• vom 08.06.2018, 09:10 Uhr

Jüdisch leben

Update: 08.06.2018, 09:36 Uhr

Jüdisch leben

Al-Quds-Tag-Zeit




  • Artikel
  • Kommentare (4)
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexia Weiss

  • Der jährliche Aktionstag gegen das Existenzrecht Israels mündet in vielen Städten, auch in Wien, immer am letzten Samstag im Ramadan in eine antisemitische Demonstration. Über ein befremdliches Schauspiel.

Alexia Weiss - © Paul Divjak

Alexia Weiss © Paul Divjak

Kleine Buben in Uniform waren bei der Al-Quds-Tag-Kundgebung im Vorjahr in Wien zu sehen. "Zionismus ist Faschismus" wurde skandiert. Al-Quds bedeutet auf Arabisch Jerusalem. Der jährliche Aktionstag am letzten Samstag des Ramadan wurde vom Iran ausgerufen – Ziel ist die Befreiung Jerusalems von den Juden. Jahr für Jahr wird in vielen Städten protestiert – auch in Wien.

Über Israelkritik gehen die Märsche durch die Stadt weit hinaus. Experten wie Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) stufen den jährlichen Event als antisemitisch ein. "Diese Demo, bei der antisemitische Parolen und Botschaften üblich sind, ist keine Meinungsäußerung, sondern Hasspropaganda gegen jüdische Bürgerinnen und Bürger", hielt dazu vergangenes Jahr der Wiener SPÖ-Politiker Peter Florianschütz fest. Und betonte: "Antisemitismus hat in unserer Stadt keinen Platz."

Dennoch wird auch morgen wieder im Rahmen des "Al-Quds-Tages" in Wien protestiert. Die Rahmenbedingungen lassen nichts Gutes erahnen. Einerseits bezeichnete Ali Khameini, der oberste geistliche Führer im Iran, Israel erst vor ein paar Tagen erneut als Krebsgeschwür, das ausgemerzt werden müsse, wie das Bündnis "Stop the Bomb", das gemeinsam mit der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, dem Republikanischen Club, den Alternativen und Grünen GewerkschafterInnen und der SPÖ-Nationalratsabgeordneten Petra Bayr unter dem Titel "Gemeinsam gegen Antisemitismus! #KeinQudsTag in Wien" zu einer Gegenkundgebung aufruft, diese Woche anprangerte.

Die Bilder aus Gaza

Andererseits wird die aktuelle Situation an der Grenze von Gaza zu Israel stark zur Mobilisierung für diesen Marsch beitragen. Zuletzt wurde eine junge Palästinenserin, sie war freiwillige Sanitäterin, erschossen. Das lässt die Wogen im Netz hochgehen. Die israelischen Streitkräfte bestreiten, gezielt auf die Frau geschossen zu haben. Der Tod von Razan Najjar werde nun untersucht, heißt es.

Fotos, eines davon von Associated Press, zeigen Razan Najjar kurz vor ihrem Tod allerdings mit erhobenen Händen und klar als Angehörige einer Rettungsorganisation gekleidet, wie sie sich einem Verletzten nähert. Das nährt verständlicherweise unter Muslimen weltweit Unmut. Wie Haaretz diese Woche berichtete, gäbe es aber auch ein Video, das Najjar beim Werfen einer Tränengasgranate zeigt. Ein Sprecher der israelischen Armee postete das Video auf Facebook, eingeblendet wird der Text: "Sie ist kein barmherziger Engel. Hamas hat sie als menschlichen Schutzschild missbraucht." Die Beurteilung, was hier tatsächlich passiert ist, fällt aus der Ferne schwer.

Das Foto Najjars fand sich auch auf einem der Drachen, die aktuell zu dutzenden über den Grenzzaun zwischen Gaza und Israel gelenkt werden und für verheerende Brände in Israel sorgen. Die Drachen werden mit Molotowcocktails und Behältern mit brennendem Benzin versehen. Mehrere tausend Hektar Landwirtschafts- und Naturschutzflächen wurden laut israelischen Medienberichten bereits zerstört.

Drachen-Terror

Während etwa die Medienbeobachtungsstelle Naher Osten (MENA) die Drachen als "neue Terror-Waffe der Palästinenser" einschätzt, spricht Fritz Edlinger, SPÖ-Vertreter und Generalsekretär der Gesellschaft für Österreichisch-Arabischen Gesellschaft von den Drachen-Lenkenden als "Demonstranten". Würden diese Drachenflieger von israelischen Scharfschützen getötet, wäre das Mord und ein Kriegsverbrechen. Edlinger rief zudem kürzlich auf seiner Facebook-Seite zum Boykott Israels durch Österreich auf. "Na bitte, wenn Israel-Boykott sogar für das NATO-Land Norwegen unbedenklich ist, warum nicht auch für das neutrale Österreich? Es geht schlicht und einfach um den politischen Willen!"

Edlinger fordert damit das, wofür die BDS-Bewegung (Boycott, Divestment, Sanctions) weltweit steht. In Österreich wird BDS allerdings nicht breit unterstützt. Vor allem auf Universitätsebene, wo BDS zum Beispiel in Großbritannien oder den USA viel Zuspruch erfährt, gibt es hier seitens der Österreichischen HochschülerInnenschaft eine klare Positionierung. Die Aktivitäten von BDS wurden in einer Resolution im Vorjahr als antisemitisch verurteilt, der Bewegung solle kein Raum und keine finanzielle Unterstützung gegeben werden.

Es ist ein offenbar nicht zu lösendes Problem: Antisemitismus, der im Kleid der Israel-Kritik daher kommt, aber eben viel weiter geht. Gemeint sind dann zum Beispiel nicht nur die israelischen Streitkräfte, sondern alle Juden, wenn "Mörder" gerufen wird. Das schafft eine explosive Stimmung. Gleichzeitig sind in der globalisierten Welt von heute die Geschehnisse von da nicht klar von den Geschehnissen dort zu trennen. Fotos und Videos werden in Sekundenschnelle über den ganzen Globus verbreitet. Die Deutungshoheit reklamiert die jeweilige Gruppe für sich.

Das tote Mädchen aus Mainz

Ein Beispiel für zwar mehr als traurige, aber gelungene Kommunikation lieferte aus meiner Sicht gestern der Zentralrat der Juden in Deutschland. Bereits im Mai wurde ein 14jähriges jüdisches Mädchen aus Mainz ermordet, die Leiche wurde nun gefunden. Einem jungen Leben sei auf grausame Weise ein Ende gesetzt worden, schrieb der Zentralrat, das tiefe Mitgefühl gelte nun den Angehörigen und Freunden.

Medien berichteten über Vergewaltigung und Mord durch zwei Asylwerber, einer von ihnen wurde aber bereits wieder freigelassen, es bestehe kein dringender Tatverdacht gegen ihn, so die Polizei. Der zweite Verdächtige, er stammt aus dem Irak, ist laut Medienberichten auf der Flucht. Die Exekutive hielt fest, der jüdische Glaube des Opfers spiele bei den Ermittlungen keine Rolle, es würde sich ausschließlich um ein Sexualdelikt handeln.

Der Zentralrat formulierte dazu gestern: "Derzeit sind viele Hintergründe der Tat noch unklar. Wir erwarten von den Strafverfolgungsbehörden eine rasche und umfassende Aufklärung sowie harte Konsequenzen für den oder die Täter. Voreilige Schlüsse oder Spekulationen verbieten sich jedoch."

Voreilige Schlüsse und Spekulation dominieren heute jedoch leider die Kommunikation im Netz. Empörung anzufachen ist leicht, ausgewogene Informationen zu recherchieren dagegen arbeitsintensiv und auch deren Darstellung dann oft komplex und damit nicht rasch konsumierbar. Keine Begebenheit ist nur schwarz oder weiß. Doch deren schwarz-weiße-Darstellung ermöglicht ein rasches Urteilen, ein rasches Seite-Beziehen. Das bedeutet dann aber eben oft auch Vorverurteilen, und das nicht selten auf Basis von Vorurteilen. Eine vertrackte Sache.

Insoferne lasse ich mich gerne überraschen, dass es beim morgigen "Al-Quds-Tag" tatsächlich nur um punktuelle Kritik am Staat Israel geht. Die Märsche in der Vergangenheit dokumentieren allerdings leider umfassende Vernichtungsphantasien gegen Israel und jede Menge Antisemitismus.





4 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-08 09:15:06
Letzte Änderung am 2018-06-08 09:36:09


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die "Gelben Westen"
  2. Was kümmern uns Gesetze und Verträge?
  3. Wer vertritt die neue Arbeiterklasse?
  4. "Opa, was ist das: Mindestsicherung?"
  5. Streit muss sein
Meistkommentiert
  1. Weinverbot für Österreich!
  2. Kein Bruch mit der Merkel-Ära
  3. Mörderisch ökologisch
  4. Was kümmern uns Gesetze und Verträge?
  5. Man wird Angela Merkel noch vermissen

Werbung




Werbung