• vom 17.07.2018, 11:18 Uhr

Jüdisch leben

Update: 17.07.2018, 17:06 Uhr

Jüdisch leben

Angriff auf die Religionsfreiheit?




  • Artikel
  • Kommentare (56)
  • Lesenswert (674)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexia Weiss

  • In Niederösterreich geschächtetes Fleisch soll künftig nur mehr an Juden und Jüdinnen verkauft werden, die nachweislich koscher essen- und daher eine entsprechende Genehmigung zum Kauf von koscherem Fleisch erhalten haben. Nur sie hätten einen Bedarf, wird argumentiert. Der zuständige Landesrat Gottfried Waldhäusl meint, aus Sicht des Tierschutzes wäre das Schächten generell abzulehnen. Das ist ein Angriff auf die freie Religionsausübung. Und was kommt als nächstes?

Hühnerfleisch bei einem Wiener koscheren Fleischhauer.

Hühnerfleisch bei einem Wiener koscheren Fleischhauer.© Alexia Weiss Hühnerfleisch bei einem Wiener koscheren Fleischhauer.© Alexia Weiss

Es gibt ein paar Eckpfeiler, ohne die ein jüdisches Leben in einem Land nicht möglich ist: Dazu gehört die Brit Mila, die Beschneidung. Und dazu gehört das Schächten – also die Produktion von koscherem Fleisch. Was die Freiheitlichen in den vergangenen Jahren immer wieder mit Kampagnen, die vordergründig mit dem Tierschutz argumentierten, versuchten, was seit Jahren Europa-weit nicht nur diskutiert, sondern teils auch schon in Gesetze gegossen wurde, bahnt sich nun auch offiziell in Österreich an. Die Abteilung Naturschutz des Amts der niederösterreichischen Landesregierung, die auch für den Tierschutz zuständig zeichnet, schlägt neue Richtlinien in Sachen Schächten vor. Einerseits soll damit künftig der Export von koscher geschlachtetem Fleisch verboten sein, andererseits wird der Zugang zu koscherem Fleisch massiv eingeengt.

Wie der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, Oskar Deutsch, Montag Abend im Plenum des Kultusvorstands berichtete, dürften demnach künftig nur mehr Juden und Jüdinnen koscheres Fleisch kaufen, die zuvor namentlich erfasst wurden und wo nachgewiesen werden kann, dass sie immer koscher essen, "denn das Recht der freien Religionsausübung sei nur ein individuelles". Seitens des Amts werde nämlich argumentiert, man wisse, dass es religiöse und nicht so religiöse Juden gäbe. Zum Einen. Zum anderen müsste der Kauf von Fleisch dann wohl namentlich erfolgen – also nur unter Vorlage einer entsprechenden Genehmigung. "Und im Übrigen könne man aus der Statistik Austria ableiten, wie hoch der Fleischkonsum maximal sein könnte", so Deutsch.

Waldhäusl: Schächten wäre aus Sicht des Tierschutzes generell abzulehnen

In der Abteilung für Tierschutz des Amts der niederösterreichischen Landesregierung wurde am Dienstag auf Anfrage der Wiener Zeitung das Bestehen eines solchen Erlass-Entwurfes bestätigt, der Erlass sei aber noch nicht rechtskräftig. Der zuständige Landesrat Gottfried Waldhäusl betonte zudem in einer der Wiener Zeitung übermittelten Stellungnahme: "Aus der Sicht des Tierschutzes wäre Schächten für mich generell abzulehnen." Alles, was gesetzlich möglich sei, um das Schächten einzudämmen, lasse man nun prüfen. "Es ist nicht einzusehen, warum Wiener nach Niederösterreich fahren und hier tausende Tiere schächten lassen. Wir prüfen, ob der Bedarf des Fleisches an den Wohnsitz gekoppelt werden kann. Wir sind in Niederösterreich nicht dazu da, um den Wienern das geschächtete Fleisch zur Verfügung zu stellen", so Waldhäusl.

In der Praxis bedeutet die in dem von der IKG skizzierten Erlass geplante Einschränkung des Verkaufs von koscherem Fleisch: Ich kann, wenn ich Gäste einlade, die nicht jüdisch sind oder jüdisch sind, sich aber selbst nicht an die Kaschrut halten, diesen kein Fleisch mehr servieren. Wobei der Behörde manche Aspekte des jüdischen Lebens dann eben doch fremd zu sein scheinen: Es gibt Menschen, die das ganze Jahr über nicht koscher halten, aber zu Pessach schon. Es gibt Menschen, die im Restaurant nicht koscher, aber vegetarisch essen, und zu Hause einen koscheren Haushalt führen. Es gibt Menschen, die grundsätzlich nur beim Fleischkauf auf koschere Schlachtung achten, nicht aber zum Beispiel bei Milchprodukten auf deren koschere Produktion. Der Alltag von Menschen lässt sich nicht in Schwarz-Weiß-Rastern abbilden.

Und was sagt der Datenschutz?

In der Praxis bedeutet das aber auch: Da gibt es dann eine Aufstellung mit Namen von observant lebenden Juden. "Das ist wie ein negativer Arier-Paragraph", meinte Deutsch in der Sitzung. Vor allem aber würde eine solche Regelung seiner Meinung nach gegen den Datenschutz verstoßen.

Man muss einen solchen Vorstoß einmal sickern lassen. Abseits der praktisch schwer vorstellbaren Umsetzbarkeit: Religionsfreiheit ist in Österreich in der Verfassung garantiert. Wer das Schächten schrittweise abschafft, macht observantes jüdisches Leben aber unmöglich. Hat die Behörde das im Sinn? Eher nicht. Denn wer einen Schritt weiter denkt, weiß, auch bei den Muslimen gibt es spezielle Schlachtvorgaben – die Halal-Schlachtung ist nicht ident, aber ähnlich der koscheren Schlachtung. Es geht vermutlich also darum, den Handlungsspielraum von Muslimen und Musliminnen weiter einzuschränken. Die Beschneidung der Bedürfnisse von Juden und Jüdinnen ist da nur der Kollateralschaden.

Ein mulmiges Gefühl

Was mich persönlich doch ziemlich schockiert: Im Grunde sprechen wir wieder einmal von Listen. Da wird also eine Aufstellung von Namen von Menschen gefordert, die künftig berechtigt sein sollen, koscheres Fleisch zu kaufen und zu konsumieren. Damit hat man gleichzeitig aber auch eine Liste mit Namen von Jüdinnen und Juden, die observant leben. Das sorgt bei mir für ein mulmiges Bauchgefühl.

Die Kultusgemeinde wird sich nun bemühen, diese neuen Vorgaben für die Produktion von koscherem Fleisch in Niederösterreich (das Fleisch, das dort geschlachtet wird, geht dann vor allem an die koscheren Geschäfte und Restaurants in Wien) auf politischer Ebene nicht Wirklichkeit werden zu lassen. Briefe gingen an die niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leiter sowie die Landeshauptleutekonferenz. Auch Bundeskanzler Sebastian Kurz will der IKG-Präsident das Problem ehestmöglich näherbringen. Sollte all das nichts fruchten, bliebe nur der Weg zu Gericht – der allerdings, abseits der Kosten, lange dauern kann.

Oft wird dieser Tage seitens der Politik die christlich-jüdische Tradition Europas beschworen. Dann muss aber gleichzeitig auch dafür gesorgt werden, dass Jüdinnen und Juden gemäß ihrer Traditionen leben können. Und wenn es, wie in diesem Fall, so ist, dass die Interessen der jüdischen Gemeinde unter die Räder kommen, weil man Musliminnen und Muslimen zeigen möchte, dass sie sich hier gänzlich anzupassen und ihre Traditionen aufzugeben haben, dann ist das doch ein guter Fingerzeig dafür, dass das kein guter Weg ist. Integration bedeutet nicht Assimilation. Weder für Juden und Jüdinnen noch für Muslime und Musliminnen.





56 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-17 11:23:19
Letzte Änderung am 2018-07-17 17:06:50


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Abgang auf Raten
  2. Über die Diener des Staats
  3. Eine Frage des Geldes
  4. Umverteilen statt vermehren
  5. Das Tauziehen um den Brexit
Meistkommentiert
  1. Kümmern statt kämpfen
  2. Das Erbe der großen Krise
  3. Gute Zeit für echte Politiker
  4. Simple Sache
  5. Sicherheit kostet Geld

Werbung




Werbung