• vom 22.03.2017, 11:25 Uhr

Jüdisch leben

Update: 22.03.2017, 11:31 Uhr

Jüdisch leben

Zehn Hektar Erinnerung




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Von Alexia Weiss


    Alexia Weiss

    Alexia Weiss© Stanislav Jenis Alexia Weiss© Stanislav Jenis

    30 Jahre sind eine lange Zeit. In 30 Jahren kann sich viel entwickeln. Stadtteile verändern sich, Gesellschaften verändern sich, Haltungen verändern sich. Zum Besseren, zum Schlechteren. Oder auch gar nicht.

    1987 pflanzten Wiener Schülerinnen und Schüler auf einem zehn Hektar großen Areal östlich der heutigen Seestadt Aspern 65.000 Laubbäume – in Erinnerung an die 65.000 in der NS-Zeit ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden. So entstand ein Gedenkwald – der vor sich hinwuchs und über die Donaustadt hinaus wenigen Menschen bekannt war.

    Die Menschen, die in der wachsenden Seestadt eine neue Heimat gefunden haben, erkunden nun auch verstärkt die umliegende Natur. Der Gedenkwald ist allerdings schwer zugänglich. Bezirksvorstehung Donaustadt, die Israelitische Kultusgemeinde Wien, das Stadtteilmanagement Seestadt aspern, die Projektsteuerung aspern und Historiker haben hier nun ein Projekt entwickelt, wie das Areal einerseits als Erholungsgebiet genutzt werden kann, andererseits aber die Erinnerungsebene erhalten bleibt.

    Holzstege in den Gedenkwald

    Im Winter wurde zunächst mit der Waldpflege begonnen und derzeit entstehen zwei Holzstege. Sie verbinden ein neu geschaffenes Entrée auf der ehemaligen Landebahn des Flugfelds Aspern mit einer Lichtung im Gedenkwald. So bleibt der Wald an sich geschlossen und wird dadurch auch eher als Erinnerungsort wahrgenommen.

    In 30 Jahren wächst also ein Wald und man hat den Eindruck, diese Bäume waren immer schon da. Sie sind gut verwurzelt und sie leben weiter. Auch das eine schöne Analogie zur jüdischen Bevölkerung Österreichs: es gibt sie seit vielen Jahrhunderten und sie haben Wurzeln geschlagen. Man hat versucht, sie auszureißen, diese Wurzeln, immer wieder, aber vor allem in den sieben dunklen Jahren, doch nach 1945 haben wieder einige Jüdinnen und Juden ihre Zelte hier aufgeschlagen, aus denen schließlich feste Heime, gut hier integrierte Existenzen wurden.

    Weitere Juden zogen zu, aus anderen Kulturkreisen mit anderen Traditionen und wie auch der Wald mit seinen verschiedenen Baumarten sind sie heute eine gute, interessante Mischung. Dass nun Holzstege durch den Gedenkwald führen, das ermöglicht eine würdige Erinnerung an die 65.000 Toten, für die diese Bäume stehen.

    Manchmal hat man allerdings den Eindruck, einige Menschen begegnen Juden oder dem Thema Judentum ebenso: ein bisschen in Watte gepackt, mit vorsichtigem Abstand, weil man nichts Falsches sagen will. Weil man bloß niemanden beleidigen will. Oder weil man weiß, dass die Dinge, die man eigentlich gerne sagen würde, in der heutigen Gesellschaft nicht opportun sind. Also sagt man sie nicht.

    Großer Sprung von der Waldheim-Zeit bis heute

    Das ist vordergründig gut. Es zeigt, dass sich die Gesellschaft weiterentwickelt hat. Es zeigt, dass sich von der Waldheim-Zeit bis heute sehr viel zum Positiven verändert hat. Es zeigt, dass Antisemitismus ein offizielles No-go ist. Es zeigt, dass es viele Menschen gibt, die sich hier um Verständnis bemühen, die sagen: wir sind nicht wie unsere Vorväter, wir wollen es besser machen.

    Allerdings gibt es heute im Internet immer mehr Räume, wo Menschen anonym völlig ungehemmt sagen können, was sie sich eigentlich denken. Und das auch tun. Und je mehr Menschen das tun, desto mehr fallen die Hemmungen. Das ist ernüchternd. Immer wieder kommen dann die Bilder vom reichen Juden und von der weltweiten jüdischen Vernetzung beziehungsweise der jüdischen Weltverschwörung.

    Und da stellt sich die Frage: warum schafft es Erinnerungsarbeit, die es in Österreich gerade in den vergangenen Jahrzehnten sehr facettenreich und engagiert gibt, Haltungen nicht gänzlich zu verändern? Warum sind Vorurteile nicht auszurotten beziehungsweise, warum ist es so viel leichter, diese zu bestärken als sie abzubauen? Würde diese Saat nämlich nicht nur ein bisschen, sondern gänzlich aufgehen, würde auch grundsätzlich so, wie das derzeit passiert, Fremdenfeindlichkeit nicht immer mehr an Boden gewinnen.

    Das Österreich-zuerst-Gefühl

    Warum dieses Gefühl – Österreich, Österreicher zuerst – von immer mehr Menschen vorsichtig oder weniger vorsichtig formuliert wird, das hat auch viel mit den Ansagen zu tun, die aus der Politik kommen. Anpassen heißt es da, sich integrieren, nicht auffallen, aber auch: nicht noch mehr Zuwanderung und es wird das Das-Boot-ist-voll-Bild bemüht. Anpassen an die Mehrheit, wo man diskutieren könnte: gibt es die eine Mehrheit, oder ist nicht auch diese Mehrheit schon ein inhomogenes Gemisch?

    Das anzuerkennen, sich als historisch gewachsene Einwanderungsgesellschaft zu verstehen, die Österreich schon so lange ist – man denke nur an das 19. Jahrhundert mit den Wanderbewegungen innerhalb der Monarchie – würde uns als Gesellschaft so gut tun und im Selbstverständnis weiterbringen. Die jüdische Gemeinde Wiens hat genau diesen Prozess in den vergangenen Jahren durchlebt und mit durchaus respektablem Ergebnis gemeistert. Aschkenasen, Sefarden: hier verschwimmen inzwischen die klaren Linien. Ist ein Kind eines Aschkenasen und einer Sefardin aschkenasisch oder sefardisch? Oder vermischen sich eben nicht einfach Traditionen? Das kann bereichernd sein. Es muss auch nur so vermittelt und empfunden werden.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2017-03-22 11:26:07
    Letzte Änderung am 2017-03-22 11:31:21


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