• vom 19.06.2018, 11:30 Uhr

Jüdisch leben

Update: 19.06.2018, 11:40 Uhr

Jüdisch leben

Sich nicht gegeneinander ausspielen lassen




  • Artikel
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexia Weiss

  • Wenn in einer Moschee Hass gepredigt wird, soll sie geschlossen werden. Als Inszenierung vor einer Israel-Reise, wie nun vom ÖVP-Abgeordneten Efgani Dönmez beschrieben, kann sich solch ein Vorgehen allerdings höchst kontraproduktiv auswirken. Umso erfreulicher ist dann ein Schulterschluss der Religionsgemeinschaften, die sich nicht auseinanderdividieren lassen wollen. Auf Initiative von "Menschen.Würde.Österreich" veröffentlichten sie heute eine Botschaft anlässlich des morgigen Weltflüchtlingstages.

Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister, Bischof Michael Bünker, Ibrahim Olgun (Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft) und Kardinal Christoph Schönborn unterzeichneten am Dienstag auf Einladung von Christian Konrad (ganz links im Bild) und Ferry Maier (ganz rechts) von der Allianz "Menschen.Würde.Österreich" eine gemeinsame Botschaft zum Weltflüchtlingstag 2018.

Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister, Bischof Michael Bünker, Ibrahim Olgun (Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft) und Kardinal Christoph Schönborn unterzeichneten am Dienstag auf Einladung von Christian Konrad (ganz links im Bild) und Ferry Maier (ganz rechts) von der Allianz "Menschen.Würde.Österreich" eine gemeinsame Botschaft zum Weltflüchtlingstag 2018.© Alexia Weiss Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister, Bischof Michael Bünker, Ibrahim Olgun (Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft) und Kardinal Christoph Schönborn unterzeichneten am Dienstag auf Einladung von Christian Konrad (ganz links im Bild) und Ferry Maier (ganz rechts) von der Allianz "Menschen.Würde.Österreich" eine gemeinsame Botschaft zum Weltflüchtlingstag 2018.© Alexia Weiss

Aktuell werden im politischen Diskurs verschiedenste Gruppen gegeneinander ausgespielt: Hier seit Generationen Ansässige gegen Zuwanderer, Muslime, die sich modern geben gegen Muslime, die auf die Einhaltung ihrer Traditionen pochen, ja, selbst Hunde werden in die politische Debatte miteingebracht, wenn der niederösterreichische FPÖ-Landesrat Gottfried Landhäusl davor warnt, dass Vierbeiner mit Migrationshintergrund österreichischen Hunden den Platz im Tierheim wegnehmen.

Nun aber gab der ÖVP-Abgeordnete Efgani Dönmez in einem Interview mit dem Magazin "biber" etwas preis, was aus Sicht der Religionsgemeinschaften doch verstören sollte. Er wies darin einen zeitlichen Zusammenhang zwischen der medialen Verkündung der Schließung von Moscheen durch die Regierungsspitze mit den Wahlen in der Türkei zurück und brachte einen ganz anderen Aspekt ein: Die Pressekonferenz sei bewusst kurz vor der Abreise von Kanzler Sebastian Kurz nach Israel angesetzt worden. "Man muss das auch im Kontext der Zeit sehen: Am darauffolgenden Tag dieser Pressekonferenz ist man nach Israel gereist und man wollte eine klare Botschaft im Gepäck haben: schaut her, wir unternehmen etwas gegen Islamisten, die auch antisemitisch tätig sind. Und daher auch dieser Zeitpunkt, die Erklärung dafür, dass man nicht noch zugewartet hat."

Nun ist wichtig, dass der Staat gegen jeglichen Extremismus kämpft. Und wenn es Moscheen gibt, in denen Hass gepredigt wird, dann ist das nicht zu tolerieren. Ob das im vorliegenden Fall in allen geschlossenen Moscheen der Fall war, ist mit den Informationen, die der Öffentlichkeit vermittelt wurden, nicht nachvollziehbar. Grundlage der Schließungen scheint teils auch der Verstoß gegen das gesetzliche Verbot der Auslandsfinanzierung zu sein. Die Einhaltung eines Gesetzes zu exekutieren, ist natürlich legitim. Man soll nur klar benennen, warum etwas geschieht. Das wurde aber nicht getan. Vielmehr entschied man sich für eine bombastische Inszenierung zum Thema Kampf gegen den Islamismus. Und das also nun offenbar bewusst kurz vor einer Israel-Reise.

Fatales Signal

Das Signal? Wir tun das für Israel. Die mitschwingende Hoffnung? Die Beziehungen zur FPÖ könnten sich so doch normalisieren lassen. Nur kann man durch den vermeintlichen Kampf gegen muslimischen Antisemitismus nicht den eigenen quasi aufheben. Was ergibt sich daraus aber auch? Die Botschaft, wir schließen Moscheen, um den Juden zu gefallen. Das ist nur, wenn es denn um den Kampf gegen muslimischen Antisemitismus ginge, ziemlich kontraproduktiv. Denn was könnte hier bei Muslimen, die nun nicht mehr in die Moschee beten können gehen, in der sie das bisher getan haben, ankommen? Mein Bethaus wurde wegen den Juden geschlossen. Das kann es doch nicht sein. Wenn ein Staat gegen Extremismus kämpft, dann sollte er sich erstens gegen jeglichen Extremismus wenden und dies zweitens nicht als Gefallen für eine Gruppe inszenieren, sondern diesen Kampf im Interesse der gesamten Gesellschaft führen.

Ein klares Signal gegen solche Vereinnahmungs- und Instrumentalisierungsversuche setzten am Dienstag vier hochrangige Vertreter von Religionsgemeinschaften: Kardinal Christoph Schönborn (Katholische Kirche), Bischof Michael Bünker (Evangelische Kirche A.B.), Ibrahim Olgun (Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft) sowie Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister (Israelitische Kultusgemeinde Wien) unterzeichneten auf Initiative der Allianz "Menschen.Würde.Österreich" eine gemeinsame Botschaft zum morgigen Weltflüchtlingstag.

"Im Jahr 2015 ist es in einer breiten Zusammenarbeit von zivilgesellschaftlichen Initiativen, Religionsgemeinschaften und Einzelpersonen, gleich ob religiös motiviert oder anders, mit den Behörden gelungen, eine große Zahl geflüchteter Menschen in Österreich aufzunehmen und ihnen Perspektiven zu öffnen. Dafür danken wir allen Beteiligten. Das ist ein gelungenes Beispiel für das gesellschaftliche Miteinander in Österreich", heißt es darin. Und: "Im Vorfeld des Weltflüchtlingstages am 20. Juni erinnern wir, dass die Sorge für die Schwachen in der Gesellschaft für JüdInnen, ChristInnen und Muslime gemeinsam ein Anliegen ist. Es gehört untrennbar zu unserem Selbstverständnis als religiöse Menschen, Vertriebenen, Verletzten und Heimatlosen Trost und Hilfe zu geben."

"Ohne gegenseitige Schuldzuweisungen"

Die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Wahrung der Menschenrechte seien wesentliche Pfeiler für die Gesellschaft, "in der wir miteinander leben wollen. Gerade die Religionsfreiheit sehen wir als wesentlichen Faktor für den Frieden. Erst sie ermöglicht den Dialog der Kulturen, gegenseitige Integration und das Hervorbringen von Neuem im gesellschaftlichen Miteinander. Die Achtung voreinander und der individuellen Identität hat auch für uns in der interreligiösen Begegnung einen hohen Stellenwert". Die vier Vertreter der Religionsgemeinschaften appellieren zudem zu einer Versachlichung im öffentlichen Diskurs beizutragen, "ohne gegenseitige Schuldzuweisungen".

Was das Verhältnis von Muslimen und Juden sowie das Thema Antisemitismus betrifft, betonte Rabbiner Hofmeister nach Unterzeichnen der Erklärung, Antisemitismus sei etwas, was in Europa schon seit über 1.000 Jahren präsent sei, er wolle hier keinen direkten Zusammenhang zu den vor allem 2015 und 2016 nach Österreich Geflüchteten machen. Das würde auch durch keine Statistik belegt. Olgun betonte, wie wichtig der heute gezeigte Zusammenhalt der Religionsgemeinschaften sei. Angesprochen auf das Thema muslimischer Antisemitismus meinte er, es gebe in jeder Religionsgemeinschaft böswillige Menschen. Wogegen er sich aber wehre, sei, "dass nun Muslime und Geflüchtete in Österreich diesbezüglich unter Generalverdacht gestellt werden". Überdies gebe es in der Geschichte immer wieder Beispiel, in denen Muslime Juden geholfen beziehungsweise sie geschützt hätten. Das sollte noch mehr ins Bewusstsein der Menschen gebracht werden.

Es sind Worte wie diese, die noch viel mehr Gehör finden sollten. Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Und Extremismus ebenso. Ganze Gruppen unter Generalverdacht zu stellen, das aber spaltet, statt im Kampf gegen solche Phänomene zu vereinen. Das Gegeneinander Ausspielen nützt am Ende den Gruppen, die hier aufeinander gehetzt oder instrumentalisiert werden, wenig, sondern nur den Fädenziehern. Sozialer Friede ist etwas, worum sich Regierungen in Österreich, auch durch die starke Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern und dem Dialog mit den Religionsgemeinschaften, stets bemüht haben. Diesen in Gefahr zu bringen, ist fahrlässig.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-19 11:34:51
Letzte Änderung am 2018-06-19 11:40:52


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Europa bleibt Helfer der Schlepper
  2. Die niederösterreichischen Judenregister
  3. Zuerst denken
  4. Darf ich dann die Notbremse ziehen, wenn einer eine Pizza isst?
  5. Der Duft der weiten Welt
Meistkommentiert
  1. Sie tun, wofür sie gewählt wurden
  2. Menschenrechte sind nicht verhandelbar
  3. Totalversagen
  4. Über Höflichkeit
  5. Der Preis des Schweigens

Werbung




Werbung