• vom 23.07.2018, 17:10 Uhr

Jüdisch leben

Update: 23.07.2018, 21:44 Uhr

Jüdisch leben

Mehr als nur ein Schnitt




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Von Alexia Weiss

  • Die Produktion von koscherem Fleisch ist so viel mehr als die Schlachtung von Hand. Das Tier muss gesund aufwachsen, darf nicht durch einen langen Tiertransport gestresst sein und muss nach seinem Tod völlig ausbluten. Die jüdischen Speisegesetze bemühen sich hier, das Leid des Tieres so gering als möglich zu halten, sagt Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister im Gespräch mit der Wiener Zeitung. Einen minutenlangen Todeskampf gibt es nicht.

Rindfleisch, das von einem koscheren Fleischer in Salz eingelegt wurde, um das restliche Blut zu entfernen.

Rindfleisch, das von einem koscheren Fleischer in Salz eingelegt wurde, um das restliche Blut zu entfernen.© Alexia Weiss Rindfleisch, das von einem koscheren Fleischer in Salz eingelegt wurde, um das restliche Blut zu entfernen.© Alexia Weiss

Gerät das Thema Schächten in den medialen Fokus gibt es – abseits parteipolitischer Implikationen wie aktuell – zwei Elemente, die den Diskurs stets bestimmen: Zum einen generell das Anprangern von Schlachtung und Fleischkonsum durch Vegetarier und Veganer. Das kann ich als jemand, der selbst kein Fleisch konsumiert, durchaus nachvollziehen. Zum anderen wird die Grausamkeit der Schlachtmethode Schächten angeprangert - und das wird dann nicht nur von Tierschützern so artikuliert. Der Tenor: Wir leben ja nicht im Mittelalter. Damit wird dann auch Stimmung gemacht – gegen Menschen beziehungsweise Gruppen von Menschen, die demnach nicht in der Gegenwart angekommen sind. Und nennen wir die Dinge doch gleich beim Namen: Es wird Stimmung gemacht gegen Juden und gegen Muslime.

Dem Wiener Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister gefällt übrigens der in diesem Zusammenhang oft benutzte Ausdruck "rituelles Schlachten" gar nicht, wie er mir dieser Tage erklärte. Warum? "Rituelles Schlachten impliziert, dass es sich um ein Tieropfer handelt. Das Judentum kennt aber seit der Zerstörung des Zweiten Tempels in Jerusalem keine Tieropfer mehr." Koscheres Schlachten diene heute einzig der Gewinnung von Lebensmitteln nach den Vorgaben der jüdischen Speisegesetze (Kaschrut). Und im Gegensatz zu dem, welche Assoziationen die Worte "rituelles Schlachten" und "schächten" in den Köpfen vieler erwecken, ist einer der zentralen Gründe, warum im Judentum so geschlachtet wird, wie geschlachtet wird, das Bemühen, Tierleid zu vermeiden, betont Rabbiner Hofmeister.

Gerade, was Lebensmittel anbelangt, gibt es heute allgemein – Stichwort: gesunde Ernährung – eine Rückbesinnung auf Ursprüngliches. Auf eine Landwirtschaft, die ohne chemische Hilfsmittel auskommt. Auf Bauern, die ihre Hühner im Freien leben lassen und deren Rinder auf der Weide grasen. Fleisch, Milch, Eier, Gemüse, die so produziert werden, sind als Bio-zertifzierte Lebensmittel nicht nur nachgefragt, Konsumenten zahlen auch gerne mehr dafür als etwa für Fleisch aus Massentierhaltung. Sieht man sich die Produktion von koscherem Fleisch an, gibt es hier viele Elemente, die das Schnitzel oder den Braten zum Bioprodukt veredeln. Denn: Wenn wir über das Schächten sprechen, geht es eben nicht nur um den so verpönten Schnitt, der Luft- und Speiseröhre durchtrennt. Die Produktion von koscherem Fleisch umfasst so viel mehr.

Keine langen Tiertransporte

Damit Fleisch den Koscherstempel bekommt, reicht es nicht, dass das Tier von Hand geschlachtet wurde. Das Tier muss gesund sein und darf im Moment des Schlachtens nicht gestresst sein. Lange Tiertransporte sind daher tabu. Geschlachtet werden Tiere, die in der Umgebung aufgewachsen sind. Nach der Schlachtung wird geprüft, ob das Tier tatsächlich völlig gesund war. Weist es äußere oder innere Wunden auf, gilt es nicht mehr als koscher. Dabei sieht man sich zum Beispiel auch die Organe an. Die Lunge wird aufgeblasen. Zeigt sich dabei auch nur ein kleines Loch, wird das Tier nicht mehr als koscher eingestuft.

Noch vor der Überprüfung der Organe lässt man das Tier ausbluten – denn, so heißt es in der Thora, das Blut ist die Seele und diese darf man nicht essen. Aber auch aus konventionell geschlachteten Tieren lasse man unmittelbar nach dem Schlachten das Blut austropfen, betont Rabbiner Hofmeister. Der koschere Fleischhauer legt nach der Zerteilung eines Tieres die einzelnen Fleischteile zusätzlich noch in Salz ein, um auch die letzten Reste Blut zu entfernen.

Stichwort Tierschutz und Tierleid: Wichtig ist neben einem guten und artgerechten Leben auch ein möglichst stressfreier, kurzer Moment des Todes. Eine zentrale Rolle spielt hier das Schächtmesser. Es muss scharf und glatt sein, zeigt sich eine Schramme, muss es sofort nachgeschliffen werden. Nur so ist gewährleistet, dass damit ein glatter Schnitt erfolgen kann. Und mit einem solchen Schnitt, der sowohl Speise- als auch Luftröhre durchtrennt und damit auch die daneben liegenden Blutgefäße, die zum Gehirn führen, ist das Tier sofort bewusstlos, wie Rabbiner Hofmeister, der auch ausgebildeter Schochet ist, betont. Der Schächter muss dabei eine ruhige Hand haben: Da das Messer so scharf ist, bedarf es keines Drucks oder Säbelns. Einmal ansetzen, schneiden – und es ist vorbei. Es gebe technische Möglichkeiten, das Fleisch dahingehend zu untersuchen, ob das Tier unter Stress gestanden sei, so Rabbiner Hofmeister. Koscheres Fleisch weise hier bessere Werte als so manches konventionell geschlachtete Fleisch auf, betont er.

Der Schächtschnitt sei also gleichzeitig die Betäubung – womit die Tiere sofort bewusstlos seien. Komme es dann noch – etwa 15 bis 20 Sekunden lang – zu Zuckungen, seien das Nervenreaktionen (wie übrigens auch nach einer konventionellen Schlachtung mit vorherigem Bolzenschuss). Von einem minutenlangen Todeskampf, wie nun vom niederösterreichischen freiheitlichen Landesrat Gottfried Waldhäusl auf Facebook dargestellt, könne jedenfalls nicht die Rede sein, betont der Schochet. Laut österreichischem Gesetz müssen die Tiere bei einer koscheren Schlachtung zudem sofort nach dem Schnitt betäubt werden. Aus Sicht des Schächters sei das wenig sinnvoll, denn die Tier würden ja ohnehin nichts mehr spüren und das kompliziere nur die Abläufe. Aber natürlich halte man sich beim koscheren Schlachten an das Gesetz, betont der Rabbiner.

So stellt sich die Frage: Bemisst sich Tierleid nach dem, was das Tier tatsächlich empfindet, oder nach der menschlichen Vorstellung davon, was ein Tier fühlt? Ist es für den Schlachter angenehmer ein betäubtes Tier zu töten als eines, das bei Bewusstsein ist? Ist es insgesamt leichter, das Töten an Maschinen zu delegieren, zu automatisieren, als selbst Hand anzulegen? Wie eingangs geschrieben – all das ist für mich nachvollziehbar. Der Schluss daraus wäre aber, gar kein Fleisch mehr zu essen. Tierleid nur auf das Schächten zu beschränken, ist allerdings tendenziös. Wer Fleisch konsumiert, muss sich im Klaren darüber sein, dass es sich um ein Lebewesen handelt, das nur zum Zweck getötet wurde, gegessen zu werden.

Die Jagd ist tabu

Geschlachtet werden hier zu Lande Rinder, Schweine, Hühner, Schafe. Geht es um koschere oder halal Schlachtung, fallen Schweine heraus – sie gelten im Judentum und Islam als nicht koscher beziehungsweise nicht halal. Zum Verzehr bestimmt ist in Österreich aber auch Wild. Dieses wird auf der Jagd erlegt. Koscheres Jagdgut gibt es allerdings nicht. Erstens wird das Tier zum Beispiel bei einer Treibjagd gehetzt – und damit auch gestresst. Und verendet ein Tier, nachdem es geschossen wurde, gilt es als Aas. Es darf, hält man sich an die Kaschrut, ausschließlich Fleisch von Tieren gegessen werden, die per Schächtschnitt getötet wurden.

Rückschrittlich, fortschrittlich: Gerade wenn es um die Produktion von Lebensmitteln geht, verschwimmen die Vorstellungen. Ist heute der Biobauer, der sowohl Ackerbau betreibt als auch Tiere hält, der modernere, oder der auf Hühner spezialisierte, industrialisierte Großbetrieb? Wie viele Hühner, die an Beinen aufgehängt durch ein Wasserbad gezogen werden, sodass sie vor ihrer Schlachtung per Stromschlag betäubt werden, heben im entscheidenden Moment den Kopf und werden schlussendlich gar nicht betäubt? Wie oft wird bei einem Rind der Bolzenschuss nicht richtig gesetzt? Entsprechende Videos finden sich zuhauf im Netz. Ein geübter Schochet setzt den Schächtschnitt immer richtig an. Aber ja, er muss selbst Hand anlegen. Und ja, das ist kein schöner Anblick. Das ist allerdings keine Schlachtung.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-23 17:17:18
Letzte Änderung am 2018-07-23 21:44:30


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