• vom 11.04.2018, 13:47 Uhr

Jüdisch leben

Update: 11.04.2018, 13:56 Uhr

Jüdisch leben

Unbelehrbar




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Von Alexia Weiss

  • An der Uni Wien ist aktuell die Schau "Shoah. Wie war es menschlich möglich?" zu sehen. Die nüchterne Antwort: Es war möglich. Und es kann wieder passieren.

Der Holocaust, in einer kompakten Schau von Yad Vashem zusammengefasst. Derzeit zu sehen im Bibliotheksgang der Universität Wien.

Der Holocaust, in einer kompakten Schau von Yad Vashem zusammengefasst. Derzeit zu sehen im Bibliotheksgang der Universität Wien.© Alexia Weiss Der Holocaust, in einer kompakten Schau von Yad Vashem zusammengefasst. Derzeit zu sehen im Bibliotheksgang der Universität Wien.© Alexia Weiss

"Bist Du mit der am 13. März 1938 vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich einverstanden und stimmst Du für die Liste unseres Führers Adolf Hitler?" Die Nationalsozialisten ließen im Nachhinein über den bereits vollzogenen "Anschluss" Österreichs an NS-Deutschland abstimmen und die Österreicher und Österreicherinnen sagten klar und deutlich Ja. Am gestrigen 10. April vor 80 Jahren stimmten 99,73 Prozent derer, die an der Abstimmung teilnahmen, für das Zusammengehen mit Deutschland und damit für den Nationalsozialismus.

"Wie war es menschlich möglich?" ist der Untertitel der Ausstellung "Shoah", die daher nicht zufällig gestern, Dienstag, Abend an der Universität Wien eröffnet wurde. Gestaltet wurde die Schau von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, der Österreich-Teil wurde von den Zeithistorikern Brigitte Bailer-Galanda und Oliver Rathkolb beigesteuert. Sie arbeiten heraus, dass der Nationalsoszialismus hier eben nicht von heute auf morgen so hohe Akzeptanz erfuhr.

Luegers Antisemitismus

Man stelle sich vor, ein Abgeordneter würde heute im Nationalrat das sagen, was Karl Lueger 1894 im Reichsrat erklärte: "Der Abgeordnete Popper hat behauptet, der Antisemitismus wird einmal zugrunde gehen. Gewiß, meine Herren, wird er einmal zugrunde gehen, aber erst dann, wenn der letzte Jude zugrunde gegangen sein wird."

Nach dieser Logik sind nicht die Menschen, die ausgrenzen, Schuld, an dem, was den Ausgegrenzten passiert, sondern die Ausgegrenzten selbst. Wenn man das mit dem Wissen um den im 20. Jahrhundert stattgefundenen Holocaust weiterspinnt, waren die Juden also auch noch selbst Schuld, dass man sie vertrieben und ermordet hat.

Wenn man sich Postings im Rahmen der zig-sten aktuellen Kopftuchdebatte durchliest, kommt immer wieder das Argument: Menschen sollen sich anpassen. Muslimische Frauen sollen sich nicht sozusagen selbst als anders markieren.

Wie die Ausstellung "Shoah" an der Uni Wien nun ebenfalls zum zig-sten Mal nachzeichnet: Viele Jüdinnen und Juden haben sich im 19. Jahrhundert – Stichwort: jüdische Aufklärung (Haskala) – bemüht, ein modernes Leben zu führen, sich anzupassen (manchmal, indem sie auf ihre jüdischen Traditionen verzichteten, oft aber auch unter deren Fortführung). Am Ende wurden alle verfolgt, egal ob sie Kippa oder Scheitel trugen (und damit als Juden sichtbar waren) oder nicht.

Integration schützt nicht vor Ausgrenzung

Die Schau arbeitet vor allem mit Fotos, Zitaten und kurzen Texten. Mancher Ausspruch eines Überlebenden zeigt, wie es sich anfühlt, wenn man sich integriert glaubt beziehungsweise sich bemüht, dazu zu gehören, und auf brutale Weise eines anderen belehrt wird.

"Das war mein Abschied vom Deutschtum, meine innere Trennung vom gewesenen Vaterland. (...) Jetzt konnte ich kein Deutscher mehr sein", wird zum Beispiel aus den Memoiren von Erwin Landau zitiert, dem es gelang, ins heutige Israel auszuwandern. "Nie zuvor in meinem Leben war ich so gedemütigt als in dem Augenblick, in dem ich durch das Tor auf den Platz blickte und die glücklichen, grinsenden Gesichter der Vorübergehenden sah, die über unser Unglück lachten", sagte David Sierakowiak im Oktober 1939. Er wurde 1943 in Lodz ermordet. "Plötzlich sehen wir uns von allen Seiten her eingeschlossen. Wir sind von der Welt und ihrer Vielfalt abgesondert und abgeschnitten, wir sind aus der Gemeinschaft des Menschengeschlechts ausgestoßen werden", so Chaim A. Kaplan 1940 in Polen. Er wurde 1942 im KZ Treblinka getötet.

Das "niemals wieder", das ich schon nicht mehr hören kann, weil es nur mehr hohl klingt, es fiel auch bei der gestrigen Ausstellungseröffnung. Die Frage, welche die Schau stellt, "Wie war es menschlich möglich?" ist schwer zu beantworten. Klar zu beantworten ist aber die Frage "War es menschlich möglich?" Ja, es war. Und auch nach der Schoa gab es weitere Genozide. Der Mensch scheint unbelehrbar. Und dennoch muss man weiter versuchen, aufzuklären, Vorurteile zu entkräften, zu informieren, gegen den Hass zu arbeiten, egal, gegen wen er sich richtet.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-11 13:53:45
Letzte Änderung am 2018-04-11 13:56:40


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