• vom 16.02.2018, 10:35 Uhr

Jüdisch leben

Update: 16.02.2018, 10:43 Uhr

Jüdisch leben

Gedankenlos oder antisemitisch?




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Von Alexia Weiss

  • Beschmierungen im öffentlichen Raum: Manchmal ist die Intention sofort klar. Anderes kann so oder so ausgelegt werden. Ärgerlich ist es in jedem Fall.

Beschmierungen am Denkmal am Schwedenplatz für sieben Wiener jüdische Kinder, die in Auschwitz ermordet wurden.

Beschmierungen am Denkmal am Schwedenplatz für sieben Wiener jüdische Kinder, die in Auschwitz ermordet wurden.© Alexia Weiss Beschmierungen am Denkmal am Schwedenplatz für sieben Wiener jüdische Kinder, die in Auschwitz ermordet wurden.© Alexia Weiss

Wie oft der kleine Georgy Halpern wohl in seinem kurzen Leben dort vorüber gegangen ist, wo seit vergangenem Frühjahr am Schwedenplatz das Denkmal steht, das an ihn und weitere sechs Wiener jüdische Kinder erinnert, die in der NS-Zeit vom Kinderheim im französischen Izieu nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden. Denkmale wie diese zeichnen die düsteren Spuren der Stadtgeschichte nach. Wenn sie an Kinder erinnern, ist es doppelt bitter. Sie bieten aber auch die Chance, dass viele Menschen mit diesen Spuren konfrontiert werden. Täglich. Der Schwedenplatz ist ein zentraler Ort der Stadt.

Diese Woche fiel mir auf, dass das Denkmal beschmiert wurde. Nein, es sind keine Hakenkreuze, keine "Juden raus" oder ähnliche Parolen. Der Stein wurde mit Tags versehen, hier hat also jemand seine Unterschrift verewigt und damit diesen Ort markiert, Präsenz gezeigt. Bei allem Verständnis für Jugendkultur, wenn ich solche rasch hingeschmierten Zeichen an einem Denkmal wie diesem sehe, stimmt mich das traurig. Der Urheber mag nichts Antisemitisches im Sinn gehabt haben. Im besten Fall. Da ist eine helle Fläche im öffentlichen Raum und man bringt seine Unterschrift an. Cool ist das aber nicht. Gedankenlos schon eher. Respektlos. Und das, wo die Stadt in unmittelbarer Nähe – entlang des Donaukanals, große Flächen zur Verfügung gestellt hat, auf denen ganz legal gesprayt werden darf.

Antisemitisch oder nicht?

Diese Beschmierungen zeigen aber auch eine andere Problematik auf: Ich persönlich würde dem Urheber eben nicht sofort ein antisemitisches Motiv unterstellen. Bei anderen Menschen kommt es aber vielleicht doch als inhaltlicher Angriff auf das Denkmal an. Das zeigt auf, wie schwierig es ist, klar zu sagen, wann etwas als antisemitisch einzustufen ist und wann nicht.

Vergangenen Mai ist das Shoah-Denkmal von Rachel Whiteread am Judenplatz mit Tags versehen worden. Die Führung der jüdischen Gemeinde betonte damals, auch wenn die Hintergründe dieser Beschmierungen nicht geklärt seien, brauche es ein aktives Auftreten gegen Antisemitismus. Es verursacht eben so ein gewisses unangenehmes Bauchgefühl, wenn gerade ein Denkmal, das an Opfer der NS-Zeit erinnert, beschmiert wird.

Die Stadt ließ die Zeichen sofort entfernen und Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny hielt fest, "das Beschmieren des Shoah-Mahnmals auf dem Judenplatz ist auf das Schärfste zu verurteilen. Es ist nicht bloß die Beschädigung eines Objekts im öffentlichen Raum – es ist die Beschädigung unserer Ehre. Selbst wenn das Graffiti lediglich ein Akt der Dummheit und Ignoranz war, so beschämt er die Bürgerinnen und Bürger, die ehrlichen Herzens Verantwortung für die Vergangenheit und Zukunft ihrer Stadt übernehmen. Ein Schriftzug ist schnell entfernt. Die Unentschuldbarkeit bleibt. Es gilt, wachsam und sensibel gegenüber allen Formen und Tendenzen von Antisemitismus in unserer Gesellschaft zu sein".

Weder im einen noch im anderen Fall wird wohl zu klären sein, was die Motivation der Urheber war, sich auf diesen Denkmälern zu verewigen. Andere Hinterlassenschaften im öffentlichen, aber auch virtuellen Raum sind klarer zuzuordnen. Oder auch nicht. Beispiel Hakenkreuze: Man findet sie immer wieder, eingeritzt in Häuserwände, aufgesprayt auf Mistkübel. Wollen die, die sich hier mit dem markanten Zeichen verewigen, die NS-Zeit verherrlichen, hassen sie Juden oder wollen sie schlicht provozieren, weil sie wissen, es ist verboten, Hakenkreuze anzubringen?

Wenn aus "Vorgartenstraße" "Auschwitz" wird

Anders dagegen verhält es sich bei einem Vorkommnis, das diese Woche in der Station Taubstummengasse der Linie U1 dokumentiert wurde: Auf dem Bahnsteig gibt es jeweils Schilder, welche die Stationenabfolge der Linie anzeigen. Bei "Nestroyplatz" wurde der Schriftsteller durchgestrichen und "Juden" danebengeschrieben, bei "Praterstern" der Prater durchgestrichen und ebenfalls durch "Juden" ersetzt, das Wort "Vorgartenstraße" – und nun wird es wirklich unappetitlich – durchgestrichen und daneben "Auschwitz" vermerkt. Positiv ist zu vermerken, dass die "Wiener Linien" diese klar antisemitischen Markierungen sofort entfernen ließen.

Der Umgang der Stadt Wien ist hier insgesamt ein sehr klarer, sehr bestimmter. Und dennoch sind diese Hinterlassenschaften im öffentlichen Raum nicht in den Griff zu bekommen. Wichtig ist, dass jeder hinschaut, dass jeder mithilft. Solche Dinge zu dokumentieren und öffentlich zu machen ist das eine, es an die richtige Stelle zu melden das andere. Im Fall von Antisemitismus ist das das Forum gegen Antisemitismus (FGA). In dem gestern präsentierten Bericht für 2017 wurden übrigens für das Vorjahr 51 Fälle von Vandalismus, unter den solche Beschmierungen fallen, dokumentiert. Das FGA kann aber eben nur dokumentieren, was ihm gemeldet wird.

Empörung ist verständlich, nur Empörung alleine hilft aber nicht weiter. Es müssen alle dafür sorgen, dass solche Dinge rasch wieder aus dem Stadtbild verschwinden und nicht nur jene, die sich hier persönlich betroffen und angegriffen fühlen. Das gilt übrigens nicht nur für Antisemitismus, sondern generell bei Fremdenfeindlichkeit oder Hetze gegen welche Gruppe von Menschen auch immer.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-02-16 10:37:21
Letzte Änderung am 2018-02-16 10:43:11



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