• vom 17.01.2018, 14:19 Uhr

Jüdisch leben

Update: 17.01.2018, 14:34 Uhr

Jüdisch leben

"Bevor wir alle erschossen werden ..."




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexia Weiss

  • Letzte Briefe aus dem Holocaust.

Es ist leichter, sich an Einzelne zu erinnern als an sechs Millionen Menschen auf einmal.

Es ist leichter, sich an Einzelne zu erinnern als an sechs Millionen Menschen auf einmal.© Alexia Weiss Es ist leichter, sich an Einzelne zu erinnern als an sechs Millionen Menschen auf einmal.© Alexia Weiss

Heute gäbe es wohl keinen letzten Brief mehr. Heute würde man seine Liebsten anrufen, ein Mail schreiben, noch hastig eine WhatsApp-Nachricht schicken. Wenn man sein Smartphone zur Hand hat. Ja, wenn. Wenn es einem nicht vorher abgenommen wurde, wie auch die Nationalsozialisten jenen, die sie gedachten, zu ermorden, zuvor all ihr Eigentum abgenommen hatten. Briefe durften aber teils offiziell geschrieben werden, teils wurden sie herausgeschmuggelt.

Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat nun in einer deutschsprachigen Online-Ausstellung unter dem Titel "Lebt wohl, meine Lieben! Letzte Briefe aus dem Holocaust: 1941-1942" erschütternde Nachrichten öffentlich gemacht. Es sind Briefe von Eltern an ihre Kinder, von Ehemännern an ihre Frauen. Es sind Briefe, die ein positives Lebenszeichen sein wollen und die sich im Rückblick umso trister lesen. Es sind aber auch Briefe von Menschen, die wussten, dass dies ihre letzte Nachricht sein würde.

Besonders erschütternd lesen sich die Abschiedszeilen von Fanja Barbakow. Aus einer Grube in Druja im damaligen Polen und heutigen Weißrussland schrieb sie am 16. Juni 1942 an ihre Schwester Chaja und ihren Bruder Manos in ihrem Namen und der anderer Familienangehöriger: "Meine Lieben!! Ich schreibe diesen Brief vor meinem Tod, aber ich weiß nicht den genauen Tag, an dem ich und meine Verwandten getötet werden, nur weil wir Juden sind. All unsere jüdischen Brüder und Schwestern sind ermordet worden und durch Mörderhand eines schändlichen Todes gestorben ... Ich weiß nicht, wer von unserer Familie am Leben bleiben wird und wer die Ehre haben wird, meinen Brief und meinen stolzen Gruß vor dem Tod an alle, die ich liebe und die mir teuer sind, die durch die Hand der Mörder gepeinigt werden, zu lesen."

"Stolz, Jüdin zu sein"

Und weiter: "Wir liegen alle in einer Grube. Ich bin ganz sicher, dass Ihr alle den Ort unseres Begräbnisses erfahren werdet. Mutter und Vater halten es kaum aus. Meine Hand zittert, und es ist schwer, zu Ende zu schreiben. Ich bin stolz, Jüdin zu sein. Ich sterbe um meines Volkes willen. Ich habe niemandem erzählt, dass ich vor unserem Tod einen Brief schreibe. Aber! Wie gern ich leben und etwas Gutes erreichen würde! Aber es ist schon alles verloren ... Lebt wohl. Eure Verwandte Fanja im Namen aller: Vater, Mutter, Sima, Sonja, Susja, Rasia, Chutza (Jecheskel). Und im Namen der kleinen Seldaleh, die noch gar nichts versteht. Druja – im Konzentrationslager, bevor wir alle erschossen werden, im Versteck"

Ein anderer Brief, der nun online gezeigt wird, liest sich vor allem aus Elternperspektive erschütternd: Da schrieb Leah Jurgrau in ihrem letzten Schreiben aus dem Lager Westerbork an ihre achtjährige Tochter Ruth, die von einer christlichen Familie versteckt wurde: "Liebling! Der Brief und die Zeichnung waren wundervoll. Allen gefällt die Zeichnung. Hast du mit der linken oder der rechten Hand gezeichnet? Es freut mich, dass Du mit den beiden Kleinen an einem guten Ort bist. Es ist doch sicher nett für Dich, oder? Ich hoffe, Du benimmst Dich wie ein großes Mädchen und spielst schön mit den Kindern. Viele Küsse an Euch drei. L(eah) – Erinnerst Du Dich noch an die Lieder? Ich singe sie auch."

Einmal mehr zeigt diese Ausstellung aber auch das systematische Vorgehen der Nationalsozialisten. Berührend ist die Bitte von Meier Vieijra, welche dieser am 31. August 1941 an seine Frau Blanche aus dem KZ Mauthausen schickte: "Blanche, wenn Du einen Sohn bekommst, nenne ihn dann Jacob Ben Meier, ist es eine Tochter, dann nenne sie Rachel." Von der Geburt seiner Tochter sollte er nicht mehr erfahren, sie kam zur Welt, als er bereits ermordet worden war. Was aber über diese traurige Botschaft hinaus ins Auge sticht: Geschrieben worden waren diese Zeilen auf einem Vordruck des Konzentrationslagers Mauthausen, auf dem auch detailliert vermerkt ist, wie man mit KZ-Häftlingen in Kontakt treten darf und wie oft sich diese ihrerseits an ihre Verwandten wenden dürfen.

Täuschen und tarnen

Einmal mehr wird hier sichtbar, wie die NS-Administration einerseits alles bis ins kleinste Detail regelte und andererseits das Unrecht, das hier Menschen zugefügt wurde, durch Täuschen zu camouflieren versuchte. So hieß es in den Anordnungen, die beim Schriftverkehr mit Gefangenen zu beachten seien unter anderem, dass die zwei Briefe oder zwei Karten, die zu schreiben pro Monat erlaubt war, "gut lesbar mit Tinte geschrieben sein" müssten, pro Seite waren nur 15 Zeilen erlaubt. Es hieß aber auch: Pakete dürften nicht geschickt werden, "da die Gefangenen im Lager alles kaufen können".

Die Shoa ist bis heute schwer zu fassen: Wer kann sich sechs Millionen Tote vorstellen, darunter 1,5 Millionen Babys, Kinder, Jugendliche? Es sind einzelne Schicksale, die das Unfassbare nachvollziehbarer machen, es sind Briefe wie diese, die einerseits zeigen, dass Menschen bis zuletzt die Hoffnung nicht verloren, dass andererseits Betroffene genau wussten, dass ihr Tod bald bevor stand. Diese Vorstellung schnürt einem die Kehle zu.

Im Archiv von Yad Vashem liegen tausende von solchen Briefen. Dort liegen auch tausende und abertausende von Fotografien, von Lebenserinnerungen. Ich finde inzwischen, dass all diese Dinge dort gut aufgehoben sind. Es ist besser, das Gedenken an einem Ort zusammenzuführen, der mehr ist als der Nachfolgestaat eines Landes, in dem einst Nazis Juden und Jüdinnen ermordeten. Es ist besser, das Gedenken in einem Land zusammenzuführen, in dem man davon ausgehen kann, dass die Geschichte ungeschönt und ohne parteipolitische Interessen zu verfolgen, erzählt wird. Yad Vashem dokumentiert das Unfassbare. Ein Besuch von Yad Vashem in Jerusalem schmerzt wesentlich mehr als das Ansehen dieser Online-Ausstellung, aber auch diese dokumentiert nüchtern, das Grauen, das war.

Keine fahlen "Nie mehr wieder"

Und diese Erinnerungsarbeit hat keinen fahlen Nebengeschmack, hier wird nicht das hunderttausendste hohle "Nie mehr wieder" beschworen, hier wird einfach der Toten gedacht und dessen, was ihnen widerfahren ist. À propos Gedenken: Israelische Medien berichten, dass die jüdische Gemeinde Wiens heuer dem offiziellen Gedenken an den Holocaust fernbleiben könnte, da Termine, bei denen FPÖ-Regierungsmitglieder anwesend sind, nicht wahrgenommen würden. Das würde auch der Beschlusslage des Kultusvorstands entsprechen. Und es zeigt, wie schwierig das Thema hier zu Lande 80 Jahre nach dem "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland immer noch zu handeln ist. Oder aber: Wie unvollkommen die Aufarbeitung der NS-Zeit bis heute ist.





3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-17 14:20:06
Letzte Änderung am 2018-01-17 14:34:06


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Trump macht vernünftig
  2. Okay, okay, okay . . .
  3. Waffenschmuggel statt Hilfslieferungen
  4. Tonänderung bei Sprachrohr des Brexits
  5. Über Höflichkeit
Meistkommentiert
  1. Europäischer Größenwahn
  2. Sie tun, wofür sie gewählt wurden
  3. Menschenrechte sind nicht verhandelbar
  4. Totalversagen
  5. Nato-Sorgen

Werbung




Werbung