• vom 24.05.2018, 10:56 Uhr

Jüdisch leben

Update: 24.05.2018, 11:26 Uhr

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Talking about Netta




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Von Alexia Weiss

  • Der Song Contest-Sieg Israels förderte viel Antisemitismus zu Tage. Und dann ist da noch die Verknüpfung mit den aktuellen Geschehnissen an der Grenze zwischen Gaza und Israel sowie der Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem.

Alexia Weiss - © Paul Divjak

Alexia Weiss © Paul Divjak

Wie war der Jubel in der jüdischen Community groß. Eine israelische Künstlerin legte beim diesjährigen Song Contest eine Performance hin, die sowohl Jury als auch Publikum überzeugte. Sie gab sich dabei nicht gefällig, weder optisch noch inhaltlich, und transportierte damit ihre Botschaft: I am not your toy. Und das Monate nachdem die #metoo-Debatte in der Film- und TV-Branche für heftige Enthüllungen und intensive Diskussionen gesorgt hat.

Die Ernüchterung folgte rasch. Dass Postings im Netz derb ausfallen könnten, damit ist in so einem Fall zu rechnen. Wie derb ist dann schon wieder fast eine Klasse für sich: Von Fatshaming über Verschwörungstheoretisches bis zu Antisemitismus war da alles zu finden. Bezüge zur aktuellen Gaza-Krise wurden auch von Kommentatoren in Zeitungen gemacht – schließlich wird damit der nächstjährige Song Contest in Israel stattfinden. Jerusalem gilt als wahrscheinlicher Austragungsort. "Nächstes Jahr in Jerusalem" – das wünschen Jüdinnen und Juden einander weltweit am Ende des Sederabends zu Pessach – wurde daher angesichts des Erfolgs von Netta zu einem Bonmot mit doppelter Bedeutung.

Unschöne Bilder

Und dann war da auch noch die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem. Dazu kommen die anhaltenden Proteste in Gaza, die seit Wochen unter dem Titel "Marsch der Rückkehr" begangen werden. In Brand gesetzte Autoreifen lieferten bereits zu Beginn filmreife apokalyptische Bilder. Es kam, wie es in solchen Situationen immer kommt: Die ersten Toten waren zu beklagen. Israel betont, es müsse seine Grenzen schützen. Und dass der "Marsch der Rückkehr" nichts anderes ist, als Israel auslöschen zu wollen. Die palästinensische Seite erzählt von Unterdrückung und sich wehren müssen. Die Bilder sind keine schönen.

Medial wird alles miteinander verknüpft – da ist dann die Botschaftseröffnung (Jerusalem wird von vielen Staaten nicht als Hauptstadt Israels anerkannt, weshalb sich das Gros der diplomatischen Vertretungen in Tel Aviv befindet) Grund für die Proteste in Gaza. Und Israels Premier Benjamin Netanjahu nützt den Song Contest für seine Zwecke.

Mit dem Holzhammer verbildlicht hat das eine Karikatur in der Süddeutschen Zeitung. Da steht Netanjahu im Kostüm Nettas mit einer Rakete in der Hand in einer Konzerthalle und sagt "Nächstes Jahr in Jerusalem". Ist solche eine Darstellung antisemitisch? Der deutsche Antisemitismusforscher Samuel Salzborn sagt klar ja. Die gesamte Bildinszenierung verballhorne den israelischen Ministerpräsidenten und zeige ihn physiognomisch derart überzeichnet, dass er als "extrem aggressiv und zugleich als effeminiert und damit als abwertend-verweiblicht" erscheine, argumentierte Salzborn gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Dies sei "ein zentrales antisemitisches Motiv, indem Juden zugleich extreme Macht und Machtlosigkeit unterstellt wird". Die Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung sah das wohl ähnlich. Man trennte sich vom Karikaturisten.

Israel ist nicht der Aggressor

Salzborn thematisierte in seiner Kritik aber auch den Bezug zum aktuellen Geschehen in Gaza. Indem die Karikatur Netanjahu mit einer Rakete in der Hand zeige, transportiere sie mit Blick auf die aktuellen Gefechte an der Grenze zu Gaza falsche Annahmen. "Völlig ausgeblendet bleibt dabei, dass Israel sich aktuell gegen terroristische Angriffe wehrt, also nicht der Aggressor ist."

Diese Debatte ist eine nicht enden wollende. Wann immer die Situation an Israels Grenzen eskaliert, weil etwa die Hamas zu Protesten aufruft und dabei blutige Bilder erzeugen will, geraten Jüdinnen und Juden weltweit in die Situation, dass sie dafür kritisiert werden, wie die israelische Armee handelt. Dass sie das Vorgehen Israels rechtfertigen müssen. Nur haben Juden, die in der Diaspora leben und keine israelische Staatsbürgerschaft haben, ja kein Wahlrecht und daher auch keinen Einfluss. Sie können Netanjahus Politik gut finden oder nicht so gut oder entschieden kritisieren. Sie haben dennoch keinen Einfluss und daher auch keinen Rechtfertigungszwang. Wie auch immer sie die aktuelle Politik Israels bewerten - das Selbstverteidigungsrecht Israels muss außer Frage stehen, so die mehrheitliche Haltung. Was Juden in der Diaspora können und auch immer mehr tun, ist Botschafter zu sein und zu erklären, wie es ist, wenn man in einem Staat lebt, dessen Grenzen ständig in Frage gestellt werden, dessen Existenzrecht in Frage gestellt wird.

Und dass solche Äußerungen eben nicht nur von Österreichern kommen, die arabische Wurzeln haben, oder türkische oder Muslime sind, oder aber von Linken, welche sich auf die palästinensische Seite stellen, sondern ziemlich Mainstream sind, das zeigte dieser Tage ein äußert befremdlicher Kommentar des früheren "Presse"-Chefredakteurs Thomas Chorherr. Wie er die Song Contest-Gewinnerin Netta beschreibt, hinterlässt einen fassungslos: "Sie war hässlich. Sie war dick. Sie war jenseits aller Ideen zuwider. Sie war abgrundtief schiach." Ist das als antisemitisch einzustufen? Siehe die Worte Salzborns weiter oben. Ist mehr Abwertung möglich?

Chorherr stellt dann aber auch noch einen Kontext her zwischen dem 70jährigen Bestehen Israels und dem Gewinn Nettas. Er skizziert zunächst das Anderssein Nettas, meint dann, dass das Anderssein immer wieder und immer mehr seinen Platz erkämpfen wolle, sei nichts Neues mehr. Und schreibt schließlich zum Sieg Israels beim Song Contest: "Im Fall des musikalischen Ereignisses hätte man noch sagen können, dass es ganz bewusst passiert ist, weil heuer der 70. Jahrestag der Gründung des Staates Israel gefeiert wurde." Was soll das bedeuten? Dass man nicht aus der Reihe tanzen darf? Dass besonders Juden besser beraten wären, sich angepasst zu präsentieren? Und schon bewegen wir uns wieder auf dünnem Eis.

Was ist in solchen Debatten dann sofort zu vernehmen? Israel-Kritik muss möglich sein und es ist nicht alles antisemitisch. Ihr macht es euch auch zu einfach. Eine bisschen dickere Haut wäre schon gut. Eine schwierige Gemengelage, das. Und eine nicht aufzulösende. Für mich ist die Karikatur in der SZ ebenso antisemitisch wie Chorherrs verbale Abwertung Nettas.

Und wenn solche redaktionellen Beiträge erscheinen, dann braucht man sich über die Kommentare in Foren und sozialen Medien gar nicht wundern. Oder darüber, dass jemand auf eine Installation in einer Wiener U-Bahn-Station, die an den Holocaust erinnert, dieser Tage das Wort "Gaza" schmierte. Wo soll da der Kontext sein? Aber, siehe oben: Israel als Aggressor ist in der Debatte omnipräsent. Auf den Drachen, die jüngst mit brennenden Gegenständen versehen von Gaza über die Grenze nach Israel geschickt wurden, waren teils auch Hakenkreuze gemalt. Die Bilder sind einprägsam, die Botschaft ist angekommen. Wird es jemals anders sein?





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-24 11:05:52
Letzte Änderung am 2018-05-24 11:26:27


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