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Literarischer Liebestod im Liegestuhl




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Von Hermann Schlösser


    Thomas Mann, ca. 1910.

    Thomas Mann, ca. 1910.© Hutton-Deutsch Collection/Corbis Thomas Mann, ca. 1910.© Hutton-Deutsch Collection/Corbis

    Wenn sich ein Leistungsethiker gehen lässt, gerät er in Turbulenzen. Im schlimmsten Fall ergeht es ihm wie dem Schriftsteller Gustav von Aschenbach, der in Venedig Erholung sucht und den Tod findet. Das ist die Moral, die sich aus der 1912 verfassten Erzählung "Der Tod in Venedig" herausdestillieren lässt. Allerdings enthält dieses Meisterwerk des 37-jährigen Thomas Mann nicht nur strenge Kunst- und Lebensregeln. Je häufiger man den Text liest, desto schöner zeigen sich darin die stilistische Finesse, der psychologische Scharfblick und die raffinierte Ironie dieses Klassikers der Moderne.

    Der Dichter Gustav von Aschenbach, der seinen literarischen Erfolg nicht einer genialisch leichten Hand verdankt, sondern stetiger Bemühung, fühlt sich "überreizt". Er beschließt, eine Reise an die Adria zu unternehmen, auf der Suche nach "etwas Ste-greifdasein, Tagedieberei, Fernluft und Zufuhr neuen Blutes". ("Stegreifdasein", "Fernluft" - solche schönen, preziös-präzisen Vokabeln liebte Thomas Mann.)


    Da Aschenbach verwitwet ist und seine Tochter längst erwachsen, reist der Mittfünfziger alleine. Erst nach einigen Umwegen erkennt er, dass sein Wunschziel Venedig heißt. Diese edel vor sich hin welkende Lagunenstadt hat ihn zwar bei einem früheren Besuch sehr beunruhigt, aber jetzt, im Zustand der Erschöpfung, wird er von ihrer Morbidezza stark angezogen.

    Standesgemäß quartiert er sich in einem Grand Hotel am Lido ein. Dort wohnt auch ein vierzehnjähriger polnischer Jüngling namens Tadzio mit seiner Mutter und seinen Schwestern. Dieser Halbwüchsige erscheint dem alternden Dichter als Inbild der vollkommenen Schönheit. Gegen alle Vorsicht verliebt er sich in ihn.

    Es ist bekannt, dass Thomas Mann seiner Kunstfigur Aschenbach eigene homoerotische Neigungen zugeschrieben hat. Man kennt sogar den Namen eines polnischen jungen Barons, an dem der Autor während eines Venedig-Aufenthalts insgeheim Gefallen fand (ohne daran zu sterben): Władysław Moes, genannt "Adzio". Doch wird dieses Eigenerlebnis vollkommen sublimiert; übrig bleibt eine sorgfältig stilisierte Künstlernovelle, in deren Verlauf ein Dichter erst ein heimliches Glück, dann einen kreativen Schub und schließlich seinen Ruin erlebt.

    Am Anfang betrachtet Aschenbach den Knaben distanziert wie ein Kunstwerk. Zu den vielen feinen Beobachtungen des Textes gehört jener Augenblick, in dem Aschenbach geradezu erleichtert feststellt, dass Tadzios Zähne nicht sehr ansehnlich sind - als ob sich der Betrachter gegen den überwältigenden Eindruck wehren müsste, indem er wenigstens eine Hässlichkeit an dem vollkommenen Körper entdeckt. Sehr wirksam ist dieser Abwehrzauber nicht. Aschenbach verfällt zunehmend dem Knaben - oder richtiger gesagt, er verliert sich vollends in all jenen lang entbehrten Glücksgefühlen, die der Anblick eines hübschen Menschen in ihm hervorruft.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-01-11 12:41:06
    Letzte Änderung am 2016-01-11 12:53:05


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