• vom 11.12.2017, 09:12 Uhr

Jüdisch leben

Update: 11.12.2017, 09:38 Uhr

Jüdisch leben

Jerusalem und brennende Fahnen




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Von Alexia Weiss


    Altstadt von Jerusalem in der Vorweihnachtszeit.

    Altstadt von Jerusalem in der Vorweihnachtszeit.© Alexia Weiss Altstadt von Jerusalem in der Vorweihnachtszeit.© Alexia Weiss

    Als sich abzeichnete, dass US-Präsident Donald Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennt und bekannt geben würde, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu übersiedeln, dachte ich: unklug. Als es kurz darauf so weit war, habe ich nicht gejubelt und, ganz salopp gesagt, den fast schon nationalistisch anmutenden Jubel in meiner jüdischen Blase, ich konnte ihn nicht nachvollziehen. Bin ich deshalb eine selbsthassende, jüdische Linke? Mitnichten. Zweifle ich an Jerusalems Status? Natürlich nicht.

    Jerusalem ist die Hauptstadt Israels. Daran ist nicht zu rütteln. Dass man sich darüber freut, wenn dieses Faktum auch anerkannt wird, kann ich nachvollziehen. Wie heißt es so schön? Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust. Natürlich ist es mir lieber, ein Staat anerkennt Jerusalem und steht hinter Israel als wieder einmal von einer Siegerehrung im Sport lesen zu müssen, bei der die Fahne bei der TV-Übertragung nicht eingeblendet wird und der gefeierte Sportler, die Sportlerin, die HaTikwa alleine singen muss.

    Gesten sind eine schöne Sache, als solches könnte man Trumps Bekanntmachung ansehen. Aber. Wie diplomatisch ist es, so einen Schritt zu machen im Wissen, was das bei der Gegenseite auslöst? Wie diplomatisch ist es, etwas zu postulieren ohne vorherige Verhandlungen? Ohne vorheriges Abstecken einer Lösung für die gesamte Region?

    Mechanismen sind bekannt

    Was kommt sofort als Totschlagargument der Jubelnden: Das sei ein Relativieren. Oder: Die Erpressung müsse ein Ende haben. Relativieren würde meiner Meinung nach ein Beschönigen implizieren. Das liegt mir fern. Ich entschuldige nicht, was auf palästinensischer und arabischer Seite passiert. Gewalt ist niemals eine Lösung. Aber: Wenn ich so einen Schritt setze, wie ihn Trump nun gesetzt hat, dann ist klar, dass es zu Gewalt kommt. Die Mechanismen sind sattsam bekannt. Und dass das auch bedeutet, dass wieder unschuldige Menschen in Israel verletzt oder sogar getötet werden.

    Ein Menschenleben ist für mich das höchste Gut. Alles, was dieses in Gefahr bringt, muss zig Mal überlegt werden. In Kauf zu nehmen, dass es zu einem Blutvergießen kommt, um ein, sagen wir, höheres Ziel zu erreichen, das kann ich als Grundhaltung nicht nachvollziehen. Vielleicht bin ich einfach unendlich feige. Vielleicht kommt wirklich nur der ans Ziel, der Opfer in Kauf nimmt. Mein Weg ist es nicht. Denn was bringt ein erreichtes Ziel, dessen Weg mit Blut gepflastert ist? Nachhaltigen Frieden? Das bezweifle ich. Und das ist doch das eigentliche Ziel. Nachhaltiger Frieden für alle in der Region Lebenden. Endlich ein sicheres Israel, endlich ein Palästina, in dem sich die Menschen wohl fühlen und eine Zukunft für sich sehen.

    So viel zu Trump, so viel zu dieser sehr holzhammrigen diplomatischen Leistung. Wie sieht die Reaktion aus? Einerseits: wie erwartet. Es kommt zu Protesten in den Palästinensergebieten. Soll sein. Es kommt zu einer Messerattacke in Jerusalem, ein 24Jähriger aus Talluza (nahe Nablus) sticht bei einer Kontrolle auf einen Sicherheitsmann ein. Inakzeptabel. Allerdings ja, man muss zugeben, solche Messerattacken sind nichts Ungewöhnliches, leider, es braucht keinen Anlass wie den nunmehrigen, um eine solche auszulösen. Bitter, grundsätzlich, aber Realität.

    "Schlachtet die Juden"

    Es kommt aber auch weltweit zu Demonstrationen und das nicht nur in arabischen Ländern. In Berlin wird mehrfach die israelische Fahne verbrannt, in Göteborg wird ein Brandanschlag auf eine Synagoge verübt und in Wien kommt es zu klar antisemitischen Rufen bei einer Demonstration vor der US-Botschaft: Demnach war laut Zeugen nicht nur "Tod Israel" zu hören, sondern auch "Schlachtet die Juden". Auf einem Schild war sowohl der Davidstern als auch ein Hakenkreuz zu sehen. Das ist inakzeptabel und gehört geahndet.

    Es zeigt für mich aber auch die Ausweglosigkeit der Situation. So lange Israel von der arabischen Welt als Projektionsfläche für alle aufgestaute Wut missbraucht wird, so lange kann es keine friedliche Lösung geben. Es sind Momentaufnahmen wie diese, die für mich offenlegen, dass es einigen arabischen Politikern offenbar wichtiger ist, Israel als Ventil für die Gewalt von Arabern, von Muslimen weltweit zu haben, als nach einer Lösung für die in Gaza, im Westjordanland Lebenden zu suchen.

    Weltweite Proteste über die Behandlung von Menschen wie Sklaven in Libyen? Fehlanzeige. Obwohl hier vorrangig Muslime betroffen sind. Proteste über die Situation im Jemen, den Terror von Daesh, der Taliban, aber auch der Hamas? Wenig. Aber es gibt sie schon auch, die kleinen Zeichen. Wie im Herbst eine Menschenkette der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Wien-Floridsdorf als Zeichen für ein Miteinander der Religionen.

    Arabische Staaten setzen sich allerdings im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen immer wieder dafür ein, dass Israel wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt werden. Was vor allem im Kontext der Nicht-Verurteilung anderer Staaten einen mehr als schalen Beigeschmack hat. Die Entscheidungen des UN-Sicherheitsrats führen allerdings wiederum dazu, dass auch europäische Politiker zu Israel auf Abstand gehen. Eine absurde Kettenbewegung setzt sich hier ein ums andere Mal in Gang.

    Wie bekommt man alle an einen Tisch?

    Frieden kann es in der Region nur geben, wenn alle gemeinsam nach einem Weg suchen. Trump versuchte nun, eine unorthodoxe Art der Diplomatie einzusetzen, manch einer sagt, damit setzte er wenigstens einen neuen Impuls. Vielleicht stimmt das sogar. Ein gemeinsamer Weg ist es dennoch nicht. Der Durchbruch wäre da, würden endlich die arabischen Staaten ins Boot geholt und würde hier ein gemeinsamer Plan entworfen. Das ist jedoch nicht nur Hol-, sondern vor allem Bringschuld, klar. Es müssen sich auch alle an einen Tisch setzen wollen. Solange Staaten wie der Iran gegen Israel auf mehrfacher Ebene zündeln, so lange Antisemitismus von muslimischer Seite teils nicht bekämpft, sondern bewusst geschürt wird, um den Menschen einen Feind zu bieten und von den eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken, so lange wird kein Friedensplan funktionieren. Das ist die bittere Erkenntnis.

    Ebenfalls bitter: So wie von arabischer Seite der Judenhass instrumentalisiert wird, genauso wird die Inschutznahme Israels und der Kampf gegen Antisemitismus innenpolitisch verwendet. Der erste (und bisher leider ziemlich einzige) Politiker, der sich in Österreich gegen den Antisemitismus bei der Kundgebung vor der US-Botschaft äußerte, war ein Freiheitlicher: Der Wiener Vizebürgermeister Johann Gudenus. Antisemitismus dürfe in Wien keinen Platz haben, schrieb er in einer Aussendung, und er trete klar gegen jede Form der Judenfeindlichkeit ein. Diese Umarmung schmerzt, wenn man sich ansieht, wie in den Reihen dieser Partei immer wieder antisemitische Ausritte aufpoppen.

    Und wenn man dann liest, was FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache am Wochenende auf seiner Facebook-Seite schrieb, ist die Intention nicht nur durch persönliche Interpretation klar, sondern man hat schwarz auf weiß, worum es eigentlich geht: "Fassungslos! Die Vorgängerregierungen haben mit ihrer verantwortungslosen Migrationspolitik diesen arabischen Antisemitismus nach Österreich importiert. Hier braucht es künftig Konsequenzen!" Schon seit geraumer Zeit missbraucht die FPÖ Juden und Jüdinnen, um gegen Muslime zu mobilisieren. Doch wer gegen die einen hetzt, hat auch kein Problem, an einem zukünftigen Tag auch gegen andere zu hetzen. Teile der Führungsriege der FPÖ gehören Burschenschaften an, die bis heute keine Juden in ihren Reihen akzeptieren. Damit ist eigentlich alles gesagt.





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    Dokument erstellt am 2017-12-11 09:14:21
    Letzte Änderung am 2017-12-11 09:38:58



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