• vom 30.01.2018, 16:58 Uhr

Jüdisch leben

Update: 30.01.2018, 17:07 Uhr

Jüdisch leben

Von wegen Alarmismus




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (11)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexia Weiss

  • Die FPÖ muss sich von den Burschenschaften abkoppeln. Ansonsten wird es wieder nur bei Lippenbekenntnissen bleiben.

Alexia Weiss - © Paul Divjak

Alexia Weiss © Paul Divjak

Ich habe noch die Stimmen im Ohr: Die Regierung sei demokratisch gewählt. Man könne doch nicht auf die Straße gehen, wenn sich eben eine Mehrheit der Bevölkerung für ÖVP und FPÖ entschieden hätten. Man solle die neue Wenderegierung einmal arbeiten lassen. Es sei ja immer noch Zeit zu protestieren, sollten Beschlüsse fallen, die zu kritisieren seien. Nun jetzt schon den Teufel an die Wand zu malen, sei Alarmismus und dieses ewige Geschreie von wegen fehlendem Geschichtsbewusstsein der freiheitlichen Partei: man könne es schon nicht mehr hören. Es brauche Veränderung. Und wenn Veränderung nur möglich sei, wenn die FPÖ in die Regierung komme, dann sei das zur Kenntnis zu nehmen.

Wesen der Burschenschaften ist bekannt

Dabei lag ja alles am Tisch. Wie oft hat zum Beispiel SOS Mitmensch auf die Verquickung von FPÖ und Burschenschaften hingewiesen. Die NGO veröffentlichte zudem in den Wochen vor der Wahl ein Dossier zu dem Thema. Dann das jüngste Buch von Hans-Henning Scharsach, "Stille Machtergreifung. Hofer, Strache und die Burschenschaften". Wer dieses Buch liest, weiß um die Zusammenhänge Bescheid.

Burschenschaften sind nicht irgendwelche schrulligen Traditionsvereine, die man als etwas verstaubt betrachten kann. Hier geht es um Ideologie. Hier geht es um ein Männerbild, das an sich schon den heutigen Geschlechterrollen widerspricht. Hier werden Menschen posthum verherrlicht, die sich in der NS-Zeit Verbrechen schuldig gemacht haben. Hier kann aber auch bis heute nicht jeder Mitglied werden.

Nein, "Arierparagraphen" gibt es offiziell keinen mehr. Wie man das Kind am Ende nennt, bleibt aber gleich. Juden sind bis heute in den schlagenden Burschenschaften nicht willkommen. Afro-Österreicher haben wohl auch wenig Aussicht auf Erfolg, sollten sie sich um einen Beitritt bemühen. Aus diesen Gruppen fänden sich wohl auch nicht viele, die in einer Burschenschaft dem Deutschtum huldigen wollen. Aber so ganz prinzipiell: Der Zugang zu diesen Zirkeln bliebe ihnen grundsätzlich verwehrt.

Der Liederbuch-Skandal

Wenige Wochen ist die Regierung im Amt und schon reiht sich in der FPÖ wieder "Einzelfall" an "Einzelfall". Jegliche Grenze überschritten hat dabei das durch den "Falter" bekannt gewordene Liederbuch der Burschenschaft "Germania zu Wiener Neustadt", welcher der Spitzenkandidat der FPÖ bei der am Sonntag stattgefundenen Landtagswahl in Niederösterreich, Udo Landbauer, bis zum Bekanntwerden dieses Eklats angehörte. Dem Sauflied "Es lagen die alten Germanen" wurden in dem Liederbuch ein paar Strophen angefügt. In einer heißt es: "Da trat in ihre Mitte der Jude Ben Gurion: ,Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million.'"

Die siebte Million ist die eine Ungeheuerlichkeit. Da wurde Ende vergangener Woche der internationale Holocaust-Tag begangen und ich musste meinem bald zwölfjährigen Kind die Frage beantworten, was diese Menschen denn meinen mit der siebenten Million und wieso einen eigentlich jemand umbringen will, nur weil man jüdisch ist. Das ist die Frage der Fragen, die ich zum Beispiel gerne dem Urheber dieser Zusatzstrophe stellen würde. Oder den Burschenschaften, die dieses Lied beschwipst in Feierlaune singen. Warum wollen Menschen wie ihr Menschen wie uns umbringen? Und wenn dem eh nicht so ist, wie sich nun die FPÖ-Spitze bemüht, klarzustellen, warum wird ein solches Lied dann gesungen? Wozu ist es gut?

Täter-Opfer-Umkehr

Die andere Ungeheuerlichkeit, die mir in den Wogen, die da vergangene Woche hochgingen, etwas unterzugehen schien: Was hat denn Ben Gurion in diesem Szenario zu suchen? Schiebt man nun auch noch den Juden die Schuld an der Schoa in die Schuhe? Ganz profan ausgedrückt: Geht’s noch? Auch das übrigens eine bekannte Verschwörungstheorie, wonach Zionisten Nazis zur Judenvertreibung angestachelt hätten, um so den Staat Israel aufbauen zu können. Abstruser geht es nicht mehr. Täter-Opfer-Umkehr, die zum Himmel schreit.

Täter-Opfer-Umkehr lässt sich allerdings auch in den Nachwehen des Liederbuch-Skandals beobachten: Da erdreistete sich Landbauer tatsächlich Sonntag Abend in einem ersten Interview nach der geschlagenen Wahl im ORF von einer "Sudelkampagne" gegen seine Partei zu sprechen. Liebe FPÖ, so wird das nichts mit der glaubwürdigen Abkehr von Antisemitismus und ewig gestrigem Gedankengut. Parteichef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache nutzte zwar seinen Auftritt beim Burschenschafter-Ball, der inzwischen als "Akademikerball" in der Hofburg über die Bühne geht, um sich einmal mehr gegen Antisemitismus auszusprechen. Das wird aber zu wenig sein.

Es wird genauso zu wenig sein, wie immer wieder nach Israel zu reisen (und dort in Yad Vashem dann eine Verbindungskappe aufzusetzen und damit für einen neuerlichen Affront zu sorgen). Die FPÖ muss endlich reinen Tisch machen. Denn sich nach jedem "Einzelfall" von dem Betreffenden zu trennen, aber nicht die Ursachen für das ständige Aufpoppen solcher Vorkommnisse und Wortmeldungen zu bekämpfen, das ist nicht nachhaltig. Und nicht glaubwürdig.

Es gehören Konsequenzen gezogen

Ja, für eine Partei, die inzwischen nicht nur Teile ihrer Führungsriege, sondern auch ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus Burschen- und Mädelschaften rekrutiert, ist es schwer, zu sagen: Schauen wir uns doch einmal die Rechtsstaatlichkeit dieser Verbände an. Schauen wir, ob und wo und wie gegen das Verbotsgesetz verstoßen wird. Schauen wir, ob es da nicht einzelne Buden gibt, die schlicht geschlossen gehören. Die Aufarbeitung der Parteigeschichte, wie von Strache angekündigt, ist ja schon ein löblicher Schritt, obgleich die ja ohnehin dokumentiert ist. Mehr geht es nun um die Konsequenzen daraus: Wovon distanziert man sich heute, und zwar glaubwürdig und nicht mit doppelter Zunge?

Denn ja, Strache bemüht sich nun als Vizekanzler vordergründig, sich des Antisemitismus-Verdachts zu entledigen. Alleine, die Glaubwürdigkeit fehlt, wenn gleichzeitig den Burschenschaften weiterhin die Treue gehalten wird. Und so ist es auch keine Dialogverweigerung, wie FPÖ-Klubobmann Walter Rosenkranz dies der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien jüngst vorwarf, da diese am Holocaust-Gedenken im Parlament vergangene Woche nicht teilgenommen hatte. Es entspricht der Beschlusslage des IKG-Vorstands, eben an keinen offiziellen Terminen, bei denen FPÖ-Politiker und –Politikerinnen anwesend sind, teilzunehmen.

Denn: Die Kultusgemeinde hat sich mit den Burschenschaften genau auseinandergesetzt. Und zieht hier ihrerseits einen ganz klaren Strich. Denn Lippenbekenntnisse reichen eben nicht, um sich des Antisemitismus-Vorwurfs zu entledigen. Dazu bräuchte es endlich einmal Taten. Strache ist gut beraten, hier nun wirklich rasch für klare Verhältnisse zu sorgen: Sich also von den Burschenschaften abzukoppeln und nicht auch noch schützend die Hand über diese zu halten.





2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-30 16:59:23
Letzte nderung am 2018-01-30 17:07:46



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Sprengt Italien jetzt den Euro?
  2. Im Zweifel gegen das Risiko
  3. Ein Frauenvolksbegehren gegen Frauen
  4. Verhüllte Missverständnisse
  5. Dann gäbe es sie vielleicht wirklich: die Nichtraucher
Meistkommentiert
  1. Ein Frauenvolksbegehren gegen Frauen
  2. Verhüllte Missverständnisse
  3. Eine Worthülse mit Nebensinn
  4. Blaue Worte und Taten
  5. Fairness, versprochen

Werbung




Werbung


Werbung