• vom 28.12.2017, 18:40 Uhr

Jüdisch leben

Update: 28.12.2017, 18:48 Uhr

Jüdisch leben

1938/2018




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Von Alexia Weiss


    Wie viele Zeremonien es im kommenden Gedenkjahr wohl vor dem Mahnmal von Rachel Whiteread am Judenplatz geben wird?

    Wie viele Zeremonien es im kommenden Gedenkjahr wohl vor dem Mahnmal von Rachel Whiteread am Judenplatz geben wird?© Alexia Weiss Wie viele Zeremonien es im kommenden Gedenkjahr wohl vor dem Mahnmal von Rachel Whiteread am Judenplatz geben wird?© Alexia Weiss

    Das Gedenkjahr 1938/2018 wirft seine Schatten voraus und ich versinke in der Lektüre einschlägiger Texte, in Gesprächen mit noch lebenden Zeitzeugen oder ihren Nachfahren. Dabei gibt es die immer wiederkehrenden Momente: Das Nicht-glauben-Wollen, dass es einen auch treffen könnte. Damals. Weil man im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte und verwundet worden war, weil man ohnehin ein assimiliertes Leben führte, weil man getauft war. Oder: Das Bis-heute-nicht-begreifen-Können des organisierten Tötens von Menschen, die sich nichts zu Schulden kommen hatten lassen. Deren Jüdisch-Sein oder Behindert-Sein per Gesetz zum Makel, zum Verbrechen gestempelt wurde, sodass am Ende auch 1,5 Millionen Babys, Kinder, Jugendliche ermordet wurden.

    Wozu der Mensch fähig ist, das zeigen Berichte von Überlebenden, aber auch von Tätern. In einem Urteil des Landgerichts München aus dem Jahr 1961 ist zum Beispiel Folgendes über die Erschießungen von Männern, Frauen und Kindern durch das Einsatzkommando 8 der Einsatzgruppe B in der damaligen Sowjetunion zu lesen (die Einsatzgruppen A, B, C und D waren Sondereinheiten, die eigens mit der Ermordung von Juden, Roma und Sinti, Kommunisten, geistig und körperlich behinderten Menschen, Partisanen und so genannten Asoziale in Polen, auf dem Balkan und in der Sowjetunion betraut wurden).

    Blut und Gehirnteile

    "Im Laufe des Einsatzes ging man jedoch immer mehr dazu über, die Erschießung durch Gewehrsalven abzustellen und die zur Exekution bestimmten Menschen durch Einzelfeuer aus Maschinenpistolen zu töten. Der Grund hierfür lag einmal darin, dass die Erschießung mittels Gewehrsalven verhältnismäßig lange Zeit in Anspruch nahm, zum anderen, dass die Wirkung der aus kürzester Entfernung abgegebenen Schüsse so heftig war, dass das Erschießungskommando und sonstige an den Aktionen beteiligten Personen von Blut und von Gehirnteilen der Getöteten bespritzt wurden, ein Umstand, der die ohnehin schon außerordentliche seelische Belastung der zu den Hinrichtungskommandos eingeteilten Männer so sehr steigerte, dass häufig Fehlschüsse vorkamen und dadurch eine Verlängerung der Leiden der Opfer eintrat."

    Und weiter: "Die Erschießungen mittels Maschinenpistolen gingen in aller Regel so vor sich, dass die zur Durchführung der Hinrichtung ausersehenen Angehörigen des Einsatzkommandos in der Grube an der Reihe der zu erschießenden Personen entlanggingen und ein Opfer nach dem anderen durch Schüsse in den Hinterkopf töteten. Diese Art der Exekution führte allerdings zwangsläufig dazu, dass ein Teil der Opfer, auf den schlecht oder überhaupt nicht abgedeckten Leichen liegend und den sicheren Tod vor Augen, längere Zeit warten mussten, bis sie selbst den Todesschuss erhielten."

    Ähnliches berichtete auch eine Überlebende des Massakers von Babi Jar im September 1941, Dina Pronitschewa. Stundenlang musste sie zusehen, wie ihre Familie, wie andere Juden sich entkleiden mussten und in die Schlucht getrieben wurden, wo sie schließlich erschossen wurden. In einem "Spiegel"-Beitrag von September 2016 wird sie unter anderem mit den Worten zitiert: "Ich sah selbst, wie die Deutschen den Müttern die Kinder fortnahmen und sie lebendig in die Schlucht warfen." Sie sprang schließlich ebenfalls in die Schlucht, "ich fiel auf Leichen, die sich dort in blutiger Masse befanden". Sie stellte sich tot, selbst als ein Deutscher zu ihr herantrat und sie mit dem Fuß auf den Rücken drehte. Als schließlich Sand und Erde über die Toten geschüttet wurde, schaffte Pronitschewa es, einen Luftspalt über ihrem Gesicht frei zu halten. Später gelang es ihr, sich aus der Grube herauszukämpfen.

    Berichte wie diese sind, wenn man sie Schritt für Schritt durchdenkt und in Gedanken durchlebt, unaushaltbar. Genauso unaushaltbar wie die Schilderungen, wie Menschen in Auschwitz-Birkenau, in Majdanek, in Treblinka ins Gas getrieben wurden. Wie Menschen nur deshalb erschossen wurden, weil sie aus welchem Grund auch immer ihre Häftlingskappe nicht aufhatten.

    "Niemals wieder"

    Das "Niemals wieder", das auch im kommenden Jahr wohl oft bemüht werden wird, bedeutet, dass es niemals wieder zu solch einem durchorganisierten Massenmord kommen darf. Ich lese in vergangenen Zeit in sozialen Medien immer öfter, es handle sich um nicht angebrachten Alarmismus, wenn in Reden, Statements, Kommentaren der Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart geschlagen wird.

    Und ja, ich bin ebenfalls absolut überzeugt davon, dass sich das, was in den oben zitierten Passagen geschildert wird, in Europa nicht mehr wiederholen wird. So etwas auch nur ansatzweise auszusprechen, dass also eine bestimmte Gruppe von Menschen es nicht Wert ist, zu leben, und daher per Gesetz entrechtet werden soll, schließlich vertrieben oder getötet, das kann sich kein Politiker erlauben, egal welche Gesinnung er hat.

    Und dennoch: Wenn die Stimmung gegen eine Bevölkerungsgruppe immer mehr angeheizt wird, durch einzelne Politiker und Politikerinnen ebenso wie durch manche Medien oder den virtuellen Stammtisch in Zeitungsforen oder auf Facebook, dann führt das zu Entgleisungen im Netz, die, wenn man sie im Detail durchdenkt, keinen Zentimeter von dem entfernt sind, wie das, was wir mit dem "Niemals wieder" für immer zu verbannen versuchen.

    Kein Alarmismus

    Wie die "Neue Vorarlberger Tageszeitung" berichtete, reagierten Leser und Leserinnen in einem Zeitungsforum (das die Kommentarfunktion offenbar inzwischen deaktiviert hat), unter einem Bericht über einen Flüchtling, der zu Weihnachten am Brenner bei der Kontrolle eines Güterzugs tot auf dem Dach eines Containers liegend aufgefunden wurde, wobei davon ausgegangen wird, dass ihn ein Stromschlag getötet hat, mit Einträgen wie: "Für was Strom nicht alles gut ist", "Endlich gute Nachrichten!" oder "Tödlicher Stromschlag – könnte das die Lösung sein?"

    Töten durch Strom, gezieltes Töten durch Strom, das wird in diesem letzten Posting zum Ausdruck gebracht. Und ich stelle mir die Frage: Wie kann auch nur mehr ein Mensch nach Auschwitz und nach Babi Jar auch nur andenken, wie eine Gruppe von Menschen am besten/leichtesten/effizientesten getötet werden kann?

    Die NS-Vergangenheit wird erst dann bewältigt sein, wenn jedem hier Lebenden klar ist, dass so etwas nicht einmal angedacht werden darf. Die NS-Vergangenheit wird aber auch erst dann bewältigt sein, wenn den politisch Handelnden klar ist, dass es ein langer Weg bis zu den Gaskammern war, dass die Schoa nicht mit Auschwitz begann, sondern mit einem in der Mehrheitsgesellschaft salonfähigen Antisemitismus. Hetze und Ausgrenzung waren der erste Schritt. Genau deshalb ist es nicht Alarmismus, wenn man beizeiten warnt und die Stimme erhebt. Und genau deshalb ist es auch nicht überzogen, darüber nachzudenken, wann der richtige Zeitpunkt ist, seine Zelte abzubrechen und auszuwandern. Gespräche darüber führe ich in letzter Zeit wieder öfter. Ich selbst sehe noch keinen Anlass darüber konkret nachzudenken. Aber alleine durch das Darauf-angesprochen-Werden beginnt man für sich zu definieren, was der Punkt wäre, an dem noch ein sozusagen geordneter Abgang möglich wäre. Ich habe diesen Punkt inzwischen für mich geklärt. Und nein, er hat nichts mit dem Jüdisch-Sein oder einer möglichen Verfolgung von Jüdinnen und Juden zu tun. Die wird es in dieser Form hierorts wirklich nicht mehr geben.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2017-12-28 18:44:56
    Letzte nderung am 2017-12-28 18:48:01



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