• vom 04.05.2018, 10:44 Uhr

Jüdisch leben

Update: 04.05.2018, 12:47 Uhr

Jüdisch leben

Abbas zündelt




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Von Alexia Weiss

  • NS-Gedenken aktuell: Eine Regierungspartei wird nicht zu einer KZ-Befreiungsfeier eingeladen und der Palästinenser-Präsident gibt irrwitzigerweise den Juden die Schuld am Holocaust.

Zusammengeschlagen damals, zusammengeschlagen heute. Erinnerungsspruchband in der Leopoldstadt (Im Werd).

Zusammengeschlagen damals, zusammengeschlagen heute. Erinnerungsspruchband in der Leopoldstadt (Im Werd).© Alexia Weiss Zusammengeschlagen damals, zusammengeschlagen heute. Erinnerungsspruchband in der Leopoldstadt (Im Werd).© Alexia Weiss

Vor 80 Jahren begann in Österreich mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten für Jüdinnen und Juden und alle anderen Verfolgtengruppen die Hölle auf Erden – im Mai 1945 war das Terrorregime besiegt. Daher gibt es jedes Jahr im Mai zahlreiche Erinnerungsfeierlichkeiten - diesen Sonntag (6. Mai) wird in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen etwa die alljährliche Gedenkfeier an die in dem ehemaligen KZ Ermordeten begangen und am 8. Mai am Heldenplatz das "Fest der Freude" gefeiert. Gleichzeitig ist das Phänomen Antisemitismus nicht nur nicht besiegt, sondern im Steigen. Brüche machen sich auf verschiedenen Ebenen bemerkbar.

Organisiert wird der Erinnerungstag in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen vom Mauthausen-Komitee Österreich (MKÖ), der Österreichischen Lagergemeinschaft Mauthause (ÖLM) und dem Comité International de Mauthausen (CIM). FPÖ-Politiker wurden bewusst nicht eingeladen, Willi Mernyi, der Vorsitzende des Mauthausen-Komitees würde deren Erscheinen als erneute Demütigung der Überlebenden sehen, die traditionell an dem Gedenken teilnehmen. Schließlich war es die von der FPÖ unterstützte Zeitschrift Aula, in der befreite Häftlinge als "Landplage" bezeichnet worden waren.

Und so mutet es dann doch merkwürdig an, wenn Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka betont, als Österreicher habe man "die epigenetische Verantwortung, gegen jede Form des Antisemitismus aufzutreten" und einen braunen Bodensatz, den es immer in einer Gesellschaft gebe, nicht aufkommen zu lassen. Die Partei des Nationalratspräsidenten gehört einer Regierung an, die auch aus FPÖ-Vertretern besteht, die nun nicht bei einem offiziellen Gedenkakt erwünscht sind. Wie sieht es hier also nun konkret mit der "epigenetischen Verantwortung" aus?

Vergangenheit und Gegenwart greifen ineinander

Gleichzeitig warnt Sobotka vor importiertem Antisemitismus, "der sehr stark aus der Migrationsbewegung kommt". Und ja, da hat der Nationalratspräsident auch durchaus recht, nur – alter und neuer Antisemitismus greifen ineinander und sind nicht losgelöst voneinander zu sehen.

Wer offenen Auges durch das Karmeliterviertel spaziert, dem fallen nicht nur koschere Geschäfte und Restaurants sowie Menschen auf, die auf Grund ihrer Kleidung als Jüdinnen und Juden erkennbar sind, sondern auch die vielen Steine der Erinnerung, Gedenktafeln an Häusern, Spruchbänder auf Gehsteigen, die an konkrete Verfolgungsszenen erinnern. Ersteres freut, denn man sieht, es gibt wieder jüdisches Leben in Wien. Zweiteres macht betroffen. Doch die Gegenwart trägt immer auch ein Stückchen Vergangenheit in sich. Jüdinnen und Juden leben heute trotz der Schoa wieder in Wien. Und das ist ein kleiner Sieg, trotz allem, trotz der sechs Millionen Toten, die zu beklagen sind. Es gibt eine jüdische Gemeinde in Wien. Eine kleine, aber es gibt sie.

Antisemitische Ressentiments sind alt, und auch der neue Antisemitismus schürt diese alten Ressentiments. Oft wird heute Israel vorgeschoben, wenn Antisemitisches ventiliert wird, die bekannte Israel-Kritik, die eigentlich doch Judenfeindlichkeit ist. Die Situation in Gaza ist für die dort Lebenden sicher teils unerträglich. Das oft vermittelte Bild einer israelischen Besatzung als alleiniges Übel greift aber dann doch zu kurz. Durch dieses Bild können aber Emotionen geschürt und Menschen in aller Welt aufgehetzt werden. Der jährliche Al Quds-Tag weiß davon viele Geschichten zu erzählen. Und es sind genau Events wie der Al Quds-Tag, die beitragen, diese Form des Antisemitismus in die muslimischen Gemeinden zu tragen.

Selbst schuld am Holocaust

Was Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas bei einer kürzlich gehaltenen Rede getan hat, war aber das Gestern mit dem Heute zu verknüpfen. Der Holocaust sei nicht durch Antisemitismus ausgelöst worden, sondern durch das "soziale Verhalten" der Juden, so Abbas laut Nachrichtenagentur Wafa. Als Beispiel nannte er das Verleihen von Geld. Die Juden waren also selbst schuld am Holocaust. Und wieder einmal wurde das Thema Reichtum ins Spiel gebracht.

Es ist ein Spiel mit dem Feuer, dass nicht nur die Situation in Gaza selbst nicht verbessert. Abbas zündelt damit in arabischen und muslimischen Gemeinden weltweit, gibt damit indirekt sein Okay, wenn Juden und Jüdinnen angepöbelt, verletzt oder sogar getötet werden. Sie sind ja selbst schuld. War damals so, ist heute so. Wegen ihres sozialen Verhaltens.

Und so ist es wichtig, dass sich die muslimischen Gemeinden hier klar positionieren. Global, aber auch in Österreich. Wohltuend ist da die aktuelle Kampagne der Muslimischen Jugend Österreichs (MJÖ) "MuslimInnen gegen Antisemitismus". Klare Worte fand heute aber auch Tarafa Baghajati, der Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen (IMÖ) auf seiner Facebook-Seite. Der Holocaust habe die Juden getroffen, weil sie Juden waren, und Roma und Sinti seien getötet worden, weil sie Roma und Sinti waren.

Es bleibt zu hoffen, dass solche Stimmen auch gehört werden, und dass es am Ende nicht jene etwa der Rapper Kollegah und Farid Bang sind, die sich durchsetzen. Deren Auszeichnung mit dem deutschen Musikpreis Echo zog auf Grund bedenklicher Lines in ihren Texten ("Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen") massive Debatten nach sich – die Preise werden nun künftig nicht mehr vergeben. Doch auch hier gibt es einen Funken Hoffnung: Das Internationale Auschwitz Komitee lud die beiden Musiker zu einem Besuch in der KZ-Gedenkstätte ein und Kollegah sowie Farid Bang sagten zu. Als Termin wurde der 3. Juni fixiert. Was sie im Anschluss an ihre Fans weitergeben, wenn sie denn etwas weitergeben, könnte viel bewegen.

Und so stellt sich einmal mehr die Frage nach zeitgemäßer Aufklärung, nach zeitgemäßem Gedenken. Die Befreiungsfeier in Mauthausen erreicht andere Menschen als das Spruchband in der Leopoldstadt, was im Schulunterricht gehört wird, kann leicht durch eine flammende Rede eines palästinensischen Politikers, die dank social media sofort weltweit abgerufen werden kann, konterkariert werden. Hier kann nur intensive Aufklärungsarbeit in den eigenen Communities helfen, aber nützlich sind eben auch Botschaften von Vorbildern und Multiplikatoren. So arbeitet beispielsweise die Initiative "Not in God’s Name", bei der sportliche Idole von Jugendlichen beim Kampf gegen Radikalisierung mithelfen. Vielleicht reißen die beiden deutschen Rapper ja nun noch das Ruder herum. Vielleicht.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-04 10:51:05
Letzte Änderung am 2018-05-04 12:47:12


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