• vom 01.11.2018, 17:02 Uhr

Jüdisch leben

Update: 01.11.2018, 18:37 Uhr

Jüdisch leben

Grabenkämpfe




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Von Alexia Weiss

  • Orthodoxie und nicht-orthodoxes Judentum pflegen die gegenseitige Abneigung, teils selbst nach einem so traurigen Anlass wie dem Attentat von Pittsburgh. Im Sinn gemeinsamer Stärke wäre das Überwinden von Gräben jedoch sinnvoll. Theodor Much hat nun ein Buch vorgelegt, das als Basis vieler Diskussionen dienen könnte.

Alexia Weiss - © Paul Divjak

Alexia Weiss © Paul Divjak

Elf Jüdinnen und Juden wurden in Pittsburgh, USA, von einem antisemitischen Attentäter hingemetzelt. Motiviert wurde die Tat durch seinen Zorn über die jüdische Hilfsorganisation HIAS (Hebrew Immigrant Aid Society), die heute Verfolgten der verschiedensten Ethnien und Religionen unter die Arme greift. Geholfen wird allen, die verfolgt sind, weil sie sind, wer sie sind, benennt HIAS auf ihrer Website ihr Ziel und ihre Motivation. Das stieß dem Mann, der laut Medienberichten der White Supremacy Bewegung nahe stand, auf – er wollte laut Angaben nicht mehr zusehen, wie hier "Invasoren" ins Land geholt würden. Das kostete elf unschuldige Menschen, die nichts anderes taten, als in der Synagoge zu beten, das Leben, und einige mehr wurden verletzt.

Die Tat löste weltweit nicht nur in den jüdischen Gemeinden Entsetzen aus. Auch Politiker aus den verschiedensten Ländern verurteilten die Tat. Umso skurriler mutete es an, welche Diskussion sich in den sozialen Medien in den Tagen nach dem Attentat über Aussagen des aschkenasischen Oberrabbiners Israels, David Lau, entwickelte. Laut Medienberichten soll er gesagt haben, dass es sich bei der Synagoge, in der das Attentat statt fand, um keine Synagoge handle. Das sorgte unter vielen Jüdinnen und Juden für Empörung. Die Tree of Life-Synagoge gehört zum Conservative movement, ist also keine orthodoxe Gemeinde. Dass ein namhafter orthodoxer Rabbiner angesichts einer solchen Tragödie auf diesen Umstand hinweist und sogar einer Synagoge abspricht, Synagoge zu sein, das schien ein Skandal für sich zu sein.

Inzwischen haben sich die Wogen geglättet. Die JTA (Jewish Telegraphic Agency) stellte am Dienstag klar, dass Oberrabbiner Lau der Tree of Life-Synagoge nicht abgesprochen habe, eine Synagoge zu sein. Ganz im Gegenteil, er habe den hebräischen Begriff beit knesset verwendet. Übrig blieb ein Missverständnis, das Übersetzungsfehlern oder überzogenen Interpretationen geschuldet war. Ein Missverständnis allerdings, das zeigt, wie tief die Gräben zwischen orthodoxem und nicht-orthodoxem Judentum verlaufen. Die einen werfen den anderen vor, nicht zeitgemäß zu sein, diese wiederum meinen, alleinige Vertreter des Judentums zu sein beziehungsweise für den Fortbestand des Judentums zu sorgen.

Buch "Faszination Judentum"

Theodor Much, Präsident von Or Chadasch, der liberalen jüdischen Gemeinde in Wien, hat nun mit dem Buch "Faszination Judentum. Grundlagen – Vielfalt – Antijudaismus" (erschienen im LIT Verlag, Präsentation am 8. November um 18.30 Uhr im Jüdischen Museum Wien) ein Sachbuch vorgelegt, das das Judentum in all seinen Facetten schildert. Bei den verschiedensten Aspekten wird sowohl die orthodoxe als auch die liberale Position erörtert, wobei der Autor naturgemäß jeweils für die Reformposition argumentiert. Daraus ergibt sich allerdings nicht nur eine interessante Lektüre, sondern auch jede Menge Stoff für interessante Diskussionen.

Wer ist Jude oder Jüdin? Hier gibt es laut Orthodoxie eine klare Antwort: Wer von einer jüdischen Mutter zur Welt gebracht wurde oder nach orthodoxem Ritus zum Judentum übergetreten ist. Im Reformjudentum sieht das schon ein wenig anders aus. Auch wenn sich in Europa auch viele liberale Gemeinden an die Mutter-Regelung halten, gibt es vor allem in den USA auch Communities, die Kinder jüdischer Väter und nichtjüdischer Mütter als Mitglieder akzeptieren. Das allerdings führt zu familienrechtlichen Schwierigkeiten. Denn von der Orthodoxie werden sie nicht als jüdisch anerkannt. Ähnlich verhält es sich mit Übertritten in Reform- oder anderen nicht-orthodoxen Gemeinden (da gehört das Conservative judaism eben auch dazu).

Much führt aber noch viele weitere Unterschiede an: Von der Stellung der Frau im Gottesdienst (in liberalen Synagogen sitzen Frauen nicht in einem abgetrennten Raum, sie können ebenso zur Tora aufgerufen werden und es gibt auch Rabbinerinnen) über das Thema Empfängnisverhütung bis zum Umgang mit Schabbat. Da das heutige Leben mit sich bringe, dass nicht jeder in Fußnähe zu einem Gotteshaus wohne, werde es in liberalen Gemeinden vielfach akzeptiert, mit dem Auto oder einem öffentlichen Verkehrsmittel zur Synagoge zu fahren, so Much.

Erhalt des Judentums

Die Kernfrage aber scheint mir zu sein: Welche Ausrichtung wird zum langfristigen Erhalt des Judentums beitragen? Das orthodoxe Judentum, das die Regeln streng auslegt und so dafür sorgt, dass die Religion nicht verwässert wird. Oder das liberale Judentum, das es Menschen möglich macht, einen modernen, vor allem aber an die Mehrheitsgesellschaft sehr angepassten Alltag mit dem Glauben zu verbinden. Beide Seiten haben überzeugende Argumente. Beide Seiten führen an, jene Bewegung mit der wachsenden Mitgliederzahl zu sein. Vielleicht braucht es ja aber eben beide Wege, beide Ausrichtungen, die sich nach innen nochmals in verschiedenste Wege aufsplittern. Nur gemeinsam ist man stark, das zeigt sich nicht zuletzt in Krisenzeiten.

Wenn 2018 ein Attentäter Menschen nur deshalb erschießt, weil sie jüdisch sind, dann sind das Krisenzeiten. Seit Jahren prangern jüdische Gemeinden weltweit steigenden Hass im Netz gegen Juden an, tätliche Angriffe, wie etwa in Deutschland oder Großbritannien, aber auch antisemitisch motivierte Morde wie in Frankreich. Das Attentat von Pittsburgh ist trauriger Höhepunkt einer befremdlichen Entwicklung. Vielfach wird aus meiner Sicht allerdings kleingeredet, was in sozialen Medien passiert. Antisemitismus im Netz, der sei ja nicht so schlimm wie der tätliche. Der sei zu verurteilen, klar, aber das sei doch etwas anderes als körperlich angegriffen zu werden. Das Attentat von Pittsburgh hat aufgezeigt, dass aus dem Hassschreiber im Netz auch ein Mörder im realen Leben werden kann. Der Täter hatte zuvor seinem Antisemitismus in sozialen Medien freien Lauf gelassen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-01 17:06:01
Letzte Änderung am 2018-11-01 18:37:56


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