• vom 20.02.2016, 16:00 Uhr

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Spannend, aber kein Meisterwerk




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Von Michael Rohrwasser


    Autor der bis heute überschätzten Novelle: Stefan Zweig.

    Autor der bis heute überschätzten Novelle: Stefan Zweig.© AS400 DB/Corbis Autor der bis heute überschätzten Novelle: Stefan Zweig.© AS400 DB/Corbis

    Wenn Schullektüren über Generationen dieselben bleiben, zeugt das nicht unbedingt von der Qualität der Werke, die immer aufs Neue gelesen werden, sondern eher von der Trägheit des Systems oder auch der Lehrer, die ihre Unterrichtseinheiten ihren Nachfahren vererben. Als ich vor fünfzig Jahren im Deutschunterricht vorlaut war und auf die Frage des Deutschlehrers, wer die "Schachnovelle" kenne, antwortete, "Kam gestern im Fernsehen, ist klasse", hatte das eine Strafarbeit zur Folge, ungefähr zum Thema, warum Verfilmungen immer schlechter als die literarischen Originale sind. Weil aber die Kinder meiner Kolleginnen und Kollegen in der Schule immer noch die "Schachnovelle" lesen und weil Ulrich Weinzierl mir kürzlich versicherte, das sei ein Meisterwerk, habe ich die Novelle nun zum zweiten Mal gelesen, und seither bin ich eigentlich sicher, dass Herr Weinzierl bei seiner Erklärung mit den Augen zwinkerte und ich das übersehen habe.

    Es ließe sich einiges zitieren, was den Status dieser Novelle - das letzte Werk Zweigs, entstanden im Exil in Brasilien, 1942 erschienen, Millionenauflage - hervorhebt: wie psychologisch subtil, politisch forciert und sprachlich ausgefeilt das sei, ein "Glücksfall ausgereifter Erzählkunst". Aber nach der Wiederlektüre muss ich sagen: nichts davon leuchtet mir ein. Der Wiedererkennungswert war nicht sehr groß, vielleicht hatte ich auch eher eine Erinnerung an den Film, wo Curd Jürgens und Mario Adorf sich über das Brett beugen. Von Schach, soviel ist schnell klar, hatte Stefan Zweig keine Ahnung (vergleicht man’s zum Beispiel mit Nabokovs Roman "Lushins Verteidigung"). Der Einfall, dass ein Autodidakt, der ein paar Monate gegen sich selbst gespielt hat, einen Schachweltmeister besiegen kann, ist kümmerlich.

    Auch dass dieser "Weltschachmeister" einst ein Dorftrottel war, ist eine Kopfgeburt. Wer die Eröffnungslehren nicht kennt, der braucht gar nicht erst antreten gegen die Meister des Schachbretts, Genie hilft da nicht. Aber, so mag ein Zweig-
    Adept einwenden, "Schach" sei ja nur ein Sinnbild, hier gehe es um einen anderen Kampf. Wenn dem so ist, dann ist die Chiffre schlecht gewählt, denn eine Geschichte muss einleuchten, und das tut sie nicht.

    Wichtiger ist wohl, dass es sich um eine politische Novelle handelt, ein Hohelied des Widerstands gegen die Nazis. Ein Anwalt aus einer "hochangesehenen altösterreichischen Familie", der die Gelder von Kirche und Monarchie rettet, wird verhaftet und in eine Zelle gesteckt - ein Hotelzimmer mit Zimmerservice, karierter Bettwäsche; leider ist nichts zu lesen, weshalb er sich langweilt und anfängt, Schach zu spielen. Irgendwann sagt der Erzähler, das sei die schlimmste Folter, einen allein in ein Zimmer zu sperren, ohne Goethe und Homer. Bei diesem Diktum würden vermutlich einige alte Leute, die sich noch an ihre Haft im Gestapo-Hauptquartier im Wiener Hotel Metropol erinnern, die Stirn runzeln.

    Warum ist der Herr in der Novelle verhaftet worden? Er verweigerte die Kooperation mit den Nazis. Nun waren viele gegen die Nazis: Kommunisten, Sozialisten, Anarchisten, Katholiken, Monarchisten, Vaterlandsfreunde - sie konnten zusammen nicht kommen, die Gräben waren viel zu tief. Davon ist in der Novelle auch nicht die Rede, nur von den Kaisertreuen, und über die sagt der Erzähler, das seien die "erbittertsten Gegner" der Nazis gewesen (die deutschen Kaisertreuen waren’s eher nicht, die zogen mit im Nazi-Tross). Eine merkwürdige Widerstandsnovelle also.

    Dann bliebe noch ein letztes, starkes Argument unseres Zweig-Adepten; er könnte argumentieren: Was interessieren uns politische Positionen, es handelt sich doch um Literatur und nicht um ein politisches Feuilleton oder eine Schach-Kolumne. Dann wäre also am Ende zu fragen: Ist Zweigs "Schachnovelle" große Literatur oder wenigstens eine literarisch interessante Novelle? Meine Wiederlektüre hat wenig Argumente dafür geliefert. Die Geschichte liest sich sehr spannend, aber sie lässt einen schalen Geschmack zurück, weil sie nicht stimmig ist.

    Der Autor hat mit Sigmund Freud einen Briefwechsel geführt und diesem versichert, dass der Einfluss der Psychoanalyse auf die Literatur gewaltig sei. Das gilt gewiss nicht für die "Schachnovelle", die mit einer schlichten Küchenpsychologie auskommt und einer Erzählweise, von der nichts an die Moderne gemahnt. Schnitzler, Hofmannsthal oder Beer-Hofmann nehmen sich dagegen als Giganten aus. Die Sprache ist so altmodisch, wie es Monarchisten angemessen scheint. Der Ozeandampfer nimmt nicht Fahrt auf, die Reisegesellschaft ist behäbig, man hört ihr eher aus Höflichkeit zu. Aber dazu gibt es eigentlich keinen Grund, bei den vielen aufregenden und großen Erzählungen dieser Jahre.

    Information

    Michael Rohrwasser,geboren 1949, ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Wien.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-02-18 17:50:05
    Letzte Änderung am 2016-02-18 18:14:55


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