde 1944 durch den Kasztner Zug (eine Rettungsaktion, die vom ungarisch-israelischen Journalisten Rudolf Kasztner mit den Nazis ausverhandelt worden war) davor bewahrt, in ein Konzentrationslager deportiert zu werden. Nach dem Krieg begann er in New York, die Satmarer Gemeinde wiederaufzubauen. Als er 1979 starb, übernahm sein Neffe Moshe Teitelbaum die Führung der Gemeinde. Seit 2006 streiten allerdings dessen Söhne Aaron und Salman um dieses Erbe – und so ist die Gemeinde zerrissen. Auch das fließt in die Schilderungen Feldmans ein. Während ihre Familie sich dem einen Sohn zugehörig fühlte, stand ihre Schwiegerfamilie dem anderen Sohn näher. Auch das eine schwierige Ausgangslage für eine Ehe.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-05-30 21:22:37
    Letzte Änderung am 2016-05-30 21:34:50


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