• vom 27.06.2018, 20:19 Uhr

Jüdisch leben

Update: 27.06.2018, 20:23 Uhr

Jüdisch leben

Genetisch jüdisch?




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Von Alexia Weiss

  • Mittels Speicheltest kann eine jüdische Herkunft nachgewiesen werden. Doch wie aussagekräftig ist solch eine Genanalyse?

Alexia Weiss - © Paul Divjak

Alexia Weiss © Paul Divjak

Wer im Netz unterwegs ist und oft nach Inhalten mit jüdischem Bezug googelt, der bekommt sie immer wieder eingeblendet: Anzeigen von privaten Anbietern von Gentests, welche die eigene Herkunft aufschlüsseln. Mittels Speichelprobe wird ermittelt, woher die Vorfahren stammen, die Angabe erfolgt in Prozent. Das wahrscheinlichste Ergebnis: Eine bunte Mischung, da stammten vielleicht Ahnen aus dem heutigen Skandinavien, andere aus Mitteleuropa. Ausgewiesen wird aber etwa auch, dass man zu so und so viel Prozent aschkenasischer Jude oder Jüdin oder sogar ob ein Mann ein Cohen ist. Genau dieser Aspekt wird einem eingeblendet wenn man, siehe eingangs, oft nach Themen, die mit dem Judentum verbunden sind, sucht.

Und so stellt sich die Frage: Gibt es ein jüdisches Gen? Und schrammt man damit nicht nah an der Rassenlehre der Nationalsozialisten entlang? Es ist ein Gedanke, der so gar nicht behagt. Doch nein, es gibt kein jüdisches Gen. Der Test kann vielmehr Haplogruppen erkennen. In diesen werden Menschen mit denselben oder ähnlichen DNA-Merkmalen zusammengefasst, so wird eine geografische Herkunftszuordnung möglich. Manche Haplogruppen weisen auf eine jüdisch-aschkenasische oder jüdisch-sefardische Herkunft hin. Erklärbar ist das damit, dass die jüdische Bevölkerung jeweils unter sich blieb und es so große Übereinstimmungen bei den DNA-Merkmalen gibt.

Es gibt aber natürlich auch Jüdinnen und Juden, bei denen ein solcher Test keine jüdische Herkunft aufzeigen würde. Wer etwa adoptiert wurde oder wenn Vorfahren zum Judentum übergetreten sind, bei dem finden sich in der DNA keine Hinweise auf jüdische Ahnen vor Jahrhunderten. Denn jüdisch kann man ja nicht nur per Geburt sein, man kann auch zum Judentum konvertieren. Rabbiner erkennen Ergebnisse solcher Gentests auch nicht an. Hier gilt wie schon seit eh und je: Laut Halacha, dem jüdischen Recht, ist jüdisch, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder wer zum Judentum übergetreten ist.

Die Sache mit den Prozenten

Bei dieser Konzeption entfällt auch das Bewerten von Prozenten. Die Halb- und Vierteljuden, die sind, obwohl die Begriffe bis heute immer wieder unreflektiert verwendet werden, Nazi-Diktion. Das Judentum kennt nur ganze Juden. Entweder man ist jüdisch oder nicht. Das – siehe Eintrag der vergangenen Woche – schmerzt so manchen jüdischen Vater, der Kinder mit einer nichtjüdischen Partnerin hat. Das schmerzt aber auch so manches Kind aus solch einer Beziehung, das sich zwischen allen Stühlen fühlt, weil es ein Erbe (und nicht selten auch eine Verfolgungsgeschichte) mit sich trägt, aber von der jüdischen Gemeinde nicht anerkannt wird.

Dass hier mittels Gentest statt eines aufwändigen Übertrittsverfahrens, bei dem das angehende Gemeindemitglied zeigen muss, dass er oder sie künftig nach den fordernden Regeln des Judentums lebt (vom koscheren Haushalt bis zum Einhalten des Schabbat), erklärt wird, das jemand nun Jude ist, zeichnet sich daher nicht ab. Dazu kommt, dass Experten betonen, dass die getätigten Prozentangaben statistischer Natur sind. Es sei also nicht einmal gesagt, ob das ausgespuckte Ergebnis dann beim jeweiligen Individuum tatsächlich die Herkunft exakt abbilde.

Die Neugierde ist dennoch groß. Ist es nicht verlockend, mit einem Wattestäbchen etwas Speichel aus der inneren Wange zu entnehmen, in ein Plastikröhrchen zu stecken, abzuschicken und nach ein paar Wochen Post zu erhalten, welche die eigene Herkunft dokumentiert? Theoretisch müsste ein solcher Test bei mir 50 Prozent aschkenasische Vorfahren ausweisen, der Rest wäre wohl weniger vorhersehbar. Was aber, wenn sich auch auf der jüdischen Seite andere Haplogruppen daruntergemogelt hätten?

Jeder ist eine Mischung

Ja, klar, ich habe schon daran gedacht, mir so eine Herkunftsanalyse zu leisten, schließlich habe ich es aber doch gelassen. Denn welche Erkenntnisse würden sich tatsächlich daraus ergeben? Am Ende gilt wohl für jeden Menschen: Eine klare Gruppenzugehörigkeit (um das Wort Rasse zu vermeiden) gibt es nicht, jeder von uns ist eine Mischung.

In einer Zeit, in der weltweit so gerne das Trennende vor das Gemeinsame gestellt wird, ist das eigentlich eine frohe Botschaft. Denn es zeigt, dass Menschen seit jeher gewandert sind, dass immer schon Menschen verschiedener Gruppen zueinander gefunden haben, dass es weitgehend (weitgehend, weil es doch auch Naturvölker gibt) keine abgeschlossenen Völker, Nationen, Gesellschaften gibt. Würde das jeder in sein Bewusstsein lassen, dann gäbe es vielleicht auch nicht die Angst vor dem Fremden und das bei so vielen starke Bedürfnis, zu einer klar abgegrenzten Gruppe zu gehören.

Und es gäbe vielleicht die Erkenntnis, dass jeder Mensch in seinem Leben bis zu einem gewissen Grad auch frei wählen kann, zu welcher Gruppe er sich zugehörig fühlt. Man kann sich entscheiden, die Traditionen der Eltern fortzuführen oder mit ihnen zu brechen, der Heimat verbunden zu bleiben oder in die Ferne zu gehen, einen Partner mit ähnlicher Sozialisation zu heiraten oder gemeinsam mit einem Menschen durchs Leben zu gehen, der in einem gänzlich anderen Kulturkreis aufgewachsen ist. Das gilt auch für die Art und Weise, wie man sein Judentum lebt.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-27 20:23:26
Letzte Änderung am 2018-06-27 20:23:47


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