• vom 10.10.2018, 17:31 Uhr

Jüdisch leben

Update: 10.10.2018, 17:39 Uhr

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Antisemitismus als Retter




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Von Alexia Weiss

  • Baruch Berliners Oratorium "Genesis" wird diesen Sonntag in Wien in deutscher Sprache erstaufgeführt. Wenn man sich mit ihm unterhält, dann spiegeln seine Erzählungen die Nostalgie wider, mit der er als Sohn einer Wiener Emigrantin in Israel groß wurde.

Der israelische Komponist Baruch Berliner mit seiner Frau Ruhama. Durch sie hat er näher zu Gott gefunden. Nun schreibt er Musik zu Passagen aus der Tora. - © Privat

Der israelische Komponist Baruch Berliner mit seiner Frau Ruhama. Durch sie hat er näher zu Gott gefunden. Nun schreibt er Musik zu Passagen aus der Tora. © Privat

Baruch Berliner hat schöne Erinnerungen an Wien. Als der gebürtige Israeli als Student in Zürich zu einem Treffen jüdischer Studierender nach Österreich kam, suchte er das Haus in der Praterstraße 9 auf. Hier war seine Mutter mit ihren Geschwistern groß geworden, in guten Verhältnissen, denn der Großvater, der von Galizien nach Wien gegangen war, hatte hier eine Autofabrik gegründet und war Besitzer mehrerer Häuser. Der junge Baruch Berliner bestaunte zunächst den alten Lift des Hauses. Als er sich weiter umsehen wollte, "da kam ein älterer Herr auf mich zu und fragte, ob er mir helfen könne. Ich erwiderte, dass ich mich nur im Haus umschauen wolle, in dem meine Mutter aufgewachsen sei. Er fragte nach ihrem Namen und als ich den Namen Charlotte Löw aussprach, fiel er mir um den Hals und begann zu weinen. Er sagte, Gott sei es Dank, dass jemand aus dieser wunderbaren Familie den Holocaust überlebt habe". Wie Berliner später erfahren sollte, hatte dieser Mann, der Hausbesorger des Gebäudes, seiner Mutter sowie deren Schwester geholfen, aus Wien zu emigrieren.

Dennoch wisse er um die dunklen Seiten der Geschichte, um den Antisemitismus, der seiner Mutter, einer Pianistin und Tänzerin, begegnete, wie Berliner mir diese Woche in einem Telefonat erzählte. "Ich muss aber auch sagen, es war der Antisemitismus, der meiner Mutter das Leben rettete." Schon in der ersten Hälfte der 1930er Jahre wurde eine – nichtjüdische – Freundin in der Kärntner Straße von nationalsozialistischen Jugendlichen niedergeschlagen, habe ihm die Mutter erzählt. Eigentlich hätten die jungen Frauen zuvor noch gescherzt, dass Charlotte Löw als Jüdin nicht in die belebte Kärntner Straße gehen wollte, doch die Freundin, Tochter eines Diplomaten, habe gemeint, sie gehe ja mit und könne als Schutz dienen. Für Berliners Mutter war dieser Vorfall jedenfalls Warnung genug. Sie wanderte nach Palästina aus, wo sie seinen Vater kennenlernte und 1935 heiratete.

Von der Mutter hat Baruch Berliner das Wienerisch gelernt, sie war es, die ihm Lieder, Walzer, Operetten näherbrachte. Bevor Berliner allerdings in ihre musikalischen Fußstapfen trat, studierte er Physik und Mathematik in der Schweiz, arbeitete dort viele Jahre als Aktuar in einer Versicherungsgesellschaft, ehe er 1990 mit seiner Familie wieder nach Israel zurückging. Für eine Überraschungsparty zum 49er seiner Frau komponierte er ein Lied, das war der Startschuss zu seiner Laufbahn als (autodidaktischer) Komponist. Das war vor 15 Jahren, damals war Berliner 60 Jahre alt.

Genesis, in Noten gegossen

"Ich bin ein religiöser Jude", sagt Baruch Berliner über sich. "Aber Gott ist so abstrakt, so fern" und er habe sich lange die Frage gestellt, "wie kann man ihn lieben?" Als er seine Frau kennenlernte, habe er erfahren, wie. "Ich bin auch der Ansicht, dass es nicht zufällig ist, dass ich sie traf." Für diese Verbindung zu Gott danke er ihr. Lange habe er dann überlegt, wie er seine Faszination für die Tora auch anderen vermitteln könne. Und dann kam die Musik ins Spiel. Er komponierte Musik, die bestimmte Passagen der Bibel beschreibt: "Genesis", "Abraham" und "Jakobs Traum". Ein Stück zu Isaak ist im Werden. Bei der Aufführung der Symphonien werden jeweils die dazugehörigen Texte vorgetragen.

Das Oratorium "Genesis" wird diesen Sonntag zum ersten Mal mit deutschem Text aufgeführt. Im MuTH im Augarten wird die Judaistin, Autorin und Sprecherin Schulamit Meixner aus der Tora vortragen. Der Nachmittag mit dem Titel "Biblical Symponies – Jüdische Musik goes Klassik" steht im Zeichen des 70. Geburtstag Israels und von Leonard Bernstein, der vor 100 Jahren geboren wurde. Neben Berliners ""Genesis" werden auch Bernsteins Symphonie Nr. 1 "Jeremiah" sowie Viktor Ullmanns Variationen und Fuge über ein Hebräisches Volkslied zu hören sein.

Berliner reist zu dem Konzert (das in Kooperation mit IKG Kultur veranstaltet wird) mit seiner Frau Ruhama und seinem Freund Nachum Slutzker nach Wien. Slutzker sei nicht nur sein Manager, sondern helfe ihm auch beim Abstimmen der Kompositionen. Worauf er sich abseits der Erstaufführung seines Oratoriums in deutscher Sprache freut? Auf eine Besichtigung der Zwi Perez Schule, die seine Mutter und ihre Geschwister besucht hatten und die von seinem Großvater gefördert worden war, wie Berliner mir erzählte. Die Schule wurde Jahrzehnte nach der Schließung durch die Nationalsozialisten von der Wiener jüdischen Gemeinde neu gegründet. Berliner wird sich aber auch auf den Weg zum Zentralfriedhof machen. Dort ist sein Großvater begraben, der ihm von seiner Familie als besondere Persönlichkeit beschrieben worden sei. "Ich bin nach ihm benannt."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-10 17:37:28
Letzte Änderung am 2018-10-10 17:39:29


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