• vom 16.05.2018, 14:17 Uhr

Jüdisch leben

Update: 16.05.2018, 14:26 Uhr

Jüdisch leben

Schlussstrichdenken




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Von Alexia Weiss

  • Die FPÖ verunmöglicht selbst, dass man ihr das Bemühen, gegen Antisemitismus zu kämpfen, abnimmt. Etwa wenn der Parteichef abstreitet, dass eine Karikatur, auf der deutlich drei Davidsterne zu sehen sind, Davidsterne enthält. Es sind diese ständigen Abwehrmanöver, welche jegliche Glaubwürdigkeit untergraben.

Alexia Weiss

Alexia Weiss© Stanislav Jenis Alexia Weiss© Stanislav Jenis

Es reicht, es ist schon genug. Es ist endlich Zeit, versöhnlich zu werden und der FPÖ die Hand zu reichen. Ich höre das Anliegen, doch nein, so einfach ist das nicht. Was hier mitschwingt? Ein Schlussstrichdenken. Es muss doch endlich gut sein, die Tätergeneration, sie lebt längst nicht mehr. Wieviele Generationen sollen noch in Geiselhaft genommen werden? Und ja, lassen Sie es mich brutal formulieren: Was wollen die Juden denn noch? Haben doch eh schon Entschädigung bekommen! Es muss doch einmal gut sein. So spricht der Stammtisch, so schreibt er in den Zeitungsforen und sozialen Medien.

Um es klar zu sagen: Es gibt keine Erbsünde und niemals können zum Beispiel Enkeln für das Tun ihrer Großväter und Großmütter verantwortlich gemacht werden. Nur, wir diskutieren hier doch über eine gänzlich andere Situation. Es geht nicht darum, FPÖ-Politiker von heute für die Taten der FPÖ-Politiker von gestern verantwortlich zu machen. Ja, der erste FPÖ-Obmann Anton Reinthaller war ein ehemaliger SS-Brigadeführer und in der Nachkriegszeit als nationalsozialistisch Schwerbelasteter inhaftiert. Dafür kann der heutige FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache nichts. Aber ich höre hier keine klare Distanzierung. Eine solche wäre aber nötig, um der FPÖ ihren Wandel hin zu einer Partei, die Antisemitismus bekämpft, abzunehmen.

Widerstandskämpfer und "Einzelfälle"

Die FPÖ entstand aus dem VdU, dem Verband der Unabhängigen. In diesem sammelten sich viele ehemalige Nationalsozialisten. Was aber sagte der FPÖ-Chef kürzlich in einer TV-Diskussion auf Puls4? Im VdU seien auch viele Widerstandskämpfer gewesen. Es sind solche Aussagen, die zeigen, dass hier bis heute keine klare Aufarbeitung der Parteigeschichte erfolgt ist, dass es bis heute keine klare Abgrenzung gibt. Einerseits.

Zum anderen sprechen die Taten von heute eine klare Sprache. Bei jedem neuen "Einzelfall" wird beschwichtigt oder der Betroffene zwar sofort ausgeschlossen, aber gleichzeitig jede Verbindung zur Haltung der Partei zurückgewiesen, so als ob es sich hier um Menschen handelt, die sich einfach nur zur FPÖ verirrt haben. FPÖ-Klubobmann Walter Rosenkranz hielt dazu in einer ORF-Diskussionsrunde fest, man überprüfe eben nicht jedes neue Parteimitglied. Es sei die Frage erlaubt: Warum eigentlich nicht? Viele Arbeitgeber lassen sich vor Dienstantritt ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Immer mehr Arbeitgeber sehen sich auch die Auftritte künftiger Arbeitnehmer in sozialen Medien an.

Nun mag dahingestellt sein, dass es überzogen ist, eine junge Frau nicht einzustellen, weil sie auf Facebook vor Jahren Schnappschüsse von Partys, bei denen viel Alkohol floss, oder Bikinifotos vom letzten Strandurlaub hochgeladen hat. Aber eine politische Gesinnung lässt sich auf so manchem Facebook- oder Twitterprofil recht gut ablesen. Eine Partei, die sich hier umsieht, bevor aus einem Sympathisanten ein Funktionär wird, kann sich viele spätere Schwierigkeiten ersparen. Außer natürlich sie spielt ein doppeltes Spiel – soll heißen: Außer, sie bemüht sich in Wirklichkeit um Menschen solcher Gesinnung, versucht aber der Öffentlichkeit der political correctness beziehungsweise Regierungsfähigkeit wegen, etwas anderes zu vermitteln. Und genau dieser Eindruck beschleicht einem bei jedem neuen "Einzelfall". Und jeder neue "Einzelfall" untermauert, dass sich die FPÖ in der Realität nicht wirklich ändert. Wessen Schuld ist das aber nun? Die der Juden, die unversöhnlich sind und nicht die Hand reichen?

Von guten Juden und Instrumentalisierung

Was auch nicht froh macht: Wieder wird zwischen den guten und den eben unversöhnlichen Juden unterschieden. Der Künstler Arik Brauer wird nun immer wieder von FPÖ-Politikern angeführt, wenn es darum geht, die guten Kontakte zur jüdischen Community zu unterstreichen. Folgt man der Darstellung, ist es ja nur die Gemeindeführung, die sich hier hart gibt, in Wahrheit aber habe man viele Freunde unter den Juden. Denn es gebe ja auch gemeinsame Interessen: Die Angst vor den Muslimen. Hier wird die Sorge vor muslimischem Antisemitismus instrumentalisiert, um gegen Muslime zu hetzen. Das allerdings stößt vielen Juden sauer auf – was nicht heißt, dass es keinen muslimischen Antisemitismus gibt. Nur die Absicht ist klar. Und ja, man will sich nicht benutzen lassen, zumal von jemanden, der den Antisemitismus in den eigenen Reihen allen Beteuerungen zum Trotz immer noch nicht im Griff hat. Beziehungsweise immer wieder zu Abwehrreaktionen neigt anstatt endlich Klartext zu sprechen und zu sagen: Ja, das war nicht ok oder jenes war nicht in Ordnung.

Ein Beispiel: Vor einigen Jahren postete FPÖ-Chef Strache auf seinem Facebook-Account eine antisemitische Karikatur. Sie zeigte einen stark übergewichtigen Mann mit prägnanter Nase und Manschettenknöpfen mit Davidsternen, der die Banken darstellte. Strache wurde jüngst vom Vorsitzenden der Jüdischen Österreichischen HochschülerInnen, Benjamin Hess, auf diese Zeichnung angesprochen. Und was antwortete Strache? Weder in Text noch Bild komme Antisemitismus vor, es gebe zudem in der Karikatur auch keine Davidsterne. Es ist dieser ständige Abwehrreflex, diese Unehrlichkeit, die erzürnen. Und die das Händereichen verunmöglichen. Mit Erbsünde oder Unversöhnlichkeit hat das herzlich wenig zu tun.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-16 14:25:18
Letzte Änderung am 2018-05-16 14:26:32


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