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Update: 19.09.2012, 15:50 Uhr

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Von Gerald Schmickl

  • Literaturfestival "Sprachsalz" in Hall in Tirol

Pointierte Sprachspielerin: die Schweizerin Daniela Dill.

Pointierte Sprachspielerin: die Schweizerin Daniela Dill.© sprachsalz Pointierte Sprachspielerin: die Schweizerin Daniela Dill.© sprachsalz

Von Loriot stammt der Satz, dass ein Leben ohne Mops zwar grundsätzlich vorstellbar, aber völlig sinnlos sei. An diese Weisheit hält sich auch das Literaturfestival "Sprachsalz" in Hall in Tirol, das dieses possierliche Hündchen zum Maskottchen und Emblem gewählt und naheliegenderweise nach Ernst Jandls Gedicht "Ottos Mops" ("Lulus Pooch" in der englischen Übersetzung!) benannt hat. Auch bei der heurigen zehnten Auflage der Veranstaltung am Fuße der Nordkette war der kleine schwarze Otto wieder mit dabei - und beschnüffelte Autoren- und Besucherbeine mit seiner platten Nase.

Mitterer im Käfig
Auf den Hund gekommen ist das renommierte Festival deswegen aber keineswegs. Eher schon auf den Affen - denn mit einem solchen begann der heurige Lesereigen. Es brauchte schon ein gutes Auge oder die dementsprechende Information, in dem auftretenden haarigen Wesen den Tiroler Dramatiker Felix Mitterer zu erkennen, der in diesem Aufzug Kafkas "Bericht für eine Akademie" in erstaunlich naturalistischer Anverwandlung vortrug.


Was heißt vortrug - er deklamierte, raunte, schrie, dabei einen Käfig in äffischem Schritt umkreisend, bisweilen auch darin hockend, um die Geschichte der Menschwerdung eines Schimpansen in allen Episoden und Dimensionen darzustellen. Und er sang, denn das - heuer auch schon bei den Telfser Volksschauspielen aufgeführte - Stück ist als eine Art Revue angelegt, mit Schlagern aus den Zwanzigerjahren als Zwischencouplets, die von Mitterer mit kräftiger Stimme geschmettert werden, wie der Tiroler Autor ("Piefke Saga") sich hier generell nicht nur in ungewohnter Rolle, sondern als exzessiver und spielfreudiger Mime zeigen darf.

Felix Mitterer in ungewohnter Maske und Rolle . . .

Felix Mitterer in ungewohnter Maske und Rolle . . .© sprachsalz Felix Mitterer in ungewohnter Maske und Rolle . . .© sprachsalz

Literatur mit verschiedensten inszenatorischen Mitteln darzustellen war dem Festival in diesem Jubiläumsjahr ein besonderes Anliegen. Nach dem mit viel darstellerischen Furor betriebenen Beginn gab es ein nicht weniger imponierendes Finale, in welchem der deutsche Schauspieler Thomas Sarbacher eine unveröffentlichte Erzählung des heute weitgehend unbekannten Autors Egon Monk aus dem Jahr 1970, "Industrielandschaft mit Einzelhändlern", in szenischer Lesung vortrug. Mit wenigen, aber höchst effektiven, größtenteils nur sprachlichen Mitteln verlieh Sarbacher dem etwas ausufernden Monolog eines vor dem Bankrott stehenden Drogisten eine beklemmende - und beklemmend aktuelle - Präsenz.

Aber es waren nicht nur Schauspieler und schauspielernde Dramatiker, welche die performativen und dramaturgischen Möglichkeiten der Literatur ausloteten, sondern auch genuine Autoren, die den Echo- und Spielraum von Worten und Sätzen erkundeten. Wie etwa die Schweizerin Daniela Dill, eine der Entdeckungen des heurigen Festivals. Die von der Slam Poetry kommende junge Autorin begleitet ihre kleinen, mit Sprachwitz und Lautpoesie gespickten Geschichten mit sparsamen, dirigentenhaft wirkenden Armbewegungen. Man folgt dieser feinsinnigen Wortjongleurin gerne in ihre aus dem Geist der Assoziation geborenen Sprachwelten - und landet, wie schon mit Mitterer, bei Kafka, diesmal allerdings in vollendeter Farce.

"Kafkaesk oder Kafka, ich will ein Kind von dir" heißt einer der Kurztexte, die Dill im an sich schon lautmalerisch klingenden eidgenössischen Singsang zum Besten gab. Und selbst im vergleichsweise platten Druck klingt noch viel vom rhythmisierten Duktus dieser pointierten, mit großen Dichternamen Schabernack treibenden Prosa an:

"Stephen King, John Irving, Günter Grass und Ernst Blass, Takeshi Kitano, Felice Picano, Babel, Bode, Benjamin, Pawel, Popow und Puschkin, jeden lass ich an mich ran - wenn er mich begeistern kann! Und wie ich, Wochen später, die Idee gebar, sah ich deutlich, sah ich klar, dass Kafka doch der Zeuger war."

Lapsus als Luxus
Auch Bas Böttcher aus Berlin ist ein solcher, durch zahlreiche Slam-Poetry-Fegefeuer gegangener Sprechsteller, der mit kurzen, die Wortbedeutungen durcheinander wirbelnden Sentenzen in oft rasendem Stakkato verblüfft und begeistert. Sein der Popkultur mehr als verwandter Wordrap gefällt, wie sich in Hall zeigte, nicht nur den jungen Zuhörern, sondern auch den weißhaarigen Deutschlehrern, die darin geschickt gereihte Versatzstücke aus dem Bildungsfundus - noch dazu in versiertem Versmaß! - erkennen dürfen. Und auch der unmodern gewordenen Tugend des Auswendiglernens wird wieder zu Geltung verholfen.

Selbst aus der bei diesem Sprechtempo stets lauernden Gefahr des Verhaspelns und Verplapperns schlägt Böttcher noch witzige Funken, schließlich ist sein Motto: "Jeder Lapsus ist ein Luxus" - und "Ich bin ein Verssager, kein Versager!"

Weder Verssager noch Versager ist der Schweizer Autor Christian Uetz. Bei ihm geraten die in aberwitziger Geschwindigkeit und in ebensolcher Konstruktion verfertigten und vorgetragenen Sätze oft schon in die Nähe von Obsessionen. Es sind mehr rasende Litaneien als noch mit Handlung oder nachvollziehbarem Sinn versehene Szenen, die er in zwar beeindruckender, aber auch den Zuhörer enorm anstrengender Sprechweise vom Stapel lässt. Es grenzt bisweilen an ein literarisiertes Tourette-Syndrom, was einem da in wilder Manier ans Ohr dringt.

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Dokument erstellt am 2012-09-18 15:47:09
Letzte Änderung am 2012-09-19 15:50:50


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