• vom 25.04.2018, 20:06 Uhr

Jüdisch leben

Update: 25.04.2018, 20:11 Uhr

Jüdisch leben

#IchBinJude




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Von Alexia Weiss

  • Der Vorsitzende des Zentralrats in Deutschland, Josef Schuster, rät, in deutschen Großstädten keine Kippa mehr zu tragen. Eine gute Idee?

Alexia Weiss - © Paul Divjak

Alexia Weiss © Paul Divjak

#IchBinJude: Diesen Hashtag verbreitet dieser Tage der Jüdische Weltkongress in den sozialen Medien. Es ist ein Aufruf zur Solidarität mit Jüdinnen und Juden in Deutschland und weist darauf hin, dass es bei unserem Nachbarn ein steigendes Antisemitismus-Problem gibt. Das untermalte nicht zuletzt kürzlich der filmisch dokumentierte Angriff auf zwei Kippa-tragende junge Männer in Berlin (von denen einer kein Jude war, die Kippa aber von jüdischen Freunden geschenkt bekommen hatte und später erklärte, er habe trotz Warnungen die Erfahrung machen wollen, wie es sei, mit dieser Kopfbedeckung durch die Stadt zu gehen). Der Angreifer, der einen Gürtel schwang, stellte sich inzwischen selbst der Polizei – er stammt aus Syrien und flüchtete 2015 nach Deutschland.

#JeSuisJuif beziehungsweise #JeSuisJuive hashtagte die Twitter- und Facebook-Gemeinde bereits im Jänner 2015 nach dem Anschlag auf einen koscheren Supermarkt in Paris. Nur, was hat es gebracht? In Frankreich nehmen die antisemitischen Übergriffe zu, zuletzt wurde dieses Jahr erneut eine Frau ermordet, nur weil sie Jüdin ist. In einem Manifest gegen den neuen Antisemitismus forderten dieser Tage 300 Vertreter der französischen Gesellschaft, den Kampf gegen Antisemitismus zu einer nationalen Angelegenheit zu erklären.

Die Frage der Sinnhaftigkeit geht mir auch durch den Kopf, wenn ich lese, dass Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, jüdischen Männern rät, im "großstädtischen Milieu in Deutschland" keine Kippa mehr zu tragen. 2015 hatte er bereits davor gewarnt, in überwiegend von Muslimen bewohnten Vierteln einiger Städte die traditionelle jüdische Kopfbedeckung nicht mehr aufzusetzen. Wo wird dann der Endpunkt sein? Wenn Juden aufhören, sich zu ihrem Judentum zu bekennen?

Keine Zukunft

Ja, Sicherheit hat Vorrang. Und ja, niemand sollte sich zur Zielscheibe machen. Wenn deutsche Juden allerdings 2018 tatsächlich Gefahr laufen, auf der Straße angegriffen zu werden, wenn sie Kippa tragen, dann ist etwas gewaltig schief gelaufen. Und wenn es in Frankreich immer wieder jüdische Mordopfer zu beklagen gibt, dann ist da noch mehr schief gelaufen. Und dann sind wir tatsächlich an dem Punkt angekommen, vor dem Vertreter jüdischer Gemeinden seit Jahren warnen: Dann hat das Judentum in Europa keine Zukunft.

Auch wenn der Angreifer bei der jüngsten Attacke in Berlin als Syrer identifiziert werden konnte – mit den vielen Flüchtlingen, die 2015 nach Europa kamen, hat diese Entwicklung nur bedingt etwas zu tun. Über den neuen Antisemitismus wird seit mittlerweile auch schon weit mehr als zehn Jahren geschrieben (2004 erschienen zwei deutschsprachige Bücher zum Thema – Hans Rauscher: "Israel, Europa und der neue Antisemitismus" sowie "Neuer Antisemitismus?", herausgegeben von Doron Rabinovici, Ulrich Speck und Natan Sznaider).

Und so stellt sich die Frage: Wie neu ist der neue Antisemitismus und handelt es sich am Ende nicht um ein Phänomen, das nie wirklich verschwand und über die Jahrhunderte nur mit immer neuen Facetten aufwartet(e)? Der Kampf gegen den Antisemitismus beginnt damit, diesen zu benennen, meint Doron Rabinovici. Das geschieht heute allerdings schon oft – egal, ob auf der Straße gepöbelt wird oder sich in Burschenschafter-Liederbüchern antisemitische Texte finden. Das Resultat sind allerdings nur, so hat es den Anschein, Empörungsaufschreie in sozialen Netzwerken, die wieder verhallen, und Sonntagsreden von Politikern. Beides schützt den Kippa-tragenden Juden auf der Straße nicht.

Sündenböcke

Das Problem ist, dass Juden bis heute eben nicht nur für antisemitisch eingestellte Muslime immer dann herhalten müssen, wenn ein Sündenbock für das eigene Unvermögen gesucht wird. Dieses Phänomen zieht sich bis in die Mitte der Gesellschaft. Die Protokolle der Weisen von Zion halten sich beharrlich, die Anspielungen auf Rothschilds in diversen Netzdebatten sind nicht enden wollend. Man nehme aber auch die Angriffe auf den US-Milliardär George Soros in Ungarn – dieser wolle das Land durch Flüchtlinge destabilisieren.

Das griff zuletzt ein FPÖ-Politiker hier zu Lande ebenfalls auf: So meinte Johann Gudenus, dass "es stichhaltige Gerüchte gibt, dass Soros daran beteiligt ist, wenn es darum geht, gezielt Migrantenströme nach Europa zu unterstützen". Aussagen wie diese schüren Antisemitismus immer weiter. Und da nützt es dann wenig, sich hinter Israel zu stellen oder den Antisemitismus unter Muslimen zu beklagen.

So lange es nicht eine rote Linie gibt, die das Spielen von antisemitischen Ressentiments zum Tabu macht, so lange wird es Antisemitismus geben. Er wird sich aus verschiedenen Quellen nähren, er wird sich unterschiedlich bemerkbar machen, aber es wird ihn geben. Trotz Hashtag #IchBinJude, trotz Juden, die nicht mehr als Juden erkennbar sind. Denn Antisemitismus braucht ja nicht einmal Juden.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-25 20:10:38
Letzte Änderung am 2018-04-25 20:11:55


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