• vom 21.03.2018, 20:26 Uhr

Jüdisch leben

Update: 21.03.2018, 20:34 Uhr

Jüdisch leben

Juden müssen nicht dankbar sein




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexia Weiss

  • Hugo Bettauer schrieb mit "Die Stadt ohne Juden" im Rückblick einen beklemmenden Roman. Mit seinem Ende lag er aber völlig falsch. Auch daraus kann man Lehren für die Gegenwart ziehen.

Aus der aktuellen Ausstellung des Filmarchiv Austria im Metro Kino "Die Stadt ohne. Juden Muslime Flüchtlinge Ausländer". - © Alexia Weiss

Aus der aktuellen Ausstellung des Filmarchiv Austria im Metro Kino "Die Stadt ohne. Juden Muslime Flüchtlinge Ausländer". © Alexia Weiss

"Um ein Uhr mittags verkündeten Sirenentöne, dass der letzte Zug mit Juden Wien verlassen, um sechs Uhr abends läuteten sämtliche Kirchenglocken zum Zeichen, dass in ganz Österreich kein Jude mehr weilte. In diesem Augenblicke begann Wien sein großes Befreiungsfest zu feiern. (...) Auf einer Tribüne spielten die unvergleichlichen Wiener Philharmoniker, von Juden gesäubert und daher ein wenig reduziert, volkstümliche Weisen, und der Wiener Männergesangsverein bot seine besten Lieder dar. Die Volkshalle, der große Platz vor dem Rathaus, der Ring vom Schottentor bis zur Bellaria bildeten eine einzige Menschenmauer, und um acht Uhr war es kein Rufen mehr, sondern ein Heulen aus einer Million Kehlen, das immer wieder erdröhnte."

Wenn man diese Zeilen aus dem satirischen "Roman von Übermorgen" von Hugo Bettauer – "Die Stadt ohne Juden" – aus dem Jahr 1922 liest, bleibt einem angesichts des Wissens, was ab 1938 in dieser Stadt passierte, teils die Luft weg. Da schildert Bettauer, wie die Juden mit Sonderzügen außer Landes geschafft wurden, wie man ihnen mit Tricks einen Teil ihres Vermögens abnahm, ja selbst, wie bestimmt wurde, wer als Jude gilt und daher das Land zu verlassen hat. 1922. Das lag alles in der Luft. Und wie mag es den Jüdinnen und Juden von damals so im Alltag gegangen sein, da sie wussten, wie verhasst sie vielen waren?

Die aktuelle Ausstellung des Filmarchiv Austria im Metro Kino – "Die Stadt ohne. Juden Muslime Flüchtlinge Ausländer" hat mich inspiriert Bettauers Roman, den ich vor vielen Jahren schon einmal gelesen hatte, nochmals zur Hand zu nehmen. Die Ausweisung der Juden sollte im Land zur Lösung aller Probleme führen. Doch am Ende wurde alles nur schlimmer: Die Arbeitslosigkeit nahm zu, die Währung verlor rasant an Wert.

In der Realität nicht willkommen

Wie sehr das, was dann passiert ist – die Schoa – doch außer der Vorstellungskraft selbst eines so visionären Schriftstellers wie Bettauer lag, zeigt das Ende, das er für seinen Roman vorgesehen hat. Da bedauern immer mehr Menschen das Fehlen der Juden und wünschen sie sich zurück. Möglich macht dies am Ende allerdings ein sozusagen illegal unter falscher Identität Zurückgekehrter, der alles so einfädelt, dass die Judenverbannung vom Parlament aufgehoben wird. Er schlüpft zurück in sein wirkliches Ich und wird als erster offizieller Rückkehrer vom Wiener Bürgermeister begrüßt: "Mein lieber Jude!"

Wer mit Überlebenden gesprochen hat, die tatsächlich nach 1945 nach Wien zurückkehrten, weiß, mitnichten wurde Juden damals ein freundlicher Empfang beschert. Schon ihre Anwesenheit war unangenehm, erinnerte an das eigene Unvermögen. Auch hier irrte Bettauer gewaltig. All die Vorzüge, die er Jüdinnen und Juden zuschrieb, die der Gesellschaft so gut taten (und freilich dabei einiges überzeichnete), sie zählten am Ende nicht wirklich. Jedenfalls nicht, wenn es um den Einzelnen ging.

Der Brain-Drain, der Verlust von Kultur, der wird bis heute in Sonntagsreden beklagt. Aber die Menschen mit ihren Vorwürfen, mit ihrer Anklage, die sind bis heute unangenehm. Dieses Nicht-zur-Tagesordnung-übergehen-Wollen, das verzeiht so mancher den Juden bis heute nicht. Der Schlussstrich, er muss endlich her. Ob das nun von der Regierung in Aussicht gestellte Schoa-Denkmal mit den Namen der rund 66.000 österreichischen in der NS-Zeit ermordeten Juden als ein solcher emotionaler Schlussstrich gedacht ist? Und ist man als Jude, als Jüdin undankbar, wenn man das nicht sofort für eine tolle Idee hält?

Stark sein und nichts beschönigen

Eine der Lehren aus dem Holocaust ist, sich zu wehren. Israel hat heute eine starke Armee. Fotos von jungen Frauen und Männern, die stolz ihr Land verteidigen, sie konterkarieren die historischen Fotos von abgemagerten KZ-Inhaftierten, von Chassiden, die man deportiert, von Menschen, die man zwang, den "Judenstern" zu tragen. Eine der Lehren aus dem Holocaust ist, als jüdische Diaspora-Gemeinde sehr feinfühlige Antennen dafür zu haben, wann und woher Gefahr droht. Daher gibt es heute zum Beispiel vor Wiener jüdischen Institutionen ausreichend Security. Daher wird aber auch sofort aufgezeigt und artikuliert, wenn man mit Antisemitismus konfrontiert ist – egal, aus welcher Richtung dieser kommt. Das wird teils als Alarmismus, als Schwingen einer Keule interpretiert. Doch siehe Bettauer. Man konnte sich damals nicht vorstellen, wie schlimm es kommen könnte. Wer nicht die Anfänge bekämpft, der hat am Ende verloren.

Eine der Lehren aus dem Holocaust ist meiner Ansicht daher auch, als Jude, als Jüdin keine Scheu davor zu haben, das auszusprechen, was man sich denkt. Wie man sich fühlt. Was einen befremdet. Warum der Alltag im Miteinander immer noch kein gänzlich normaler ist. Auch wenn das sicher für die Mehrheitsgesellschaft nicht immer angenehm ist. Und Juden haben nicht dankbar zu sein, wenn man das damalige Gesetz gewordene Unrecht heute mit Entschädigungszahlungen versucht etwas ins Lot zu rücken und sie müssen auch nicht dankbar sein, wenn man ein Denkmal für ihre ermordeten Vorfahren errichtet. Eine Zäsur wie jene, die der Nationalsozialismus bildet, die lebt in den Nachfahren der Ermordeten und der Vertriebenen fort. Das als Mehrheitsgesellschaft immer wieder vorgehalten zu bekommen, ist nicht leicht. Und ja, es gibt keine Erbschuld. Das Unvorstellbare zu vergessen, hinter sich zu lassen, ist allerdings auch nicht einfach. Es gibt hier keinen angemessenen Umgang. Es gibt nur ein Akzeptieren der Emotionen der Betroffenen.





1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-21 20:32:32
Letzte Änderung am 2018-03-21 20:34:23


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Abgang auf Raten
  2. Umverteilen statt vermehren
  3. Finanzkapitalismus und neoliberale Theorien
  4. Die Filmbranche als mahnendes Beispiel
  5. Demokratie auf Abwegen
Meistkommentiert
  1. Kümmern statt kämpfen
  2. Das Erbe der großen Krise
  3. Gute Zeit für echte Politiker
  4. Simple Sache
  5. Sicherheit kostet Geld

Werbung




Werbung