• vom 28.02.2018, 16:28 Uhr

Jüdisch leben

Update: 28.02.2018, 16:36 Uhr

Jüdisch leben

2018, mitten in Europa




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Von Alexia Weiss

  • Heute beginnt das Purimfest und es gibt Antisemitismus, wohin man auch schaut. Aber auch Zivilgesellschaft, die sich dagegen einsetzt. Das ist der Lichtblick.

Polen will es unter Strafe stellen, von den Nationalsozialisten errichtete Vernichtungslager wie Auschwitz, als "polnische Lager" zu bezeichnen. 

Polen will es unter Strafe stellen, von den Nationalsozialisten errichtete Vernichtungslager wie Auschwitz, als "polnische Lager" zu bezeichnen. © Alexia Weiss Polen will es unter Strafe stellen, von den Nationalsozialisten errichtete Vernichtungslager wie Auschwitz, als "polnische Lager" zu bezeichnen. © Alexia Weiss

Auf das Leben! Heute Abend beginnt Purim und Purim ist ein fröhliches Fest. Kinder verkleiden sich, Erwachsene kostümieren sich auch, es gibt Hamantaschen zum Naschen, die Stimmung ist beschwingt und so mancher wird heute auch ein Gläschen zu viel trinken. Es wird einer dieser besonderen Abende in der Synagoge sein, wenn die Geschichte von Esther erzählt wird und bei jedem Mal, wenn der Name Hamann fällt, die Ratschen herumgewirbelt werden und für Lärm sorgen, damit der Name Hamann auf alle Zeit ausgelöscht werde.

Doch die Ratschen löschen den Namen nicht aus und auch nicht die Erinnerung daran, was in Persien unter König Achaschwerosch fast passiert wäre: Die Ermordung der Juden. Eigentlich will ich heuer so gar nicht in Purim-Stimmung kommen. Vielleicht, weil das Kind nun schon nicht mehr so klein ist, als dass alleine die Aussicht auf das sich Verkleiden Begeisterung auslöst. Vor allem aber, weil alles rundherum so gar keinen Anlass zum Feiern gibt.

Dass Juden ausgelöscht gehören oder Abschaum sind: Es scheint noch immer in manchen Köpfen zu stecken. Und das auf der ganzen Welt und in verschiedensten Milieus. Das hat nicht zuletzt die vergangene Woche in Wien abgehaltene Konferenz "And End to Antisemitism!" gezeigt. Gefühlt liegt die Tagung allerdings schon wieder Ewigkeiten zurück. Denn es gibt eigentlich keinen Tag, an dem einem nicht neues Ungeheuerliches begegnet.

Hässliche Juden

Der Jugend der GPA-djp (Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier), die immer wieder vehement gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus eintritt, flatterte dieser Tage unschöne Post ins Haus: "Keine Schönheit währt auf ewig, selbst du wirst alt und schäbig. Nur der Jude ist auserkoren, er wird hässlich schon geboren! Schön sauber bleiben!!!", schrieb ein Unbekannter in Versalien, das Doppel-s in "hässlich" hat er oder sie in Runenform notiert. Solche Post ist etwas, was jüdische Einrichtungen kennen. Hier wird sie aber an eine Gewerkschaft adressiert, die sich gegen Antisemitismus einsetzt. Und damit das einzig richtige tut, um die gesellschaftliche Dynamik des "wir" gegen "die anderen" zu durchbrechen: Sie zeigt Solidarität. Nur wenn nicht selbst Betroffene sich für von Diskriminierung Betroffene einsetzen, wird es langfristig ein Umdenken geben.

Es gibt – und das ist positiv – einige Beispiele, dass die Zivilgesellschaft stärker ist als auf den ersten Blick angenommen. Da wären zum Beispiel die "Omas gegen rechts", gegründet von der evangelischen Pfarrerin Monika Salzer. Mit in der ersten Reihe ist auch die jüdische Journalistin und Autorin Susanne Scholl. Sie haben mit ihren Pussy-hat-inspirierten rot-pink-orangen Hauben und den "Omas gegen rechts"-Buttons die Demonstrationen gegen die Regierung in die Mitte gerückt. Sie treten gegen Sozialabbau, gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen gesellschaftspolitischen Rückschritt ein – und damit für eine Zukunft für nachfolgende Generation. Durch ihre Sichtbarkeit kommt die Botschaft auch medial an. Das Echo ist enorm: Immer mehr ältere (aber auch jüngere Frauen und auch so mancher Mann) österreichweit schließen sich den Omas an.

Da sind auf der anderen Seite immer noch die vielen Helfer und Helferinnen, die 2015 in die Bresche sprangen, als der Staat überfordert war, sich um die vielen Geflüchteten zu kümmern, die hier um Asyl angesucht haben. Es gibt sie immer noch, sie sind immer noch sehr aktiv, nur werden sie öffentlich nicht mehr so wahrgenommen wie im Herbst und Winter 2015. Das mag auch damit zusammenhängen, dass dieses Engagement von so manchem Politiker nicht unbedingt als positiv bewertet wird. Und das wiederum mag damit zusammenhängen, dass Geflüchtete, die Beziehungen zu hier Lebenden aufbauen, sich einerseits besser integrieren, andererseits aber auch mehr Unterstützung bekommen, wenn sie einen negativen Asylbescheid erhalten.

Letzteres hat übrigens nicht immer damit zu tun, dass die Betreffenden keinen Asylgrund haben. Darauf weisen Organisationen wie "Asyl in Not" seit geraumer Zeit hin. Die Grünen sammeln nun Asylbescheide, welche die Willkür dokumentieren, die hier teils in der ersten Instanz zu Tage tritt. Die Flüchtlingshilfeorganisation "Shalom Alaikum – Jewish Aid for Refugees" dokumentiert solche Bescheide ebenfalls auf ihrem Facebook-Kanal unter dem Hashtag #AsylAlltag. "Unglaubwürdig. Das am häufigsten verwendete Wort in negativen Asylbescheiden. Damit werden sämtliche Schilderungen von AsylwerberInnen über ihre Bedrohung vom Tisch gewischt. Was kann man darauf noch sagen?", heißt es etwa in einem Eintrag mit dem Vermerk #AsylAlltag.

Zulässige und unzulässige Vergleiche

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland beklagte gestern, dass auf Gebetsräume in Mühlhausen ein Brandanschlag verübt wurde. Gebäude, die brennen, lösen Assoziationen aus, die wiederum so manchem missfallen. Brennende Moscheen von heute mit brennenden Synagogen von damals zu vergleichen, stoßen manchem sauer auf. Ja, die Umstände sind völlig andere. Damals billigte der Staat solche Aktionen oder ordnete sie gar an (und Teile der Bevölkerung beteiligten sich gerne). Heute wird das von den Regierungen offiziell nicht toleriert und Taten wie diese werden geahndet. Aber: Wir erleben, dass Signale ausgesendet werden, auch von Regierenden, die manchen Menschen ermutigen, seinen Hass auszuleben.

Die zig-ste Kopftuchdebatte bestärkt zum Beispiel den einen oder anderen darin, auf Kopftuch-tragende Frauen herabzusehen und diese sogar im öffentlichen Raum zu verunglimpfen oder zu bespucken. Sieht so ein sensibler Umgang aus? Sieht so eine Gesellschaftspolitik aus, die inkludiert statt auszugrenzen? Und nein, das hat nichts mit Naivität zu tun oder damit, sich Problemen zu verschließen. Nur was sind die wirklichen Probleme? Das Kopftuch scheint es mir nicht zu sein. Erst gestern hat mir eine Freundin, die sich immer wieder in Israel aufhält, erzählt, wie wunderbar sie es findet, wie selbstverständlich es dort ist, Kopftuch zu tragen oder Perücke oder eben gar nichts. Was nicht heißt, dass es in Israel keine Probleme gibt, mitnichten. Diese Frage ist allerdings eben einfach keine politische Frage.

In Polen sorgt indessen ein bereits vom Senat verabschiedetes Gesetz für Aufregung, das es unter Strafe stellt, von den Nationalsozialisten errichtete Konzentrationslager wie Auschwitz oder Treblinka als "polnische Lager" zu bezeichnen. Nun soll allerdings der Verfassungsgerichtshof die Rechtsmaterie prüfen. Es stimmt zwar, dass die Vernichtungslager vom NS-Unrechtsregime entworfen und umgesetzt wurden. Sie stehen aber auf polnischem Boden. Hier Strafen vorzusehen impliziert, dass man sich seitens Polen jeglicher Mitschuld am Holocaust entledigen will – und auch hier hat es Antisemitismus und durchaus den einen oder anderen Helfer der NS-Vernichtungsmaschinerie gegeben. Polen kultiviert die eigene Opferrolle, der differenzierte Blick wird zur Seite geschoben. Auch damit sendet die Regierung Signale aus. Und diese können durchaus als nicht judenfreundlich interpretiert werden.

Wie übrigens auch die Anti-Soros-Kampagne in Ungarn – die allerdings, wie nun von der Zeitung "Magyar Nemzet" berichtet wurde, gestoppt werden soll. Grund dafür: die Wahlschlappe bei der Bürgermeister-Nachwahl in der Stadt Hódmezövásárhely. Hier will die Regierungspartei Fidesz vor der bevorstehenden Parlamentswahl offenbar kein Risiko eingehen. Nun könnte man sagen: Fein, die Kampagne ist vom Tisch. Aber erstens, wie lange braucht es, bis das durchsickert, und nichts Einschlägiges mehr auf Facebook, Twitter und Co gepostet wird? Ist der Samen erst einmal gesät, wuchert das Unkraut. Vor allem aber zeigt das, dass Antisemitismus bewusst eingesetzt wird, um Wähler zu mobilisieren. Antisemitismus zieht. Und wird geschürt. Und das 2018, mitten in Europa.

Aber ja, feiern wir Purim heute. Erinnern wir uns daran, wie es der Jüdin Esther gelang, die Juden zu retten. Nehmen wir uns Esther zum Vorbild. Sie zeigte Stärke und fand Waffen abseits tötender Objekte. Auch Worte können Waffen sein. Benutzen wir sie.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-28 16:31:35
Letzte Änderung am 2018-02-28 16:36:13


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