• vom 13.03.2018, 11:18 Uhr

Jüdisch leben

Update: 13.03.2018, 11:22 Uhr

Jüdisch leben

Ja zum Denkmal! Aber.




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Von Alexia Weiss

  • Bundeskanzler Kurz will anlässlich des Gedenkjahrs 1938-2018 in der Wiener Innenstadt ein Denkmal mit den Namen aller ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden errichten lassen. Das ist zu begrüßen. Allerdings gibt es drängendere Probleme zu lösen. Und es ist die Frage zu stellen: Gäbe es auch für solch ein Mahnmal nicht zeitgemäßere Ansätze?

Alexia Weiss - © Paul Divjak

Alexia Weiss © Paul Divjak

Ein Holocaust-Mahnmal im öffentlichen Raum, das alle Namen der von den Nationalsozialisten ermordeten Jüdinnen und Juden trägt: Das regte der französische Philosoph Bernard-Henry Lévy bei der Eröffnung der Konferenz "An End to Antisemitism!" im Februar in Wien an. Umgehende Reaktion vom Präsidenten des European Jewish Congress, Moshe Kantor: Es solle bitte die FPÖ die Errichtung eines solchen Denkmals finanzieren.

Und damit ist bereits ein Problemfeld eines solchen Vorhabens umrissen: Die FPÖ hat überhaupt kein Problem damit, so ein Denkmal zu errichten. Heute. Hier zeigt sich die Diskrepanz zwischen Innensicht und Außensicht. Denn das war den anwesenden Wiener Jüdinnen und Juden in dem Moment klar, in dem Kantor es ausgesprochen hatte. Mehr noch: So ein Vorschlag kommt den Freiheitlichen gerade recht. Es untermalt die Beteuerungen der FPÖ, gegen Antisemitismus aufzutreten und die Beziehungen zur jüdischen Gemeinde verbessern zu wollen. Nur wischt das den immer noch existierenden Antisemitismus vom Tisch? Mitnichten.

80 Jahrzehnte nach Beginn des nationalsozialistischen Regimes, fällt es allerdings, so scheint es, allgemein leichter, der Toten zu gedenken. Hier gibt es keine Widerstände mehr. Gedenken wir der Ermordeten! Lasst uns gemeinsam das Unglück von damals betrauern!

Morden ist keine Naturkatastrophe

Nur ist dieses Unglück ja nicht wie eine Naturkatastrophe vom Himmel gefallen. Hier wurde gemordet und versucht, das Dahinmetzeln Unschuldiger auch noch durch entsprechende Gesetzgebung zu legitimieren. Einen Unrechtsstaat nennt man ein solches Konstrukt. Die Widerstände, die es in den Jahrzehnten nach 1945 gegen Denkmäler solcher Art gab, haben ihren Ursprung darin, dass sich Täter, dass sich Mitläufer aus der NS-Zeit in die Demokratie hinübergerettet haben, ohne Verantwortung zu übernehmen. Da fühlte sich ein Mantel des Schweigens besser an.

Nun äußert die FPÖ-Führung eben immer wieder, dass sie gegen Antisemitismus eintritt. Bis ein neuer "Einzelfall" diese Bemühungen um Annäherung an die Jüdische Gemeinde in Österreich wieder konterkariert. Über die nun von der FPÖ eingerichtete Historikerkommission zur Aufarbeitung der Parteigeschichte wurde bereits viel geschrieben. Die Besetzung wirft die Frage nach der Ernsthaftigkeit des Unterfangens auf, das Ausklammern des Themas Burschenschaften ebenso. Das riecht nach einer Alibiaktion. Oder wie der Wiener gerne sagt: Nach einer Augenauswischerei.

Bundeskanzler Sebastian Kurz kündigt nun in einem Ministerratsvortrag an, dass die ÖVP-FPÖ-Regierung anlässlich des diesjährigen Gedenkjahres 1938-2018 in der Wiener Innenstadt ein Denkmal mit den Namen aller österreichischen in der NS-Zeit ermordeten Jüdinnen und Juden aufstellen lassen möchte. Abgesehen davon, dass es in Wien bereits einen Erinnerungsort gibt, an dem die Namen der ermordeten Jüdinnen und Juden zu lesen sind – nämlich im Vorraum des Wiener Stadttempels – ist ein solches Denkmal auch im öffentlichen Raum und damit für jeden immer zugänglich grundsätzlich zu begrüßen.

Die Frage ist nur: Gibt es nicht Drängenderes? Etwa, dass die FPÖ ihre "Einzelfälle" in den Griff bekommt? Dass das Gedankengut der Burschenschaften umfassend durchleuchtet wird? Dass Österreich über einen umfassend handlungsfähigen Verfassungsschutz verfügt? 

Für eine inklusive Umsetzung

Und dann: Etwas, was vor zehn, 15 Jahren etwa in Paris gut funktioniert hat, ist das noch zeitgemäß im Jahr 2018? Es gibt in Wien bereits mehrere größere und kleinere Mahnmale, die an die NS-Zeit erinnern: Das von Alfred Hrdlicka am Albertinaplatz beispielsweise, das von Rachel Whiteread im Judenplatz. Das Deserteursdenkmal vor dem Bundeskanzleramt, das erst vergangenen Sommer auf dem Gelände des ehemaligen Aspangbahnhofs enthüllte Mahnmal. Noch immer nicht umgesetzt ist das fixe Denkmal, das an die homosexuellen Opfer der Nationalsozialisten erinnert.

Vergangene Woche wurde im Depot auf Einladung des Gedenkdiensts diskutiert, ob Österreich ein Holocaust-Museum brauche. Birgit Johler (Kuratorin im Haus der Geschichte) sprach sich dafür aus, die beiden Historiker Ingo Zechner (Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte und Gesellschaft) und Bély Rásky (Geschäftsführer des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien) traten gegen eine solche Einrichtung ein. Was mich an diesem Abend aber am meisten berührte: Eine junge Roma-Vertreterin beklagte, dass es für Roma und Sinti bis heute keinen Ort des Austauschs zum Thema gebe. Dass hier immer noch das Bewusstsein, auch teils in Roma-Familien selbst, fehle, dass Roma im Nationalsozialismus verfolgt worden seien. Das hat mit der auch in den Jahrzehnten nach Kriegsende fortdauernden Marginalisierung von Roma und Sinti in Österreich zu tun.

Ja, lasst uns in Wien ein Denkmal errichten, das an die österreichischen Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Mit Namen. Aber gestalten wir es inklusiv. Widmen wir es allen Opfern des Nationalsozialismus: Den Juden und den Roma und Sinti ebenso wie den Homosexuellen, den politisch Verfolgten, den Widerstandskämpfern, denen, die wegen ihrer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung ermordet wurden, den Menschen, an denen medizinische Versuche vorgenommen wurden, den so genannten Asozialen. Widmen wir es allen, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-13 11:22:14
Letzte Änderung am 2018-03-13 11:22:37


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