• vom 05.04.2018, 12:21 Uhr

Jüdisch leben

Update: 05.04.2018, 13:41 Uhr

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Geschichtsklitterung




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Von Alexia Weiss

  • Nach Polen überlegt nun auch Litauen, Aussagen über eine Mitverantwortung an NS-Verbrechen, unter Strafe zu stellen. Und dann ist da noch Österreichs Opfermythos, der nicht gänzlich eliminierbar scheint.

Alexia Weiss - © Paul Divjak

Alexia Weiss © Paul Divjak

Da kommt etwas ins Rollen. Und es ist eine Entwicklung, die nachdenklich stimmen sollte. Dass der Holocaust stattgefunden hat, steht außer Zweifel. Nun geht es um das Thema Verantwortung. Während es um die Jahrtausendwende den Anschein hatte, dass sich hier Staaten ihrer Verantwortung stellen, wie zum Beispiel Österreich mit dem Entschädigungspaket, gibt es nun Zeichen, die in eine andere Richtung deuten.

Polen beschloss dieses Jahr ein Gesetz, das manche Aussagen zum Holocaust unter Strafe stellt. Dabei geht es nicht darum, das Leugnen der Schoa zu sanktionieren. Vielmehr ist es nun verboten, der polnischen Nation die Verantwortung oder Mitverantwortung für vom nationalsozialistischen Deutschland begangene Verbrechen zuzuschreiben. Konkret heißt das, dass Vernichtungslager wie Auschwitz nicht als polnische Lager bezeichnet werden dürfen. Der Strafrahmen sieht bis zu drei Jahre Gefängnis vor.

Mehrere Historiker äußerten sich nach der Beschlussfassung des Gesetzes kritisch. So betonte etwa Jan Tomasz Gross, Polens Regierung wolle so die Debatte über polnische Mittäterschaft bei der Verfolgung von Jüdinnen und Juden im Keim ersticken. Und Journalisten würden nun zwei Mal nachdenken, bevor sie zu dem Thema schreiben. Er befürchtet auch Auswirkungen auf das, was nun an Schulen unterrichtet werde. David Silberklang, er forscht an der Gedenkstätte Yad Vashem, betonte: "Das ist ein antidemokratisches Gesetz, dessen Ziel es ist, die Geschichte umzuschreiben."

Auch in Litauen ist ein Gesetz in Planung 

Nun schlägt Litauen in dieselbe Kerbe. Konkret soll es laut Haaretz-Artikel von dieser Woche per Gesetz verboten werden, Informationen etwa in Buchform zu verkaufen, die "historische Fakten verzerren". Das Gesetz ist als Reaktion auf die Publikation "Our People" von Ruta Vanagaite zu sehen. Das 2016 erschienene Buch thematisierte die Kollaboration von Litauern während der NS-Zeit sowie die Beteiligung an der Ermordung von Juden.

Über die Anfeindungen, denen sie sich nach Erscheinen des Buches ausgesetzt sah, berichtete die Autorin übrigens erst diesen Februar bei der Konferenz "An End to Antisemitism!" in Wien. Sie wurde im Rahmen der Tagung vom European Jewish Congress (EJC) zudem für ihr Engagement mit einem Preis ausgezeichnet.

Österreichs Opfermythos

Der European Jewish Congress legte damit den Finger auf eine Wunde, die immer weiter aufzuklaffen scheint. Auch in Österreich. Dieses Jahr wird das Gedenkjahr 1938 – 2018 begangen. Die Regierung kündigte hier an, in der Wiener Innenstadt ein Denkmal mit den Namen aller von den Nationalsozialisten ermordeten Jüdinnen und Juden errichten zu wollen. Lassen wir beiseite, dass die Finanzierung dafür noch nicht gesichert ist und der Bund hier nun die Länder in die Pflicht nehmen möchte.

Es war Minister Gernot Blümel von der ÖVP, der in einem Statement vor dem Ministerrat am 14. März nicht nur auf diesen Plan hinwies, sondern auch berichtete, es habe wenige Tage zuvor eine Veranstaltung gegeben, "wo es darum gegangen ist, des 80jährigen Jubiläums der feindlichen Machtübernahme von Nazideutschland in Österreich zu gedenken".

Es mag eine unglückliche Formulierung gewesen sein, rasch dahingesagt, nicht wohlüberlegt. Allerdings passierte das ja nicht beiläufig in einem Gespräch, sondern es war der Minister, der von sich aus dieses Statement abgab. Ich habe diesen Satz in der Zwischenzeit hin- und hergewendet, aber ich komme dennoch immer wieder zu dem Schluss: Mit diesem Satz macht Blümel vieles, was in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten auch von Seite der Politik passiert ist, um die so genannte Opferthese als Mythos zu entlarven, der so eben nicht stimmte, zunichte. Ich nehme die Formulierung "feindliche Machtübernahme von Nazideutschland in Österreich" und stelle sie den Bildern gegenüber von den Fahnen-schwenkenden Menschen entlang des Rings und den jubelnden Massen am Heldenplatz. Und es passt einfach nicht zusammen.





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Jüdisch leben, Alexia Weiss

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Dokument erstellt am 2018-04-05 12:25:37
Letzte Änderung am 2018-04-05 13:41:08


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