• vom 02.08.2018, 13:40 Uhr

Jüdisch leben

Update: 02.08.2018, 13:45 Uhr

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Klimanazis und neue Juden




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Von Alexia Weiss

  • Die deutsche AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch hat eine Grenze überschritten. Der Begriff Nazi ist kein Synonym für Extremist oder jemanden, der etwas unbedingt durchsetzen möchte. Genauso wie das Wort Jude kein Synonym für den Begriff Opfer ist.

Alexia Weiss - © Paul Divjak

Alexia Weiss © Paul Divjak

Politiker und Politikerinnen kreieren immer neue Superlative. Sprache muss plakativ sein, Sprache muss es auf den Punkt bringen. So manche Wortschöpfung hinterlässt einen allerdings staunend bis unangenehm berührt. Oder wütend. Wobei Wut und Aggression wiederum die Ingredienzien des aktuellen politischen Diskurses vor allem in Zeitungsforen und sozialen Medien sind und der Verdacht nahe liegt, dass die Sprachsuperlative vor allem auch dazu da sind, heftige Emotionen auszulösen. Wenn ein Begriff bei den einen für Wut sorgt, dann spricht er andere gut an. Man erreicht sie. Und ist das nicht Ziel jeder politischen Kommunikation?

Die deutsche AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch bezeichnete nun die Grün-Mandatarin Katrin Göring-Eckardt, die angesichts des aktuell heißen Sommers auf Twitter auf den Klimawandel verwies, in einem Tweet als "Klimanazi". Ich möchte hier gar nicht thematisieren, wie eigentümlich ich es empfinde, dass es Parteien gibt, die etwas, was die Wissenschaft seit Jahren belegt, vom Tisch wischen, weil sie nicht die daraus resultierenden nötigen Schritte – Stichwort Klimaschutz – setzen wollen. Es geht mir an dieser Stelle nur um den Begriff Klimanazi.

Ein Nazi ist Anhänger des Nationalsozialismus, inklusive Rassentheorie, inklusive Gutheißen der Vernichtung von Juden, Roma, Homosexuellen, Menschen, die physisch oder psychisch nicht völlig der Norm entsprechen, von politisch Andersdenkenden, von Gegnern dieses politischen Extremismus. Was macht Beatrix von Storch, Vertreterin einer rechten Bewegung? Sie verwendet den Begriff Nazi als Synonym für jemanden, der ihrer Meinung nach extrem ist, der versucht etwas, was ihm wichtig ist, durchzusetzen. Der jemanden mit einem Thema – sagen wir es überspitzt und umgangssprachlich - terrorisiert. In diesem Fall ist es der Klimaschutz. Die Grünen sollen also aufhören, alle mit dem Thema Klimawandel verrückt zu machen. Sie sind durch ihr diesbezügliches Verhalten aus der Sicht Storchs Extremisten. Sie sind Nazis. Klimanazis.

Vergleichen ja, gleichsetzen nein

Seit Jahren setzen wir uns als Gesellschaft nun damit auseinander, dass es möglich sein muss, Vergleiche anzustellen, was aber nicht heißt, Dinge gleichzusetzen. Die Rahmenbedingungen von Flucht heute erinnern an die Rahmenbedingungen von Flucht in den 1930er und 1940er Jahren. Dennoch ist die Zeit heute nicht mit jener von damals gleichzusetzen. Der Holocaust ist einzigartig. Dennoch hätten sich mehr Menschen damals in Sicherheit bringen können, wenn andere Länder mehr Aufnahmebereitschaft gezeigt hatten. Stichwort Konferenz von Evian.

Es gibt immer wieder Jüdinnen und Juden, die sagen, rührt diese Zeit nicht an. Es sei eine Verharmlosung der Schoa, hier Parallelen anzusprechen. Ich kann das einerseits nachvollziehen – andererseits eben auch nicht. Wenn ich die Rahmenbedingungen von Flucht vergleich, taste ich die Einzigartigkeit des Holocaust nicht an. Ich würdige die Opfer. Ich sage aber auch, wenn etwas aus der Geschichte zu lernen war, dann, dass es internationale Spielregeln braucht, wie Menschen, die sich in Sicherheit bringen müssen, geholfen werden kann. Diese Spielregeln gibt es inzwischen seit vielen Jahrzehnten, sie nennen sich Genfer Flüchtlingskonvention.

Wenn nun aber eine rechte Politikerin den Begriff Nazi als Synonym für Extremist, Extremistin verwendet, noch dazu für etwas, was eigentlich dem Gesamtinteresse der Gesellschaft dient, nämlich dem Klimaschutz, dann verharmlost sie den Schrecken des Nationalsozialismus. Wer einem Vernichtungslager der Nazis entkommen ist, wer seine Eltern, Geschwister, Partner im NS-Terror verloren hat, wie mag der sich nun fühlen, wenn Menschen, die etwas für diesen Planeten tun wollen, die die Umwelt auch im Sinn künftiger Generationen schützen möchten, als Nazis bezeichnet werden? Nazi ist eben kein Synonym für Extremist.

Der Nationalsozialismus ist eine einzigartige, äußerst befremdliche Vernichtungsideologie. Wer den Begriff Nazi im aktuellen politischen Diskurs als Diffamierung eines Gegners verwendet, es dabei aber nicht um die nationalsozialistische Ideologie, sondern schlicht um einen medienwirksamen Kraftausdruck geht, agiert verharmlosend. Und das ist abzulehnen.

Eine begriffliche Parallele, die mir hier in den Sinn kam: 2012 sprach der heutige FPÖ-Vizekanzler Heinz-Christian Strache angesichts von aktionistischen Protesten anlässlich des damaligen WKR-Balls (Burschenschafterball, heute Akademikerball) – dabei sollen Ballbesucher auch von Demonstrierenden aufgehalten worden sein – von "neuen Juden". "Wir sind die neuen Juden", soll Strache damals zu Ballgästen gesagt haben, allerdings waren Journalisten in der Nähe. Die Aussage wirbelte damals viel Staub auf. Wie von Storch nun Nazi als Synonym für Extremist verwendete, setzte Strache damals den Begriff "Jude" als Synonym für Opfer ein. Ein ebenso perfider sprachlicher Vergleich. Und er kam ebenfalls von einem Vertreter einer rechtspopulistischen Partei.

Sprache als Waffe

Ein adäquater Umgang mit der Geschichte verlangt auch nach einem sensiblen Umgang mit Begrifflichkeiten. Populismus lebt von Zuspitzung, von Schlagwortbotschaften, vom Schüren von Emotionen. Wer Nazi schreit, kann sich eines Echos gewiss sein. Der Tweet von Storchs hat für Aufregung gesorgt. Sie hat sich ins Gespräch gebracht. Ihre Anhänger nehmen als Botschaft mit: Vergesst das Geschwafel vom Klimawandel. Ihr könnt weiter ohne schlechtes Gewissen Auto fahren, nicht umweltbewusst einkaufen, euch über dieses Öko-Gelaber lustig machen. Dem politischen Gegner hat sie das Label extrem verpasst. Jenen aber, die unter den Nazis zu leiden hatten, sowie deren Nachkommen hat sie damit einen Tritt in die Magengrube versetzt. Genau wie Strache 2012 mit seinem "neue Juden"-Sager. Und genau das darf nicht passieren.

Ja, (Rechts-)Populisten überschreiten gerne Grenzen. Sie ersetzen Begriffe durch andere, um das, was passiert, zu verharmlosen. Beispiel: Flüchtlinge konsequent Migranten zu nennen. Sie betreiben Symbolpolitik und grenzen damit aus, was zu Hetze führt. Beispiel Burkaverbot, Beispiel Kopftduchdebatte, die x-te. Beispiel Anbringen von Kreuzen in öffentlichen Gebäuden in Bayern.

Sprache ist eben nur Sprache – und Symbole sind nur Symbole - und das Agieren auf dieser Ebene mag daher auf den ersten Blick nicht bedrohlich wirken. Doch Sprache ist auch eine scharfe Waffe. Botschaften, die immer wieder wiederholt werden, setzen sich im menschlichen Gehirn fest. Werbung arbeitet sehr erfolgreich mit diesem Prinzip. Totalitäre politische Systeme auch. Und daher kann man über diesen Nazi-Sager Storchs eben nicht einfach hinwegsehen. Ein Nazi ist ein Nazi. Und ein Umweltschützer ein Umweltschützer. Letzterer mag einem lästig oder missionarisch oder sein Verhalten überzogen erscheinen. Man kann ihn inhaltlich kritisieren. Sein Eintreten für eine Sache, die ihm wichtig ist, macht ihn aber eben nicht zu einem Nazi.





Schlagwörter

Jüdisch leben, Alexia Weiss, Nazi, AfD

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-02 13:41:55
Letzte Änderung am 2018-08-02 13:45:03


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