• vom 10.07.2018, 16:41 Uhr

Jüdisch leben

Update: 10.07.2018, 16:44 Uhr

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Alte Wunden




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Von Alexia Weiss

  • Mit einem Text zum jüdisch-christlichen Dialog hat der emeritierte Papst Benedikt XVI. alte Wunden aufgerissen. Schade.

Alexia Weiss - © Paul Divjak

Alexia Weiss © Paul Divjak

Die kirchlichen Nachrichtendienste Vaticannews und Kathpress üben sich bei der Besprechung eines vom emeritierten Papst Benedikt XVI. im Oktober 2017 verfassten und nun in der Zeitschrift Communio veröffentlichten Beitrag zum jüdisch-christlichen Dialog in Zurückhaltung. Weniger zimperlich fällt die Einschätzung der Neuen Zürcher Zeitung aus: "Benedikt XVI. ruft den Juden zu: An Christus führt kein Weg vorbei" heißt es in der Überschrift. Und Autor Christian Rutishauser ist sich sicher: Diese Stellungnahme des früheren Papstes werde den jüdisch-christlichen Dialog belasten.

Worum geht es konkret? In dem "Gnade und Berufung ohne Reue" betitelten und mit "Joseph Ratzinger – Benedikt XVI." signierten Text geht der frühere Papst einerseits auf die "Messias-Frage" ein. Diese sei "die eigentliche Streitfrage zwischen Juden und Christen", so Ratzinger. Sei die jüdische Messias-Erwartung auf einen – auch politisch verstandenen – Friedensbringer fokussiert, so müsse man aus christlicher Sicht darauf verweisen, dass Jesus "nicht unmittelbar die vollendete neue Welt des Friedens bringen wollte (...), sondern den Menschen, auch den Heiden, Gott zeigen wollte."

Andererseits thematisiert Benedikt XVI. die Frage des "nie gekündigten Bundes" zwischen Gott und den Juden. Geprägt wurde diese Formulierung vom früheren Papst Johannes Paul II. Doch Benedikt XVI. sieht hier nun Bedarf an Differenzierung. Er meint, die Lehre vom nie gekündigten Bund sei nur eine Hilfsformel gewesen, "taugt aber nicht auf Dauer". "Die ‚Umstiftung des Sinai-Bundes’ Gottes mit Israel ist für ihn ersetzt, das heißt substituiert im Christusbund", schreibt Rutishauser.

Über Christus seien alttestamentliche Elemente ersetzt worden

Benedikt XVI. argumentiert, selbst wenn die Kirche nicht als Ganzes an die Stelle von Israel getreten sei, so seien doch "wesentliche Elemente" des alttestamentlichen Israel über Christus "endgültig" ersetzt worden: Der Tempelkult durch die Eucharistie, die Messias-Erwartungen durch Christus, die Landverheißung durch die Heimat im Himmel.

Zynisch gedacht richtet damit der frühere Papst den Juden aus, dass sie nur nicht erkannt haben, dass ihr Messias eigentlich schon in der Person Christus gekommen ist. Dass sie immer noch an einer Religion festhalten, die doch schon durch etwas Besseres – das Christentum – ersetzt wurde. Nein, natürlich würde ein kirchlicher Würdenträger, auch ein emeritierter, nie so hart, so klar, so kategorisch formulieren. Nur wie kommt eine solche Botschaft an?

NZZ-Autor Rutishauser hat schon recht, wenn er titelt: "Benedikt XVI. ruft den Juden zu: An Christus führt kein Weg vorbei". Was mich an ein jüngst geführtes Gespräch mit einer Kroatin, die in Wien arbeitet, aber immer wieder zu Besuch in ihrem Heimatdorf ist, erinnert: Kinder, die noch nicht getauft sind, nenne man dort Juden. Und es sei wichtig, dass sie rasch getauft werden, denn stoße ihnen etwas zu, könnten sie sonst nicht in den Himmel kommen. Erst als Erwachsene habe sie gelernt, dass das Judentum eine eigene Religion sei und diese noch nicht getauften Kinder christlicher Eltern ja gar nicht jüdisch sein könnten, erzählte sie mir. Der Text des Papstes und diese Anekdote aus einem kroatischen Dorf sind zwei völlig verschiedene Ebenen, die aber doch verdeutlichen: Noch immer gibt es kein unbelastetes Verhältnis zwischen Christentum und Judentum.

Insoferne führt sich auch die zuletzt seitens der Politik so gern beschworene christlich-jüdische Kultur und Tradition ad absurdum. In den Nachkriegsjahrzehnten raufte man sich langsam zusammen, fand teils auch das Gespräch auf Augenhöhe, die vor allem dadurch gekennzeichnet ist, dass von christlicher Seite auf Missionierung von Jüdinnen und Juden verzichtet wird. In der Vorkriegszeit war das anders und wie bereits vielfach dokumentiert wurde: Ohne den christlichen Antisemitismus wäre Antisemitismus in der Gesellschaft nicht derart salonfähig gewesen, ohne den christlichen Antisemitismus hätte auch wohl der Nationalsozialismus nicht in dieser so antisemitischen Ausprägung entstehen können.

Und so reißt der Text des früheren Papstes alte Wunden auf anstatt den christlich-jüdischen Dialog weiter zu befördern. Ob das im Sinn des amtierenden Papstes Franziskus ist?





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-10 16:44:29
Letzte Änderung am 2018-07-10 16:44:47


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