• vom 31.05.2018, 13:40 Uhr

Jüdisch leben

Update: 31.05.2018, 14:17 Uhr

Jüdisch leben

Integration /Ausgrenzung




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Von Alexia Weiss

  • Der Ramadan stellt Muslime in einer nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft vor viele Probleme. Der soziale Charakter der Fastenzeit erinnert an jüdische Feiertage: Tradition wird groß geschrieben, das Beisammensein mit Familie und Freunden auch.

Alexia Weiss - © Paul Divjak

Alexia Weiss © Paul Divjak

Es ist Ramadan. Muslime und Musliminnen fasten untertags, abends nach Sonnenuntergang gibt es eine Mahlzeit, die oft in geselligem Rahmen eingenommen wird – das Fastenbrechen, Iftar genannt. Die Wahrnehmung des Ramadan in den nichtmuslimischen Teilen der Gesellschaft ist oft vorrangig problembeladen. Im Schulalltag können Schüler und Schülerinnen, die weder essen noch trinken, tatsächlich Lehrer und Lehrerinnen vor eine schwierige Aufgabe stellen. Was tun, wenn eine Schülerin im Sportunterricht bei den aktuell hohen Temperaturen dehydriert und zusammenbricht? Wie reagieren, wenn Jugendliche sich schlecht konzentrieren können und das mitten im Endspurt des Schuljahres mit noch zahlreichen Tests und Schularbeiten?

Die dänische Integrationsministerin Inger Stojberg forderte Muslime kürzlich auf, sich im Ramadan Urlaub zu nehmen. Man könne keine 18 Stunden fasten und zugleich beispielsweise sicher einen Bus fahren, meinte sie. Aus Arbeitgebersicht ist das eine auf den ersten Blick durchaus verständliche Position. Aus Sicht einer Integrationsministerin könnte es vielleicht kreativere Lösungen geben. Welche Eltern wollen ihren Jahresurlaub aufbrauchen in einer Zeit, in der die Kinder die Schule besuchen müssen?

Vergangene Woche lud die Muslimische Jugend Österreichs (MJÖ) nicht-muslimische Freunde und Freundinnen zu einem Fastenbrechen. Solche Events fördern einerseits den eigenen Blick über den Tellerrand, schaffen andererseits aber auch mehr Verständnis für das Gegenüber. Es ist etwas anderes, im Vorbeigehen das tägliche Kommen und Gehen nach Sonnenuntergang in der nahe gelegenen Moschee mitzubekommen oder zu einem Iftar eingeladen zu sein. Und es ist noch einmal etwas anderes, wenn man bei muslimischen Freunden auch während des Ramadan zu Besuch ist und sich dann wie bei anderen Einladungen auch über dies und das unterhält, aber eben nicht speziell über die Fastenzeit, oder ob, wie an diesem Abend der MJÖ, eben das Fasten bei diesem Zusammenkommen den Rahmen gibt und damit auch zum Gesprächsthema wird.

Der soziale Aspekt

Was mir dabei auffiel: Der Ramadan strukturiert den Tagesablauf um. Gegessen wird nach Sonnenuntergang und nochmals frühmorgens gegen drei Uhr. Damit ändern sich in dieser Zeit auch die Schlafgewohnheiten. Man stellt sich den Wecker, um zu frühstücken, legt sich dann aber nochmals hin. Vor allem aber wird der Ramadan von jenen, die ihn halten, als sehr gesellig beschrieben. Man lädt ein oder wird eingeladen – das fördert den Zusammenhalt. Und so ist es dem Einzelnen auch wichtig zu fasten, denn auch dadurch ist man Teil der Gruppe. Menschen, die regelmäßig Medikamente nehmen, müssen zum Beispiel nicht fasten, so mancher tut es aber dennoch – man will ja auch Stärke zeigen, dazugehören.

Es ist dieser soziale Aspekt des Ramadan, der mich an Feste auch im Judentum erinnert, wo so mancher Feiertag ebenfalls von Menschen begangen wird, die im Grunde nicht gläubig sind, wo es aber um das Beibehalten von Traditionen, vor allem aber eben um soziale Events und damit Zusammenhalt geht. Die Sederabende zu Pessach sind so ein Beispiel, aber auch das Festessen zu Rosch HaSchana, Einladungen zum Lichterzünden zu Chanukka oder zu einem milchigen Essen zu Schawuot, das kürzlich gefeiert wurde. Diese Traditionen weiterzuführen sind identitätsstiftend. Diese Traditionen weiterzuführen bedeutet aber auch, einen sicheren Hafen zu haben oder sozusagen einen safe space, wo ich diesen Teil meines Seins leben kann. Im Arbeitsalltag, im Wohnhaus, im täglichen Zusammenleben mit Nachbarn ist Religion oft kein Thema und muss es auch nicht sein.

Integration bedeutet aber eben nicht Selbstaufgabe. Eine Gesellschaft besteht immer aus vielen verschiedenen Gruppen. Diese sollten friktionsfrei zusammenleben können, was auch sicher immer wieder Zugeständnisse der einen sowie Verständnis der anderen erfordert. Sobald es um Religion geht, erscheinen mir die Fronten aber zunehmend verhärtet. Die Grundannahme lautet, Religion ist archaisch und unmodern. Das spitzt sich noch einmal zu, wenn es um den Islam geht. Grundsätzlich sind immer jene Angehörige einer Religionsgemeinschaft die am sympathischsten, die modern sind und ihre Religion und deren Regeln kritisieren.

Weiterexistenz von Religion

Nur: Gäbe es nur solche Menschen (mich miteingeschlossen), gäbe es diese Religionen nicht mehr lange. Man braucht die, die die sich an die Vorgaben halten, damit Religion weiter existiert. Insoferne ziehe ich immer wieder meinen Hut vor der Orthodoxie, deren Vertreter zeigen, wie man sich bis heute und auch in einer modernen Welt an die Regeln der Thora halten kann. Und es geht, für jede neue Epoche und ihre Herausforderungen können Antworten gefunden werden. Aber natürlich gibt es Grenzen der Offenheit Neuem gegenüber. Das führt zu Haltungen, die in der Gesellschaft von heute schwierig aufrecht zu erhalten und durchaus problematisch sind und wo das Zivilrecht ja andere Lebensmodelle ermöglichen kann, soll und das auch in Österreich tut (Beispiel Homosexualität – quer durch die Religionsgemeinschaften), aber dennoch: Ohne gelebte Religion gibt es Religion bald nicht mehr. Und Religion hat eben auch ihre sehr sozialen Seiten, und damit meine ich eben nicht nur die Wohltätigkeit, sondern das Leben jedes Einzelnen.

Oft wird von der Politik proklamiert, dass wir in einer christlich geprägten Gesellschaft leben. Das betrifft die Geschichte Österreichs und das betrifft auch sicher die Familiengeschichten der Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher. Über die vergangenen Jahrzehnte, wo immer mehr Menschen aus der Kirche ausgetreten sind, wo es eine Heerschar an "Taufscheinkatholiken" gibt (als die sich viele selbst bezeichnen), haben sich viele Traditionen allerdings für viele aufgehört, sie werden nur mehr von wenigen gepflegt. Am heutigen christlichen Feiertag: Wer genießt einfach den freien Tag? Und wer nimmt noch wirklich an einer Fronleichnamsprozession teil? In ländlichen Gemeinden sind die Kirche, sind kirchliche Feste noch durchaus auch soziale Treffpunkte. In den Städten ist das gänzlich anders. Und dann leben aber gerade in den Städten Angehörige anderer Religionen, die ihre Traditionen sichtbar pflegen. Das sorgt für Unverständnis. Das sorgt für Abgrenzungsrhetorik.

In Bayern müssen nun in Behörden Kreuze an der Wand hängen. In Österreich flammen immer wieder Diskussionen über das Kreuz im Klassenzimmer auf – muss es hängen, darf es hängen, soll es hängen? Vielleicht bedarf es aber einer viel grundlegenderen und ehrlicheren Diskussion über den Stellenwert von Religion. Wann ist sie erwünscht und in welcher Form - und wann nicht? Wann muss Religion als Scheinargument herhalten, wenn es um etwas ganz anderes geht (Stichwort: christliche Werte), wann schafft sie einen ethisch-moralischen Rahmen für das Zusammenleben?

Spannend ist, dass sich beim gegenseitigen Austausch jener, die religiös leben, oft mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zeigen. Das fiel mir im christlich-jüdischen Dialog ebenso auf wie im jüdisch-muslimischen. Hier könnte eine gelungene Integrationspolitik auch ansetzen. Wenn sie denn wollte.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-31 13:47:53
Letzte Änderung am 2018-05-31 14:17:37


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