• vom 15.06.2018, 10:10 Uhr

Jüdisch leben

Update: 15.06.2018, 10:15 Uhr

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Vätersorgen




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Von Alexia Weiss

  • Jüdisch ist, wer eine jüdische Mutter hat. Was aber ist mit den Kindern jüdischer Väter und nichtjüdischer Mütter?

Alexia Weiss - © Paul Divjak

Alexia Weiss © Paul Divjak

Wer jüdisch ist, ist in der Halacha – dem jüdischen Religionsrecht – klar geregelt: Jüdisch ist, wer eine jüdische Mutter hat. Und dann gibt es auch noch die Möglichkeit, zum Judentum überzutreten, wobei das seitens der jüdischen Gemeinden nicht forciert wird. Ein Übertritt ist ein langer Prozess, bei dem seitens des Bewerbers nachgewiesen werden muss, dass er künftig nach den Regeln des Judentums lebt.

Was aber ist mit den Kindern jüdischer Väter, die keine jüdische Mutter haben? Sie gelten laut Halacha als Nichtjuden. Daher pochen auch Rabbiner auf die Notwendigkeit, sich nach jüdischen Partnern umzusehen. Denn Kinder jüdischer Väter und nichtjüdischer Mutter gelten dann als verlorene Kinder.

Wie aber geht es jüdischen Vätern damit? Zuletzt kamen mir in den unterschiedlichsten Kontexten immer wieder Männer unter, die selbst eine starke Verbindung zum Judentum spüren, aber dennoch nicht so religiös leben, dass ihnen eine Verbindung zu einer Nichtjüdin unmöglich schiene. Und da sind sie also nun, mit ihren Kindern, denen sie ihre Identität weitergeben wollen, aber nicht wirklich können, denn sie werden in der jüdischen Community niemals als Juden anerkannt sein. De facto sitzen sie zwischen allen Stühlen.

Historischer Spagat zwischen Verfolgung und Nicht-Anerkennung

Kinder aus solchen Beziehungen wurden von den Nationalsozialisten als "Halbjuden" verfolgt. Überlebten sie die NS-Zeit, konnten sie dennoch nicht in der Kultusgemeinde andocken, jedenfalls nicht als Gemeindemitglied. Väter von heute, so fällt mir auf, versuchen irgendwie den Spagat zu schaffen, zwischen der Weitergabe von Traditionen und einer offenen Haltung, sonst hätte man sich ja nicht für eine nichtjüdische Partnerin entschieden.

Da sind die Israelis, die in Wien eine Österreicherin geheiratet haben, deren Kinder Hebräisch sprechen und Chanukka und Pessach genauso feiern wie Ostern und Weihnachten in Kindergarten und Schule. Der Zugang zu den jüdischen Bildungseinrichtungen ist diesen Mädchen und Buben nämlich verwehrt: Hier wird nur aufgenommen, wer Gemeindemitglied ist.

Da sind die areligiösen bis atheistischen Aschkenasen, denen ihre Identität wichtig ist, und die diese vor allem kulturell und/oder politisch leben beziehungsweise zum Ausdruck bringen. Auch ihnen tut es oft leid, dass ihre Kinder nicht der Gemeinde angehören dürfen. Man sucht dann den Ausgleich durch einen entsprechenden Freundeskreis.

Da gibt es aber auch wesentlich traditionellere Sefarden, in deren Herkunftsfamilien Schabbat gehalten und koscher gegessen wird und die schon ziemlich damit hadern, dass ihren Töchtern und Söhnen jüdische Bildung in einer der jüdischen Schulen verwehrt bleibt. Liebe geht vor, sagen sich viele. Auch wenn sie sich schlussendlich für eine Partnerwahl außerhalb der Gemeinde entschieden haben, ist es eben doch nicht so leicht, die Konsequenzen zu akzeptieren. Frauen haben dieses Problem nicht: Auch wenn sie Kinder mit einem nichtjüdischen Partner haben, sind diese jüdisch und werden als Gemeindemitglied eingetragen.

Was in liberalen Gemeinden akzeptiert wird, kann in orthodoxen Communities nicht so gehandhabt werden

Manche liberalen Gemeinden etwa in den USA erkennen auch Kinder von jüdischen Väter und nichtjüdischen Müttern als Juden an. In der Orthodoxie ist das allerdings eben nicht so. Und nachdem das Wiener Rabbinat nach orthodoxem Ritus entscheidet, ist so eine Vorgangsweise tabu.

Mancher Vater würde sich aber über eine Möglichkeit freuen, dass sein Kind im Bar- beziehungsweise Bat Mitzwa-Alter zum Judentum übertreten kann (ohne dass auch die Mutter übertritt). De facto wird es aber dann an den Kindern sein, im Erwachsenenalter zu entscheiden, ob sie einen Übertritt mit allem Drum und Dran auf sich nehmen oder nicht. Je weniger sie mit Religion in ihrer Kindheit – etwa in Form von Religionsunterricht – in Berührung kamen, umso unwahrscheinlicher wird es allerdings sein, dass sie dieser Frage Wichtigkeit zuordnen. Insoferne haben die Rabbiner schon recht, dass hier Kinder dem Judentum verloren gehen. Das lindert die Wehmut so manchen Vaters aber nicht.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-15 10:14:51
Letzte Änderung am 2018-06-15 10:15:18


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