• vom 16.10.2018, 11:14 Uhr

Jüdisch leben

Update: 16.10.2018, 14:18 Uhr

Jüdisch leben

Gedenkjahr in bewegten Bildern




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Von Alexia Weiss

  • Wenn Bundespräsident Alexander Van der Bellen in der Präsidentschaftskanzlei "Die Stadt ohne Juden" zeigt, dann ist Gänsehautfeeling angesagt. Und wenn Ruth Beckermann in "Waldheims Walzer" den Präsidentschaftswahlkampf von 1986 in Bildern auferstehen lässt, dann schaudert man ob des Antisemitismus lange nach Kriegsende. Über zwei österreichische Filme, die das heurige Gedenkjahr 1918 – 1938 – 2018 prägen.

Das Porträt Kurt Waldheims (an den Präsidentschaftswahlkampf von 1986 erinnert derzeit Ruth Beckermanns Film "Waldheims Walzer") in der Präsidentschaftskanzlei, wohin der amtierende Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Montag zu einer Vorführung von "Die Stadt ohne Juden" lud.

Das Porträt Kurt Waldheims (an den Präsidentschaftswahlkampf von 1986 erinnert derzeit Ruth Beckermanns Film "Waldheims Walzer") in der Präsidentschaftskanzlei, wohin der amtierende Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Montag zu einer Vorführung von "Die Stadt ohne Juden" lud.© Alexia Weiss Das Porträt Kurt Waldheims (an den Präsidentschaftswahlkampf von 1986 erinnert derzeit Ruth Beckermanns Film "Waldheims Walzer") in der Präsidentschaftskanzlei, wohin der amtierende Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Montag zu einer Vorführung von "Die Stadt ohne Juden" lud.© Alexia Weiss

Jüdische Männer, Frauen, Kinder steigen mit Sack und Pack in Züge und eine wehklagende Stimmung herrscht: Das Bild des Grauens. Wenn das Filmmaterial auch noch schwarz-weiß ist und die Lokomotive Dampfschwaden in Richtung Himmel stößt, dann folgen in der Assoziationskette Konzentrationslager und Gaskammern.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen lud Montag Abend zur einer Vorführung des 1924 veröffentlichten Films "Die Stadt ohne Juden" von Hans Karl Breslauer, basierend auf dem gleichnamigen zwei Jahre zuvor erschienenen Roman von Hugo Bettauer, in die Präsidentschaftskanzlei. Was als Satire beziehungsweise Utopie geschrieben und gedreht wurde, ist heute mit dem Wissen um die Schoa bedrückendes Zeitdokument. Die Züge im Film führten noch nicht in die Vernichtung. Das, was der Zuseher hier heute automatisch mitdenkt, war von den politisch Verantwortlichen noch nicht angedacht.

Und dennoch. Was die Filmaufnahmen – Teile wurden am und um den Ballhausplatz gedreht und zeigten damit Szenen auf jenem Straßenzug, den man betritt, wenn man die Präsidentschaftskanzlei verlässt – zeigen, sei, dass in den 1920er Jahren nicht mehr alles Zukunft gewesen sei, so der Bundespräsident. Der Antisemitismus sei physisch präsent gewesen. Das habe zum Beispiel auch eine Ausstellung an der Universität Wien anlässlich des 650-Jahr-Jubiläums gut dokumentiert. Was man sich aber damals noch nicht vorstellen habe können, sei, worin die Diskriminierung schließlich mündete, betonte Van der Bellen.

Utopie und Realität

Die aus heutiger Sicht naiv wirkende Auflösung Bettauers war, dass die Menschen, die Wirtschaft, die Politik rasch merken, dass es dem Land ohne Juden schlechter geht. Und dass es dann einem Juden, der inkognito zurückgekehrt war, mit allerlei Husarenstückchen gelang, das Parlament dazu zu bewegen, mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit zu beschließen, dass Juden wieder zurückkehren können.

Die Wirklichkeit sah anders aus – auch für Bettauer selbst, der Mitte der 1925 erschossen wurde, und das von einem Mann, der der NSDAP bei-, dann aber wieder ausgetreten war. Nach dem Mord erhielt der Täter Otto Rothstock aber Unterstützung von NS- beziehungsweise NS-nahen Freunden und Anwälten. Er wurde schließlich vom Gericht als nicht zurechnungsfähig eingestuft und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, die er allerdings bereits 1927 wieder verlassen und unbehelligt weiter leben konnte.

Eine Analogie zum Buch und Film zog der Bundespräsident aber: Bettauer skizziert an Hand eines Modehauses, wie nach Ausreise der Jüdinnen kein Interesse mehr an Neuem, Verspieltem besteht und die Damen sagen, sie könnten sich ja bereits Vorhandenes umarbeiten lassen. Der nunmehrige Geschäftsinhaber – aus heutiger Sicht könnte man auch sagen: "Ariseur" – beschließt daraufhin, die Auslagen mit Loden zu füllen. Und aus einer Konditorei, die ebenfalls nicht mehr gut besucht ist, wird kurzerhand ein Bierlokal, in dem sich nun Männer mit Trachtenhut betrinken. Van der Bellen prangerte in seiner kurzen Rede vor Filmbeginn den Kahlschlag an den Universitäten durch die Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden an. "Die Diskriminierung und Vertreibung haben die Universitäten zu einem intellektuellen Armenhaus gemacht." Und das habe sich erst nach vielen Jahrzehnten geändert.

Das Buch, der Film können heute zum Anlass genommen werden, über den feindseligen Umgang mit Minderheiten heute nachzudenken, so Van der Bellen, der betonte, es sei ihm wichtig, diesen Film im heurigen Gedenkjahr auch in einem politischen Kontext und damit eben in der Präsidentschaftskanzlei zu zeigen. Die Filmrarität wurde ja erst kürzlich durch das Film Archiv Austria nach einem Flohmarktfund verschollener Filmsequenzen der Arbeit Breslauers und dank einer erfolgreichen crowd funding Initiative restauriert. Obwohl schon fast 100 Jahre alt wurde der Stummfilm damit einer der wichtigsten österreichischen Filme dieses Jahres.

Die Waldheim-Jahre

Ein anderer österreichischer Streifen läuft derzeit in den heimischen Kinos, der zeigt, wie präsent der Antisemitismus in diesem Land auch Jahrzehnte nach dem Holocaust noch war. Ruth Beckermann lässt in "Waldheims Walzer" den Bundespräsidentschaftswahlkampf von 1986 wiederauferstehen, in dessen Zug die SA-Zugehörigkeit von Kurt Waldheim, aber auch dessen Kriegsjahre als Offizier am Balkan zum Thema wurden. Für diese Dokumentation verwendet sie teils eigenes Material aus der Zeit, teils greift sie auf vorhandenes Filmmaterial, auch ausländischer Sender, zu.

Da pöbelt ein Mann offen antisemitisch auf der Straße, da verliert Waldheim bei einem Fernsehinterview die Contenance und haut nicht nur im übertragenen Sinn auf den Tisch. Da reiten die damaligen ÖVP-Granden aus und stellen sich schützend vor Waldheim, indem sie verbale Attacken gegen den Jüdischen Weltkongress reiten, darunter Michael Graff, aber auch ein Politiker, der heute vor allem für sein symbolisches Durchschneiden des Eisernen Vorhangs in Erinnerung ist: Der erst vergangenes Jahr verstorbene Alois Mock, er war 1986 ÖVP-Klubobmann im Parlament.

Beckermann hat mit "Waldheims Walzer" keine Dokumentation vorgelegt, die objektiv sein will. Sie zeigt sich hier als Teil einer Gruppe, die damals überlegte, wie gegen einen möglichen Sieg Waldheims bei der Wahl angekämpft werden könnte. Dokumentieren oder protestieren? Immer wieder taucht diese Frage in der Filmarbeit auf. Ich halte diese Frage für so essenziell wie den gesamten Film Beckermanns, der übrigens von Österreich für den diesjährigen Auslands-Oscar eingereicht wurde.

Nur beobachten oder sich auch engagieren

Dürfen Chronisten, Journalisten, Dokumentarfilmer, Medienmacher politische Position beziehen? Sie dürfen nicht nur, sie machen es auch, dann etwa, wenn Kommentatoren klar ihre Meinung schreiben oder sprechen. Wie verhält es sich aber mit der Teilnahme an Protesten, an Demonstrationen, dem Unterzeichnen von Petitionen? Ich sehe die Trennlinie hier, wo es um Parteipolitik geht. Wenn ich mich als Journalist, als Journalistin für eine Partei engagiere und aus dieser Position heraus gegen andere protestiere, diese kritisiere, dann macht das meine journalistische Arbeit zunichte. Anders verhält es sich, wenn ich mich für Demokratie, für Menschenrechte, gegen Ausgrenzung einsetze. Das sind gesamtgesellschaftliche Anliegen.

Und insoferne schöpft Beckermann hier auch aus einem eigenen Antrieb, die dem Film zusätzliche Kraft verleiht. Die junge Jüdin Beckermann fing in einer politisch brisanten Zeit das auf Filmmaterial ein, was ihr damals wichtig und dokumentierenswürdig erschien (sehr eindringlich auch eine Szene, in der der damals ebenfalls noch sehr junge Doron Rabinovici das Mikrofon ergreift), Jahrzehnte später verwendet die renommierte Filmemacherin das damals entstandene Material als Basis für einen Film, der aus meiner Sicht ebenso Zeitdokument ist wie Breslauers "Die Stadt ohne Juden".





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-16 11:29:37
Letzte Änderung am 2018-10-16 14:18:11


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