• vom 17.04.2018, 21:59 Uhr

Jüdisch leben

Update: 17.04.2018, 22:07 Uhr

Jüdisch leben

"Kokain an die Juden von der Börse"




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Von Alexia Weiss

  • Die deutsche Rap-Szene hat ein Antisemitismus-Problem. Das ist aber nicht erst seit der Echo-Verleihung an Kollegah und Farid Bang bekannt. Wie konnte es passieren, dass Musiker für eine Formulierung wie "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" ausgezeichnet werden?

Alexia Weiss - © Paul Divjak

Alexia Weiss © Paul Divjak

Auf gepackten Koffern sitzen: Das kennt man aus Gesprächen mit Holocaust-Überlebenden. Dieser Tage las ich die Formulierung in anderem Kontext und von jemandem aus der Enkelgeneration. Der jüdische Rapper Ben Salomo (41) prangerte angesichts der Verleihung des deutschen Musikpreises Echo an die Rapper Kollegah und Farid Bang für ihr Album "Jung Brutal Gutaussehend 3", das im Song "0815" mit der Textzeile "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" provoziert, in einem Interview mit der Morgenpost an, dass Antisemitismus in der Rap-Szene auf der Tagesordnung stehe. "Das fängt damit an, dass backstage jemand einen Joint nicht weitergibt und als ‚Jude’ beschimpft wird." Er halte die deutsche Rap-Szene in weiten Teilen für genauso antisemitisch wie die deutsche Rechtsrock-Szene. "Bei vielen, die ich kenne spiegelt sich das noch nicht mal in den Texten wider, aber sehr viele glauben an antijüdische Verschwörungstheorien."

Salomo, der in Israel geboren wurde und in Berlin aufwuchs, organisiert Deutschlands größtes Battle-Rap-Event "Rap am Mittwoch". In dem Morgenpost-Interview erklärt er, dass er aber nun nicht mehr Teil der Rap-Szene sein kann. "Ich ziehe mich in diesem Jahr aus der deutschen Rap-Szene zurück. Das hat mehrere Gründe, einer ist: Ich fühle mich als Jude in der deutschen Rap-Szene nicht mehr wohl. Aber es geschieht insgesamt zu wenig gegen Antisemitismus in diesem Land. Das macht mich betroffen. Gefühlt sitze ich deshalb auf gepackten Koffern in Deutschland."

"Verfluche das Judentum"

Antisemitische Lines finden sich in deutschen Rap-Texten zuhauf. Da trat etwa der Rapper Prinz Pi in der Sendung "Neo Magazin Royale" von Jan Böhmermann in einem Pullover auf, den das Logo der palästinensischen Entwicklungshilfeorganisation Sharek Youth Foundation zierte, und sang dazu "Ich hab ein Mikroskop, gib mir dein Telefon/ Wie Ahmadinedschad mach ich eine Kernfusion". Haftbefehl alias Aykut Anhan rappt in "Psst" davon, wie er "Kokain an die Juden von der Börse" verkauft. Ein früherer Song mit der Passage "Du nennst mich Terrorist, ich nenne dich Hurensohn/ Gebe George Bush einen Kopfschuss und verfluche das Judentum" war ihm später unangenehm. Laut "Welt"-Bericht aus dem Jahr 2016 lieferte er folgende Erklärung für das Entstehen des Textes: "Ich bin unter Türken und Arabern aufgewachsen. Da werden Juden nicht gemocht. Ich will Ihnen verraten, wie ein 16-jähriger Offenbacher tickt: Für den ist alles, was mächtig ist und reich, aus seiner beschränkten Sicht jüdisch."

Antisemitische Vorurteile und Ressentiments, es gibt sie in vielen Teilen der Gesellschaft. Mit dem Erstarken der deutsch Rap-Szene wurde hier aber eine Haltung von Jugendlichen, oft mit türkischem oder arabischen Familienhintergrund, massentauglich. Und dass dem so ist, das war bereits vor der Echo-Verleihung sattsam bekannt – nicht zuletzt durch die im März im WDR ausgestrahlte Dokumentation "Antisemitismus: Die dunkle Seite des deutschen Rap". Dennoch entschieden sich die Echo-Veranstalter, Kollegah und Farid Bang auftreten zu lassen. Und noch mehr: Man zeichnete sie mit einem Echo aus.

Zynisch könnte man sagen: Der Gunst des Publikums und der Quote wird alles untergeordnet. Das macht das in Sonntagsreden so gerne verwendete "Nie wieder" obsolet. Dass die Echo-Verleihung dann auch noch am Jom HaSchoa stattfand, ist einfach nur mehr geschmacklos. Einige Echo-Preisträger geben nun ihre Preise zurück: der Pianist Igor Levit, das Notos Quartett, der Musiker Klaus Voormann. Und Marius Müller-Westernhagen, der bereits mit sieben Echos ausgezeichnet wurde, will sie alle nicht mehr bei sich stehen haben. "Künstler haben eine besondere gesellschaftliche Verantwortung", betont er. "Sich hinter künstlerischer Freiheit zu verstecken oder kalkulierte Geschmacklosigkeiten als Stilmittel zu verteidigen, ist lächerlich. Provokation um der Provokation willen ist substanzlos und dumm. Und eine Industrie, die ohne moralische und ethische Bedenken Menschen mit rassistischen, sexistischen und gewaltverherrlichenden Positionen nicht nur toleriert, sondern unter Vertrag nimmt und auch noch auszeichnet, ist skrupellos und korrupt."

Kollegah fiel schon einmal auf

Bleibt die Frage nach dem richtigen Umgang mit Künstlern wie Kollegah, der nicht nur mit "0815" gehörig daneben griff, sondern bereits im Video zu seinem Stück "Apokalypse" antisemitisch auffiel. Darin trägt ein Bösewicht, von dem Kollegah die Welt befreit, einen Ring mit einem Davidstern am Finger. Der deutsche Pädagoge Jörg Heeb veröffentlichte auf Facebook, wie er einer Klasse, in der viele Kollegah und Farid Bang nicht nur kennen, sondern gut finden, näher brachte, dass die Textzeile mit den Auschwitzinsassen vielleicht eher nicht cool ist oder "krass", um einen seiner Schüler zu zitieren.

Zunächst stellte sich heraus, dass gar nicht allen klar war, was Auschwitzinsassen überhaupt sind. Heeb brachte den Jugendlichen also zunächst die Dimensionen des Massenmords der Nazis an den Juden näher und projizierte dann zwei Fotos an die Leinwand: Links das eines Bodybuilders mit definiertem Körper, rechts das eines Auschwitzinsassen. Die Reaktionen fielen entsprechend emotional aus. Kollegahs Text sei geschmacklos, urteilte eine Schülerin, ein Klassenkollege meinte: "Der Bodybuilder quält sich freiwillig für seinen Körper. Der Mann aus Auschwitz sieht so aus, weil er von anderen gequält wurde. Außerdem hat der keine Muskeln mehr. Der stirbt sicher bald."

"Echocaust"

Gefragt sind mehr solche Pädagogen. Gefordert werden muss aber auch, dass im Namen der Kunst gewisse rote Linien nicht überschritten werden dürfen – Antisemitismus ist eine davon. Antisemitismus ist keine Meinung und keine Haltung. Dass Musiker, die bewusst mit Judenfeindlichkeit oder unpassenden Anspielungen auf den Holocaust arbeiten, einfach weil das provoziert, weil man damit Aufmerksamkeit auf sich zieht, genau das dann auch erreichen, wenn sie am Ende für solche Formulierungen mit einem bekannten Preis ausgezeichnet werden, das sagt viel über den Zustand einer Gesellschaft aus. Ich kann den Rückzug Ben Salomos verstehen – wie lange kämpft man und wann sagt man, jetzt ist es genug. Das gebe ich mir nicht länger.

Menschen wie Kollegah seien der Grund dafür dass jüdische Jugendliche auf Schulhöfen gejagt und krankenhausreif geschlagen würden, prangerte der jüdische Comedian Oliver Polak in der Welt an. "Und ihr schaut stillschweigend zu, auch beim Echo, beim Begräbnis der Moral. Echocaust." Auch diese Botschaft sollte eigentlich aufrütteln.

Nein, diese Preisverleihung an Kollegah und Farid Bang war keine gute Idee. Wird hier nun eine Debatte in Gang kommen? Vielleicht. Wird sie etwas bewegen? Kaum. Das Phänomen Antisemitismus im deutschen Rap war ja eben seit Jahren weithin bekannt. Es hat nur niemanden gekümmert. Warum sollte das in Zukunft tatsächlich anders sein? Die beiden Rapper haben ihren Bekanntheitsgrad durch diesen Eklat auch noch massiv erhöht. Das steigert den Marktwert. Da muss man dann doch nicht jede Formulierung, jeden Halbsatz auf die Waagschale legen. Rap ist rau, Rap ist ehrlich. Ja, eben. Wenn eine Musikrichtung so stolz darauf ist, authentisch zu sein, wie das bei Rap der Fall ist, dann gibt es ein Problem. Dann ist Antisemitismus nämlich in dieser Szene tatsächlich gang und gäbe. Und durch Preisverleihungen wie der des Echo wird der Antisemitismus auch noch breit salonfähig gemacht.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-17 22:07:00
Letzte Änderung am 2018-04-17 22:07:26


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