• vom 29.03.2018, 12:31 Uhr

Jüdisch leben

Update: 29.03.2018, 12:36 Uhr

Jüdisch leben

Kämpfen wir vereint




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Von Alexia Weiss

  • In Paris wurde eine 85jährige Holocaust-Überlebende ermordet. Es ist nicht der erste antisemitisch motivierte Mord in Frankreich in den vergangenen Jahren. Französische Juden und Jüdinnen reagieren zunehmend mit Auswanderung.


© Jacob Kohn/Muslim Jewish Conference © Jacob Kohn/Muslim Jewish Conference

Mireille Knoll hat den Holocaust überlebt. Am Ende sollte sie dennoch eines gewaltsamen Todes sterben. Vergangenen Freitag wurde sie in ihrer Wohnung erstochen und das Apartment im 11. Pariser Arrondissement anschließend in Brand gesetzt. Ermordet und danach den Flammen preisgegeben. So wie es die Nationalsozialisten damals machten.

Der Mord, den die Behörden als antisemitisch einstufen, da Knoll zuvor mehrmals Drohungen eines Mannes, der ihr auf der Straße ankündigte, sie verbrennen zu wollen, der Polizei zur Kenntnis gebracht hatte, wurde nun nach aktuellem Ermittlungsstand nicht von einem Rechtsextremen verübt. Sondern mutmaßlich von einem muslimischen Nachbarn.

Hier zeigen sich Ähnlichkeiten zum Fall des Mordes an Sarah Halimi. Die damals 66jährige Ärztin war vergangenen April ebenfalls in Paris von einem Nachbarn ermordet und dann aus dem dritten Stock geworfen worden. Auch dieser Gewalttat waren antisemitische Beschimpfungen und Drohungen vorausgegangen.

Exodus aus Frankreich

Diese Woche feiern Juden weltweit Pessach. An den beiden Sederabenden zu Beginn des Festes wird die Geschichte des Auszugs der Israeliten aus Ägypten erzählt: Der Exodus. Ein Exodus ist aktuell auch aus Frankreich zu beobachten: Laut Jewish Agency wanderten in den vergangenen fünf Jahren an die 27.000 Jüdinnen und Juden von Frankreich nach Israel aus. In den fünf Jahren zuvor hatten weniger als 10.000 französische Juden Aliyah gemacht.

Eine, die schon vor 20 Jahren Paris verlassen hat, ist Noa Goldfarb, die Enkelin der nun ermordeten Mireille Knoll. In einer Facebook-Botschaft schreibt sie dazu, für sie sei bereits damals klar gewesen, dass ihre Zukunft nicht in Frankreich liege. "Nicht für mich und nicht für das jüdische Volk." Niemals habe sie aber gedacht, dass ein Familienmitglied schließlich von solchem Terror betroffen sein würde. Dadurch, dass der Täter – die Enkelin spricht von einem muslimischen Nachbarn, den die Großmutter gut gekannt habe – nach dem Mord die Wohnung in Brand gesteckt habe, blieben der Familie nun nicht einmal Fotos oder andere Erinnerungen. "Uns bleiben nur Tränen."

Tatsächlich hat der Antisemitismus in Frankreich Ausmaße erreicht, in denen sich Jüdinnen und Juden ihres Lebens nicht mehr sicher sein können. Mitten in Europa. Seit mehreren Jahren. Und die Politik scheint hilflos. 2006 wurde Ilan Halimi in einem Pariser Vorort von einer Gang muslimischer Jugendlicher gefoltert und schließlich ermordet. 2012 ermordete der Islamist Mohammed Merah in Toulouse bei einem Anschlag auf eine jüdische Schule drei Kinder und einen Lehrer. 2015 tötete der islamistische Attentäter Amedy Coulibaly vier Juden in einem koscheren Supermarkt in Paris.

Extremismus ist der Feind

Bei all diesen Taten forschte die Polizei also Muslime als Täter aus. Eindrücklicher kann man die Gefahr von muslimischem Antisemitismus nicht erklären. Und dennoch ist es nun nicht zielführend, sich auch in Wien vor jedem Muslimen zu fürchten, der einem auf der Straße begegnet. Denn erstens ist die Lage in Frankreich eine gänzlich andere als in Österreich und zweitens ist auch in Frankreich nicht jeder Muslime ein potenzieller Judenmörder. Es sind Extremisten, die zur Tat streiten. Und gegen die muss man vorgehen. Konsequent. Aus welchem Lager der Extremismus kommt, ist übrigens beim Kampf dagegen, irrelevant. Soll heißen: Nun Hass gegen Muslime allgemein zu schüren, das wird nur zu noch mehr Gewalt führen.

Hier kommt das berühmte "Wir gegen die anderen" ins Spiel. Wenn Menschen sich mit Ungeheuerlichem konfrontiert sehen, dann braucht es einen Schuldigen. Das ist verständlich. Man muss aber aufpassen, dass nicht stattdessen Sündenbockdenken greift. Genau das passiert momentan aber. Wer nicht Muslime generell verurteilt, ist naiv, verkennt die Realität. Wer darauf hinweist, dass die Gefahr von rechts weiter nicht gebannt ist, sitzt linker Ideologie auf. Wer nicht sagt, dass Muslime in Europa nichts verloren haben, ist im besten Fall Gutmensch, im schlechteren ein Verräter.

Ich würde mich freuen, wäre Mireille Knoll dieser schreckliche Tod erspart geblieben. Ich würde mich freuen, hätte dieses antisemitische Morden sofort ein Ende. Der Hass, den ich nun nicht nur lese, sondern der teils auch im Bekanntenkreis gegen Muslime formuliert wird (und gleichzeitig die Gefahr von rechts abgewiegelt wird, denn die FPÖ bemühe sich doch nun wirklich) wird die Situation allerdings nicht lösen. Der Staat, die Staaten müssen klar machen, dass Extremisten aller Art verfolgt und angeklagt werden. Der Staat, die Staaten müssen klar formulieren, wo die Grenzen liegen und zeigen, dass sie nicht überschritten werden dürfen. Und die Regierenden dürfen nicht sogar noch dazu beitragen, dass verschiedene Gruppen gegeneinander ausgespielt werden.

Feinde der gesamten Gesellschaft sind Extremisten: Rechtsextremisten, Linksextremisten, Islamisten. Letztere bedrohen übrigens auch Muslime, die sich ihrem Gedankengut nicht beugen. Feinde der Gesellschaft sind Menschen, welcher ideologischen Richtung auch immer, die andere in ihrer Freiheit einschränken und ihrer Rechte berauben. Daher gilt es für Frauenrechte einzutreten (und etwa weibliche Beschneidung noch konsequenter zu verfolgen), daher gilt es Männern mit einem Weltbild, das ihnen zugesteht, Frauen zu schlagen, klar zu sagen, nein, so nicht – egal, ob es sich beispielsweise um einen muslimischen Geflüchteten, um einen Österreicher mit türkischen Wurzeln oder einen Bauern in Niederösterreich handelt. Daher gilt es gegen Vorverurteilungen und gegen Diskriminierung anzugehen, die Wertvorstellungen geschuldet sind, die einem extremen Weltbild entspringen.

Ilja Sichrovsky schrieb zum Tod von Mireille Knoll im Namen der Muslim Jewish Conference (MJC), die er mitbegründete: "Das bricht unsere Herzen. Muslime und Juden in unserer Gemeinschaft trauern heute zusammen um ein weiteres Leben, das irrsinnigem Hass zum Opfer fiel. Lasst uns für eine Welt kämpfen, in der unsere Kinder nicht mehr mit diesem Wahnsinn konfrontiert sind." Wer sich auseinanderdividieren lasse, könne diesen Kampf aber nicht gewinnen. Es brauche Geschlossenheit gegen extremistische Ideologie, gegen Hass, Intoleranz, Rassismus, aber auch Bigotterie. "United we fight", betont Sichrovsky. Es war die Botschaft nach dem furchtbaren Mord, die mich am meisten angesprochen hat. "Kämpfen wir vereint."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-29 12:33:53
Letzte Änderung am 2018-03-29 12:36:55


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