• vom 24.10.2018, 11:46 Uhr

Jüdisch leben

Update: 24.10.2018, 13:04 Uhr

Jüdisch leben

Kein Opfer, sondern Kämpfer




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Von Alexia Weiss

  • Rudi Gelbard (1930-2018), Holocaustüberlebender und lebenslanger Kämpfer gegen Faschismus und Rechtsextremismus, ist nicht mehr. Er starb nach langer, schwerer Krankheit in der Nacht auf Mittwoch in Wien.

Überlebender des Holocaust und Zeitzeuge Rudolf Gelbard im November 2016.

Überlebender des Holocaust und Zeitzeuge Rudolf Gelbard im November 2016.© APAweb/APA, GEORG HOCHMUTH Überlebender des Holocaust und Zeitzeuge Rudolf Gelbard im November 2016.© APAweb/APA, GEORG HOCHMUTH

Die Trauer in der Wiener jüdischen Gemeinde ist groß. Viele wussten, dass er schwer erkrankt war. Viele vermissten ihn bei Veranstaltungen, zu denen er, wäre es ihm gut gegangen, selbstverständlich gekommen wäre. Und dennoch ist es dann niederschmetternd, wenn die Nachricht eintrifft, er ist nicht mehr. Nun ist es so weit. Der Himmel schüttet Regen über Wien und wir tun es ihm gleich und trauern. Lieber Rudi, es war ein letzter schwerer Kampf, den du wusstest, nicht mehr gewinnen zu können. So hast du um Zeit gekämpft, um Monate, um Wochen.

"Ich bin es, Ihr Leser": Viele Jahre lang war das Rudi Gelbards Begrüßungsritual, wenn er mich bei Veranstaltungen in der jüdischen Gemeinde sah. Später, als wir einander besser kannten, fragte er: "Und, was gibt es Neues?" Informiert zu sein war für ihn, der selbst Jahre lang in der Redaktion des Kurier gearbeitet hatte, wichtig. Dass er dennoch fast schon anachronistisch stets Print vorzog und sich nicht in die Welt des Internet begab, wunderte mich. Als ich ihn danach fragte, gab er eine Antwort, die ich nicht erwartet hatte, die aber so nachvollziehbar war. Er wüsste, dass er dann "ins Uferlose" gehen würde. Er kenne sich. Aber er brauche Ruhe. Und dann erzählte er von jenen Überlebenden der Schoa, die Selbstmord begangen hatten und ließ damit durchblicken, dass es eben auch immer die schweren Momente, die unaushaltbaren Momente gibt.

Theresienstadt überlebt

Rudi Gelbard sah sich als Kämpfer. Als ich vor etwa einem Jahr begann, lange Gespräche mit ihm zu führen, um ihn für "WINA – Das jüdische Stadtmagazin" zu porträtieren, da wurde rasch klar: Die Opferrolle will er sich nicht überziehen. Auch nicht im Rückblick, wenn er über das Wien seiner Kindheit in der Nazi-Zeit erzählte. Auch nicht, wenn er sich an Theresienstadt zurückerinnerte. Rudi wollte nicht als Opfer wahrgenommen werden, sondern als Kämpfer. Er war ein Überlebender, meinte aber, nicht aus dieser Position heraus etwas zu sagen zu haben, sondern deshalb, weil er Zeit seines Lebens gegen Faschisten und Rechtsextremisten kämpfte. Mit Worten, aber in jüngeren Jahren auch schon einmal mit Fäusten.

Mich lehrte er damit, ohne dass dies seine Absicht gewesen wäre, dass es im Leben eben nicht nur schwarz und weiß gibt. Dass am Ende niemand über Moral in bestimmten, unfassbar düsteren Zeiten sprechen darf, der nicht dabei war. Über Gefühle sprach Rudi nicht gern, lieber ließ er Bücher, Zitate, andere für sich sprechen. Worte als Schutzwall. Rudi versuchte immer, mit Fakten zu argumentieren. Mit historischem Wissen. Sehr selten mit Emotionen.

Und doch gibt es Schilderungen von ihm, die man als Gegenüber nicht emotionslos erfassen konnte. Wie etwa jene, als er mir vom April 1945 erzählte. Immer noch kamen damals Züge mit deportierten Jüdinnen und Juden in Theresienstadt an. "Wir mussten die Waggons aufmachen, da waren sehr viele Tote und völlig verrohte noch Lebende, und wir mussten sie mit einem Stock voneinander trennen. Wir haben immer ein bisschen Essen aufgespart, aber da hat jeder jedem, egal ob Professor für Ethik oder Arbeiter, das Brot aus dem Mund gerissen." Was geht in einem solchen Moment in einem vor?, habe ich ihn gefragt. "Man denkt nur daran, dass man sie trennen muss, mit dem Stock. Und da war eine Partieführerin, eine blonde, blauäugige Tschechin, eine Jüdin. Die hat gesagt, Rudi, das darfst du nie vergessen, das darf nie wieder vorkommen. Aber dass Menschen so verrohen, das kann man ihnen nicht vorwerfen."

Man stumpft ab

Ebenfalls kurz vor Kriegsende, die Alliierten waren bereits auf dem Weg nach Theresienstadt, wollten die Nazis alle Beweise vernichten, darunter auch die Pappurnen mit den verbrannten Überresten der im Lager Verstorbenen und Ermordeten. Rudi wurde dazu eingeteilt, mit anderen auf einem Kipplaster zu stehen und die Kartons aufzureißen – die Asche sollte später in den Elbe-Nebenfluss Eger gekippt werden. "Das war eine grauenhafte Geschichte. Ich war da am Lastwagen. Ich habe die Urnen aufgerissen, und das ist heruntergekullert. Ich hatte Asche auf den Füßen, und Knochen. Es ist ja nicht total verbrannt. Ich bin dann in einem Berg von Asche gestanden." Wie hält man so eine Situation aus?, wollte ich wissen. "Man war ja im Lager abgestumpft. Man gewöhnt sich an viele Dinge. Die Abschiede zum Beispiel, die man am Bahnhof beobachten konnte. Unglaublich, an was sich der Mensch gewöhnt."

Lieber Rudi, ich weiß, dass du über solche Erinnerungen, nicht sehr gerne gesprochen hast. Und ich bin dir sehr dankbar, dass du es doch getan hast. Es sind solche Momente, in denen sich alles relativiert, und in denen so klar wird, wie unfassbar unmenschlich der Nationalsozialismus war. Und dass es alles zu bekämpfen gilt, was nur ansatzweise in diese Richtung weist. Genau das hast du dein ganzes Leben lang getan. Danke, lieber Rudi. Baruch dayan haemet.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-24 11:51:10
Letzte Änderung am 2018-10-24 13:04:41


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